Essay

27. December 2012
von Jonathan
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Dialektik der Redefreiheit

Freedom of speech mit der gesamten Weltöffentlichkeit – das Internet bringt Hyde Park Corner in unsere Wohnzimmer. Wenn jeder ein Sender ist, kann keine Meinung und keine Wahrheit mehr unterdrückt werden. Totalitäre Regime wie Iran und China setzen deswegen auf Überwachung, Kontrolle und Abschottung des Netzes, während Demokraten und Aktivisten der westlichen Welt vehement gegen jede Form der Regulierung kämpfen.

Die Freiheit zu Reden

Nun, da eine Technik existent und zumindest vorläufig gesichert ist, die das Versprechen der Aufklärung - Freiheit und Gleichheit im Diskurs – einlösen kann, stellt sich die Frage, was mit einem solchen Diskurs gewonnen wurde. Denn: Nur weil jeder reden kann, bedeutet das noch lange nicht, dass auch jemand zuhört. Wenn alle reden, wer empfängt dann eigentlich die Nachrichten?

“Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.” 

Aus purer Pflichterfüllung kommunizieren die Menschen bei Franz Kafka im herrschaftsfreien Raum – oder begehen Selbstmord. Was gäbe es auch zu sagen, wenn es keinen König gäbe? Alle Kommunikation richtet sich an ihm aus, ist Fürsprache oder Widerwort. Wenn nichts und niemand die Position des Königs einnimmt, wird Reden zwecklos.

Hier erklärt sich die Anfälligkeit von Netzgemeinschaften für Verschwörungstheorien. Das Internet hat in seiner ursprünglichen Form keine Machtstrukturen. Es ist leer und die Leere bedeutungslos. Deswegen muss sich jede Netz-Community zwangsläufig einen König imaginieren gegen oder für dessen Macht sie schreibt – es ist die einzige Strategie gegen die Bedeutungslosigkeit des leeren Raumes. Und so entsteht eine Reihe von Königen: Der König der Freiheit oder der König der Überwachung, der König der Transparenz oder der König des Lobbyismus, der König des Urheberrechts oder der König des Tausches, der König der Herrschaft oder der König des Widerstandes. Überall Orks und Elben, gute und böse, Nullen und Einsen.

Die Realität hält diesen märchenhaften Schwarz-Weiß-Welten nicht stand, aber im digitalen Diskurs finden Schattierungen keinen Platz. Grau auf grau lässt sich nicht schreiben. Es geht immer nur schwarz auf weiß, schwarze Dissidenz auf weiße Herrschaft. Und das Weiß im Internet ist unendlich. Angesichts dieser Unendlichkeit ist der Schreibende um so mehr genötigt, seine königlichen Feinde groß und mächtig zu wähnen.

Hingabe oder Wut?

An der Grenze zu dieser Überforderung durch die unendliche Leere des Internets kann der Schreibende/Sprechende sich für zwei Wege entscheiden: Rückzug oder Furor. Es scheint immer nur diese beiden Wege zu geben, wenn die Realität über einem zusammenbricht. Die Wut von Kleists Michael Koolhaas oder die Ergebenheit von Kafkas K. - Amok oder Amt.

Es zeigt sich an den Beispielen: Die Überforderung durch das Internet und die Strategien zur Bändigung der Unendlichkeit (Hingabe oder Wut) sind dem Netz als kommunikative Infrastruktur keineswegs exklusiv. An dem dezentralen Medium spiegelt sich die moderne Erfahrung der sich dezentralisierenden, gottlosen Welt. Seit dem der Mensch nicht mehr seinen fest angewiesenen Platz in einem (göttlichen oder politischen) Gesellschaftsgefüge gewiesen bekommt, ist er diesen Fragen ausgesetzt: Party oder Politik? Orgie oder Organisation? Konsum oder Kritik?

