Blogosphäre: Von Teilhabe zur Besitzstands-wahrung

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Auf Netzpolitik hat Markus Beckedahl vor einiger Zeit eine Diskussion um den Niedergang der Kommentarkultur auf dem Blog losgetreten. Zwar will er den offenen Ansatz der Plattform bewahren, aber durch den zunehmend schlechten Stil in den Kommentaren sieht er sich genötigt, über gewisse Grenzen nachzudenken.  Es ist eine dieser typischen Diskussionen, die immer wieder auf eine Entscheidung hinauslaufen: Offenheit oder Qualitätssicherung? Im Kleinen zeigt sich der Trend, der zur Belastungsprobe für die Idealisten unter den deutschen Bloggern werden wird. 

Zwischen Stadt und Land

Der Großteil meiner paraguayischen Verwandten lebt in der Landes-Hauptstadt Asuncion. Ihre Häuser und Wohnungen unterscheiden sich im Prinzip nicht von südeuropäischen Wohngebäuden, sie wohnen “ganz normal” mit Heizungen, Klimaanlagen, Küche, Diele, Bad, usw… Auf dem Land, bei meiner Großtante sieht es anders aus. Westliche Journalisten würden von “ärmlichen” Verhältnssen sprechen. Den ganzen Tag steht die Tür auf, der rote Staub der paraguayischen Erde weht durch das Haus, als ob es kein Innen und Außen gäbe. Auch gibt es kein fließendes Wasser, morgens wird es vom Dorfbrunnen hergeschleppt. Es ist kostbar, weswegen es nicht zum Putzen genutzt wird. Der Steinboden der Zimmer innen wirkt fast wie ein Terassenboden.

Die Dorf-Verwandschaft habe ich nur besucht. Übernachtet habe ich damals bei reichen Verwandten. Eine Cousine meiner Mutter hat einen Unternehmer geheiratet, die Familie wohnte in einer Villa. Auch hier überall die rote Erde und unbefestigte Straßen, da das Viertel gerade neu gebaut wurde. Aber hohe Mauern, Glastüren und mehrere Angestellte für Garten und Haus sorgten für eine strikte Trennung zwischen dem Innen und dem Außen. Blitzsauber waren die weißen Kachelböden und selbst die Steine im Garten um den Pool herum.

Besitzstand oder Offenheit?

Was haben diese Geschichten mit dem Blogbeitrag von Markus Beckedahl zu tun? Es geht um das Verhältnis zwischen Besitz und Offenheit. Es sind die Armen, die ihre Tore weit öffnen, auch den Schmutz und den Staub hereinlassen. Sie haben kleine Häuser, sie können schnell mal gekehrt werden, sie leben ein durchlässiges Leben mit dem Außen, da von dort keine Gefahr droht. Wer interessiert sich schon für sie?

Die Reichen bauen Mauern, kehren und pflegen, schaffen Sauberkeit und Ordnung, schließen die Willkür der Natur aus. Wer besitzt, der muss immer die Grenze ziehen zwischen dem Innenraum, wo er seine Schätze hortet, und der Restwelt, wo Kontingenz und Entropie jedes Horten und Ordnen bedrohen, die Dinge vermischen, zerstreuen, verschmutzen, durchsetzen.

Vom digitalen Dorf zur Metropole

Die deutsche Blogosphäre hat lange Zeit wie ein kleines Dorf funktioniert: offene Häuser, nichts zu verlieren. Ein romantisches Leben. Doch der Medienwandel bringt zunehmend Reichweite und Aufmerksamkeit zu großen Protagonisten wie Netzpolitik.org. Man hat inzwischen einen bescheidenen Wohlstand angehäuft (zwei bezahlte Autoren, eine Diskussionskultur), den es lohnt zu verteidigen. Und deswegen muss man sich der Frage stellen, wie man das inzwischen durch viele Anbauten groß gewordene Haus, in dem das ganze Dorf ein- und ausgeht, vor Randalierern und dem Schmutz der Straße schützen kann.

Noch ist nicht genug Geld da für einen professionellen Sicherheitsdienst. Türen und Wände verbieten sich für den Hausbesitzer (noch?) aus guter Tradition. Also wird um Alternativen gerungen, das Dorf wird befragt, Solidarität geübt. Lösungsoptionen diskutiert und evaluiert.

Die Netz-Szene wird weiter wachsen, das Dorf wird irgendwann Millionenstadt werden. Eine der spannendsten Fragen dürfte dabei sein, ob das Netz wirklich so grundlegend anders – egalitärer und offener – funktionieren kann, wie oft behauptet. Gerade Beckedahl propagiert und verteidigt dieses Ideal des romantischen Netzes. Und er ringt ernsthaft um alternative Lösungen für seine Qualitäts-Besitzstands-Wahrung. Wird man solche Alternativen finden? Können die bewährten Netz-Alternativen – Algorithmus oder Kollaboration – auf Dauer bestehen? Oder wird man irgendwann aus purer Not ganz klassisch die Schotten hochfahren müssen? Ich persönlich bin da skeptisch. Netzpolitik.org sicherlich nicht. Die Zukunft wird den Weg zeigen.

