Ausbeutung 2.0

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Der interessanteste Satz auf der re:publica 2012 zum Urheberrecht fiel nicht auf einem der vielen dem Trend-Thema gewidmeten Panels. In der “ZDF Stuhlrunde” war es ein Zuschauer, der in seinem Anti-ACTA-Enthusiasmus eine mindestens auf den zweiten Blick zündstoffreiche Frage stellte. Der Redakteur vom ZDF auf dem Podium hatte zuvor erklärt, dass die Bereitstellung von Sendungen online vor allem wegen der Klärung von Musikrechten komplex und deswegen nicht möglich sei. Anstatt diese hohle Aussage als mangelnden Investitionswillen des Senders in die Online-Sparte zu entlarven und darauf hinzuweisen, dass es hier wohl kaum um Komplexität sondern viel mehr um Geld geht, entschied sich ein Zuörer für eine andere Wortmeldung:
Wenn weniger “Komplexität” im Urheberrecht gut für die einfache, nutzergerechte Verwertung sei, warum unterstütze man dann die Content-Allianz und ihren Kampf gegen ACTA?

In diesem Satz drückt sich wie kaum sonst genau jener gefährliche Moment in der Urheberrechts-Debatte aus, in dem sich Nutzer und Verwerter gemeinsam gegen das Urheberrecht und eine gerechte Bezahlung der Werkschaffenden wenden. Geht es einem solchen Nutzer wirklich darum, Ausbeutung durch die Verwerter zu verhindern? Die Auffoderung an das ZDF für ein möglichst lasches Urheberrecht zu kämpfen, damit sie ihre Inhalte ohne Kompenstion für Urheber überall verbreiten können, zeigt: Freies und faires Teilen kann allzuleicht in neuen, von den Nutzern avancierten Ausbeutungsformen 2.0 münden.

Kein ernstzunehmender Netzaktivist stellt die Forderung nach der kompletten Abschaffung des Urheberrechts (höchstens um sich plump in den Buzz einer aktuellen Debatte zu manövrieren und das eigene Profil als vortragsreisender Provokateur auszubauen – übrigens auch ein interessantes parasitäres Geschäftsmodell auf Kosten der Urheber). Aber immer wieder drohen die Forderungen der Urheberrechts-Reformer über das Ziel hinauszuschießen und zumindest implizit in eine Ausbeutung 2.0 abzudriften. Zum Kampf der Nutzer für ein gerechteres und einfacheres Urheberrecht gehört zwingend auch das Bewusstsein, dass die Gefahr neuer, viel weniger kontrollierbarer Ausbeutungsformen droht. Ansonsten wird es noch viele weitere Tatort-Autoren-Briefe und Regener-Rants geben.

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