Brandbeschleuniger Aufmerksamkeit

Im Internet finden wir all das im Extremen wieder. Party, Politik, Sex, Konsum oder Diskurs – ganz egal. Aber es muss schnell, krass und eindeutig sein: König oder Tyrann? – Gott oder Teufel? – Hot or Not? – Like oder Dislike? – Held oder Troll? Immer wieder: Null oder Eins? Wer keine Extreme erkennt oder benennt, der hat nichts zu sagen. Und nur wer den König, für oder gegen den er schreibt, groß und stark genug an die Wand projiziert, wird im Kampf um die Aufmerksamkeit in der Netzgesellschaft bestehen. Die digitale Gesellschaft wird zur Projektionsgesellschaft.

Wer in dieser Gesellschaft gehört werden will, muss zum Geisterbeschwörer werden und Phantome durch das Netz schicken, in die sich Hoffnungen und Verzweiflungen projizieren lassen. Schattenspiele und Feindbilder werden aufgebauscht, der öffentliche Diskurs von Paranoia und Hysterie beherrscht, die Stunde der Propheten und Demagogen schlägt. An diesem Punkt droht die Redefreiheit sich selbst aufzuheben. Die imaginierten Könige übernehmen die Macht, da nur noch das Reden entlang der etablierten Frontlinien die Chance hat, gehört zu werden. Redefreiheit schlägt in Themen- und letzten Endes in Meinungszwang um.

Die Grenzen der Freiheit

Es stellt sich also die zentrale Frage: Wer wird in Zukunft den öffentlichen Diskurs strukturieren und kanalisieren? Digitale Vordenker glauben an den Schwarm nicht nur als Hysterie-, sondern auch als Organisations-Maschinerie. Ihnen gilt die Wikipedia als Kronzeuge, dass orgiastische Schreib-Exzesse und gelungene Organisation durch den Schwarm möglich sind. Wikipedia und Open Source sollen die Blaupause für ihre besseren Welt der Teilhabe und Offenheit im Netz stellen.

Doch allein die Kämpfe um Urheberrecht und Datenschutz im digitalen Zeitalter lassen bereits erkennen, dass die Lösung für diese grundlegende Problematik möglicherweise nicht so einfach zu finden sind. Wer die Türen weit öffnet, dem werden nicht nur wohlgesinnte ins Haus strömen. Überall wo kommunikativer Wert geschaffen wird, entstehen schon bald auch Machtstrukturen: Rangordnungen in der Wikipedia, Netiquette und Kommentar-Moderationen auf Blogs.

Neue Mächte die nicht  von außen in das Netz eingreifen, wie die traditionellen Feinde der netzpolitischen Bewegung aus Politik und Wirtschaft. Diese Macht-Apparate entstehen aus der Mitte der Bewegung heraus und bringt sie in den Konflikt mit ihrem zentralen Wertsystem von Freiheit, Offenheit und Teilhabe. Freiheit ist ohne jede Macht genauso gefährdet wie unter absoluter Kontrolle. Die Redefreiheit ist von zwei Seiten in Gefahr – nicht nur Regulierung und Zugangsbeschränkung bedrohen sie, auch durch die totalitär gesetzte Freiheit des Diskurses droht sie zu kollabieren.

17. April 2012
von Jonathan
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Neue Fronten für das Urheberrecht: Es gibt nur Nutzer

Die Urheberrechts-Debatte basiert allgemein auf der Grundannahme eines urheberrechtlichen “Dreiecks” von Urheber, Verwerter und Nutzer, welches es in ein gerechteres Gleichgewicht zu bringen gilt. “Urheber und Nutzer von der Ausbeutung durch Verwerter befreien”, lautet eine der Grundforderungen. Mit solchen griffigen Formeln lässt sich prima Politik machen, es muss allerdings gefragt werden, in wie weit sie der rechtlichen und wirtschaftlichen Realität – und weitergehender der zu Grunde liegenden Mechanik und Idee des Urheberrechts gerecht werden.

