4. October 2013
von Jonathan
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La grande bellezza – Vom Wesen der Szene

Gerne wird La Grande Bellezza von Paolo Sorrentino als Film über Rom verkauft. Dabei ragt sein Potenzial weit über Lokalkolorit hinaus. Er ist nicht nur ein Film über die Stadt, sondern auch über die soziale Mechanik einer Society-Szene. Seine Stellung im Zentrum der römischen Society enthebt den alternden Schriftsteller Jep aus der realen Welt und versetzt ihn in eine irreale Filter-Blase. Für die Sicherung dieses eingelullten Zustandes muss er die Gesetze der Szene perfekt beherrschen. So kann er es sich leisten nicht mit den wirklichen Problemen der Menschen und erst recht nicht mit seinen eigenen auseinandersetzen. Bis die Blase rissig wird und Jep in eine Krise fällt.

Zeitgeist

Für Jep Gambardella ist das Leben in der römischen Künstler-Szene ein Leben wie im Film. Seine Auftritte sind kalkulierte Darbietungen seiner Schauspielkunst. Wer ganz oben, ganz vorne beim Spiel der Society mitspielen will, muss der Beste darin sein, ihre Regeln zu interpretieren. Und das ist er.  Aber hinter jedem Charakter und hinter jeder Darstellung befindet sich irgendwo auch noch ein echter Mensch in all seiner unansehnlichen Profanität. Während Jep erfolgreich als Szene-Star Eindruck schindet, hat er diesen Menschen in sich verloren. Doch der Tod um ihn herum und die Krise seines fortschreitenden Alters lässt ihn erinnern.  Weiterlesen →

23. August 2013
von Jonathan
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The Master – vom Herrscher und Beherrschten

The Master ist in seiner Gesamtheit ein etwas wilder, ungeschliffener Film. Sprünge, fehlende Informationen und symbolische Szenen machen es schwer ihn zu fassen. Und genau das macht seinen Reiz aus. Der Zuschauer des Films kennt diese Konstellation. Ein sprunghafter und lückenhafter Geist löst den unwiderstehlichen Reiz auf einen “writer, doctor, and theoretical philosopher” aus, ihn zu beherrschen. Wer herrscht hier über wen?

Mittel der Macht

Ein perfektes Paar: Freddie Quell ist ein Soziopath, ein Wilder, ein Tier. Lancaster Dodd ist ein Dompteur, der von sich sagt, einen Drachen an der Leine führen zu können. Zwischen den beiden gibt es eine tiefe Verbindung, die an einen Satz aus einer anderen Rolle Seymour-Hofmanns erinnert. In Capote sagt er über sein Verhältnis zum Mörder Perry Smith: “It’s as if Perry and I grew up in the same house. And one day he stood up and went out the back door, while I went out the front.” Weiterlesen →

30. May 2013
von Jonathan
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Fiktion und Freiheit – The Broken Circle

Aus einer großen Liebe wird ein unversöhnlicher Kampf der Weltsichten. The Broken Circle vom Belgier Felix van Groeningen erzählt die Geschichte eines Paares und eine Geschichte über die Rolle der Fiktion in der durchrationalisierten Welt. Fiktion als Machtinstrument bringt Verderben und Unheil, aber als Halt in Zeiten der Krisen bringt sie auch Rettung und Linderung der Schmerzen. Wer kann entscheiden, welche Fiktion wann die richtige ist?  

Fiktion als Machtinstrument

Es gibt eine lange Tradition der modernen und neuzeitlichen Kritik, der Fiktion als Mittel der Machterhaltung zu misstrauen. Sie zieht sich von der protestantischen Kritik an der Kirche über die Aufklärung bis zur heutigen Kritik des Privatfernsehens. Den Menschen nicht sagen, was wirklich ist, bedeutet ihnen die Freiheit zu nehmen. Die Freiheit entscheiden zu können und zu dürfen. Und die Freiheit mehr zu lernen und zu verstehen. Weiterlesen →

13. April 2013
von Jonathan
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“Wir” a la Steinbrück

“Diese Gesellschaft kann mehr Wir vertragen” sagte Steinbrück dem Deutschlandfunk (mp3). Und er beweist damit einmal mehr seine kommunikative Unzulänglichkeit. Nichts gegen den Slogan Mehr Wir, weniger Ich, den sich die SPD auf die Fahne geschrieben hat. Aber kann Steinbrück dieses Wir wirklich leben? Seine Paraphrase legt nahe, dass er es nicht kann. Anstatt sich als Teil dieser Gesellschaft, dieses Wirs zu sehen, trifft er eine Aussage über die Bedürfnisse der Gesellschaft. Er stellt er sich über die Menschen und nicht in deren Mitte. Es ist schon ein Kunststück: In einem Satz schafft er es, ein Motto zu nennen, und es im gleichen Zug zu konterkarieren. “Wir” à la Steinbrück heißt “Ihr”. Und damit ruft er all jene Bilder wieder hervor, die in den letzten Monaten von ihm entstanden sind. Seine Probleme mit der linken Basis, seine Probleme mit dem ‘einfachen Volk’, seine Probleme mit der Arroganz. Ich glaube nicht, dass Steinbrück das Ruder bis zu Bundestagswahl noch herumgerissen bekommt.

4. April 2013
von Jonathan
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Konservativismus und Wahnsinn – Homeland S01

Geheimdienste sind im Kern konservative Betriebe. Sie schaffen nicht, sie schützen. Und wenn der Konservatismus eine Vorteil hat, dann ist es die einfache Weltsicht. Da drüben das Neue, das Andere, das Böse – hier das Gute. So weit, so sortiert. Die Arbeit des Geheimdienstes konterkariert diese Weltsicht allerdings. Infiltration, Maskierung – Demaskierung, falsche und richtige Information. Um Klarheit zu bekommen, ist Unklarheit das beste Mittel. Homeland hat diese Mittel zu den Mitteln seines Erzählfadens gemacht. Der Zuschauer verfängt sich in den Unklarheiten einer unklar gewordenen Welt. Das Konservative erodiert zur Farce, angesichts der Herausforderungen einer multilateralen Moderne.

Agenten-Scharaden sind ein altes und beliebtes Filmthema. Und dennoch, Homeland weiß in der ersten Staffel über lange Strecken dem üblichen Katz-und-Maus-Spiel eine weitere Dimension zuzufügen. Der Zweifel ist in der Serie allgegenwärtig. Natürlich zwischen den Charakteren auf dem Handlungstableau (Wer ist gut? Wer ist böse?) – aber auch zwischen dem Zuschauer und der Heldin. Ist sie verrückt, verletzt, verwirrt? Dürfen wir sie mögen?

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