8 Kommentare

  1. Die Metaphernwelt, mit der versucht wird, das Internet zu erklären, wird ja immer größer!

    Dabei ist die Ursache der ‘verkommenen’ Kommentarkultur relativ leicht auszumachen: WordPress ist als Community-Plattform schlicht ungeeignet. Überhaupt, fast alle großen Websites in Deutschland haben grauenvolle, kaum benutzbare ‘Foren’ oder primitive, eindimensionale ‘Threads’, die sich in einer mageren Spalte unter dem alles bestimmenden Artikel quetschen. Bei den traditionellen ‘Qualitätsmedien’ unterstelle ich sogar Absicht: sinnvolle Diskussionen unter einem Artikel in der Zeit, dem Spiegel oder der FAZ zu führen ist unmöglich, aufgrund der von der Software vorgegebenen Struktur. So kann sich die Zeitung wunderbar vom Pöbel abheben, der sich notgedrungen wiederholt, falsch interpretiert oder zu spät kommt.

    Man vergleiche das einmal mit den grandiosen Diskussionen auf der US-Seite reddit oder dem russischsprachigen Segment von Livejournal. Diese Software ist dafür gemacht, Diskussionen zu unterstützen, nicht um die Diskussionsteilnehmer wie Idioten aussehen zu lassen.

    • Freut mich, die Metaphernwelt bereichern zu können. Ich liebe Metaphern.

      Ob es sich wirklich um ein rein technisches Problem handelt, möchte ich nicht abschließend beurteilen. Die genannten Beispiele sind mir nicht bekannt. Ich persönlich bin prinzipiell skeptisch, wie bereits am Ende des Artikels angedeutet.

  2. Wenn wir Besitz und Reichtum zum Kriterium für Teilhabe machen, dann werden wir einen kleinen Kreis von elitären (oder wer sich dafür hält) Internetnutzern haben und sind abgeschottet von der Tatsache, von mangelnder Bildung und präkerem Einkommen in der breiten Fläche der Bevölkerung. Gut, den meisten mag das nicht gefallen, dass es Dumme und Arme gibt, aber das ist nicht Gegenstand einer demokratischen und freiheitlichen Grundordnung, die es auf alle Fälle zu erhalten gibt. Ich sehe es aber trotzdem so kommen, dass wir uns mit einer Einheitspartei und einer Staatsratsvorsitzenden Merkel begnügen werden müssen und dann a lá DDR wieder Zugang zu den Medien per Parteibuch zugeteilt bekommen. Wenn wir dann glauben, wir hätten damit was erreicht, dann sind wir nicht nur dumm – wir sind auch arm an Erfahrungen, wie vielfältig die Welt sein kann.

    • Ich glaube die Frage nach der Teilhabe ist von der Frage der Vielfalt zu trennen. Es geht nicht um den Zugang zum Medium an sich, sondern um den Zugang zu reichweitenstarken Plattformen.

  3. Dass du Metaphern liebst, wird all zu deutlich, diese wird nämlich reichlich überstrapaziert. Und Menschen und ihre Gedanken als den “Schmutz der Straße” zu bezeichnen, finde ich fragwürdig. Der Artikel endet leider nach der Einleitung, in der die Fragen aufgeworfen werden. Statt nach Antworten zu suchen, werden Wortspiele betrieben, die beschreiben, aber nicht erklären. Schreib weiter und beginn dir Gedanken zu machen, die Fragen sind die richtigen, die du stellst.

    • Langweilig! Hast du irgendwas zu dem Thema beizutragen oder willst du einfach nur abhaten, weil du Metaphern doof findest?

      Tatsächlich sind Gedanken in vielen Fällen so viel wert wie Schmutz. Darin sehe ich keine Überstrapazierung. Das gilt für meine Gedanken genau so wie für Deine. Was daran fragwürdig sein soll, dass nicht jeder immer nur Gutes, Aufregendes, Geniales denkt und schreibt, leuchtet mir nicht ein.

      PS: Kommentar steckte im Spam-Filter fest.

  4. Da ich mal in Südamerika war, finde ich, dass der hereinwehende Staub ein sehr gutes Bild ist für eine Grenzenlosigkeit, einen Nichtrassismus, eine Nichtklassen- oder Bildungsgrad-Abrenzung, in einem Ausmaß, wie ich es mir hier in Mitteleuropa mit den vielen finanziellen, kulturellen, subkulturellen, religiösen, moralischen Zirkeln kaum erträumen kann. Also, die Methapher find ich sehr gut.
    Ich kann aberehrlich verstehen, wenn er/sie sagt: Nicht Probleme beschreiben (erklären ist hier allerdings blöd), sondern lösen! Aber, wenn die Beschreibung zugleich zeigt, dass eine Lösung erst mal kaum in Sicht ist?
    Beschreiben und Aushalten, würde Tschechow sagen. Aber nicht aufgeben.
    Ist das Delektieren geistreicher Beschreibung schlecht, dekadent? Ich weiß es nicht.
    Sicher ist mir, dass irgendwo ein gewisser Ernst an der Sache, ein Anliegen, sein muss, sonst ist es eine Art intellektuellen Krisengewinns. Aber andererseits ist ernster Ernst nicht immer da, wo er sich als solcher gibt. Herrje!

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