Die Frage, die ich stellen möchte: Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen Verwertern und Nutzern? Die Tätigkeiten der sogenannten Verwerter unterscheiden sich nicht von den Tätigkeiten der Nutzer. Sie kopieren, führen auf, reinterpretieren, sammeln, kuratieren, usw… Was in der Debatte als “Verwertung” auftritt, lässt sich im Grunde als Spezialform der urheberrechtlichen Nutzung mit kommerziellem Interesse bezeichnen. Die Dichotomie Nutzer/Verwerter ist eine Illusion, es muss viel mehr unterschieden werden mit welchem Interesse die Nutzung geschieht und wo nach wo Geld im Zusammenhang mit der Nutzung fließt.

Warum es keinen Unterschied zwischen Verwertern und Nutzern gibt

Ganz entgegen der Annahme, das Internet habe die Situation um das Urheberrecht grundsätzlich verändert, ist die Reproduzierbarkeit und Immaterialität urheberrechtlicher Werke keine neue historische Konstellation. Die Demokratisierung technischer Geräte zur Nutzung von Werken hat – angefangen beim Radio bis zum Internet – hat die Wahrnehmung des Urheberrechts in der Gesellschaft erhöht und die Aufmerksamkeit aller Nutzenden auf die Möglichkeiten des Missbrauchs geschärft. Die Grundkonstellation hat sich in ihrem Wesen jedoch nie verschoben. Auch nicht-digitale Werke ließen sich schon immer auch von Privatpersonen verlustfrei vervielfältigen. Es standen schon immer auf der einen Seite die Urheber mit ihrem Interesse einen Lebensunterhalt zu bestreiten und auf der anderen Seite die Gesellschaft mit dem Interesse an niedrigschwelliger Teilhabe.

Die Industrialisierung der Kulturproduktion hat die professionelle Produktion, Vermarktung und Distribution urheberrechtlicher Werke hervorgebracht – und damit die heutige Unterscheidung von Verwerter und Nutzer in das gesellschaftliche Bewusstsein geprägt. Das Urheberrecht kennt diese Unterscheidung prinzipiell und strukturell eigentlich nicht. Wenn heute vor allem Nutzer und Verwerter miteinander im Krieg sind, ist das ein Scheinkonflikt zwischen zwei Parteien mit dem prinzipiell gleichen Interesse – möglichst viel relevante Kultur zu möglichst günstigen und einfachen Konditionen zu nutzen.

Dort, wo es beiden Seiten ausschließlich darum geht, den schwarzen Peter bei den anderen zu suchen – “Content-Mafia” oder “Raubkopierer” – kann das einzige Interesse der Argumentierenden nur die Vertuschung der eigenen Interessen sein. Das Ergebnis dieses schmutzigen Kampfes ist völlige Vernebelung der eigentlichen Konfliktlinie: Wo liegt für unsere die Grenze zwischen Ausbeutung und verantwortungsvoller *Nutzung – wie wollen wir mit urheberrechtlich geschützten Werken umgehen? Diese Frage gilt es unabhängig von der Frage, wer dieser Nutzer am Ende sein wird grundsätzlich zu klären und aufbauend auf die Antwort Lösungsmöglichkeiten gedanklich zu erproben.

Durch diesen Ansatz könnte ein Diskurs ermöglicht werden, der sich aus der Starre der aktuellen Diskussion entlang ihrer traditionellen Frontlinie immer gleicher Floskeln und Kampfbegriffen zu lösen vermag. Statt immer nur die dunklen Schatten einer imaginierten “anderen Seite” zu bekämpfen, könnte eine solche Diskussion endlich produktiv und sinnvoll gute und schlechte *Nutzer (=Nutzer & Verwerter) differenzieren und produktiv an Lösungen im Sinne aller Beteiligten (= Urheber und *Nutzer) arbeiten. Es müsste aber auch notwendigerweise jedes Lager seine empfundenen Alleinstellungsmerkmale und diskursiven Privilegien aufgeben und aus der Position des “gerechteren und besser informierten *Nutzers” heraustreten. Wann bin ich Ausbeuter, wann bin ich fair?

Nutzungsmodus

In Konsequenz eines Denkansatzes, der nur noch *Nutzer kennt, ergäbe sich eine neue Grenzlinien, die sich zu den beiden bereits bestehenden Nutzungsart (Kopieren, Aufführen, Samplen, Remixen, …) und Werkart (Musikkomposition, Fotografie, …) stellen würde. Im Folgenden ein Ansatz, wie eine solche neue Grenzziehung aussehen könnte. Die Unterscheidung von *Nutzern erfolgt in hier entlang zweier Kernfragen: 1. Wird der Urheber für die Nutzung entlohnt? 2. Strebt der Nutzer durch die Nutzung nach eigenen Gewinnen? Aus diesen beiden Ja-Nein-Fragen ergeben sich insgesamt vier Nutzungsmodi:

1. “Kapitalistische Nutzung”: entlohnend & gewinnbringend

Dies ist der klassische Modus der Kultur- und Verwertungsbranche im industriellen Zeitalter. Man bezahlt Urheber, um die Nutzung ihrer Werke nach Möglichkeit gewinnbringend zu vermarkten. Moralische Streitpunkte gibt es hier in der Frage, welche Entlohnung als angemessen bezeichnet werden darf und ob die eigene Gewinnabsicht oder zumindest ihre Höhe gerechtfertigt ist.  Inbesondere die Gewinnbeteiligung bei überraschenden Erfolgen und lukrativen Zweitverwertungen ist hier als wichtiger Kritikpunkt zu benennen. Ausbeutung, Gewinnsucht und Monopolisierung schweben als Vorwürfe im Raum – Standardpositionen der Kapitalismuskritik.

2. “Soziale Nutzung”: entlohnend & nicht gewinnbringend

Der klassische Endverbraucher fällt in diese Kategorie genauso wie Mäzenatentum und die öffentliche Kulturförderung. Der Nutzer gewinnt im besten Fall schwer fassbare ideelle Werte wie Ansehen und Prestige, minimal geht es ihm um Spaß, Unterhaltung und Zeitvertreib. Konzepte wie die Kulturflatrate und der Kulturwertmark zielen ganz oder teilweise auf eine Vergesellschaftung der sozialen Nutzung ab. Kritik ist auf der einen Seite das Problem der Legitimierung auf der Einnahmeseite (“Schon wieder eine neue Steuer”), zum anderen die Verteilungsproblematik (“Wer ist berechtigter Urheber und was ist ein gerechter Lohn?”).

3. “Freibeuterische Nutzung”: nicht entlohnend & gewinnbringend

Bootlegging und echte Piraterie, also das Verkaufen selbstkopierter Werke ohne Abgabe an Rechteinhaber, gehört genauso in diesen Bereich, wie der reine Rechtehandel, bei dem Rechte-Kataloge zur Vermarktung ohne Urheberbeteiligung aufgebaut werden. Das amerikanische Copyright-System unterstützt diese Nutzungsart, während das kontinental-europäische Autorenurheberrecht sie grundsätzlich als sittenwidrig ansieht – obwohl auch hier Formen eines solchen Total-Buy-Out-Rechtehandels existieren. Nicht nur wenn Urheber über den Tisch gezogen werden, sondern auch, wenn Werke verwaisen und ohne Kenntnis der Urheber in Katalogen verwertet werden (zum Beispiel die “Wochenschau”).

4. “Freie Nutzung”: nicht entlohnend & nicht gewinnbringend

Mal “Robin-Hood-Nutzung”, mal “Raubkopieren”. Sie ist wohl das umkämpteste Feld der Nutzung, bei dem die moralischen Wertung am meisten auseinanderklaffen. Die Kernfragen in der Debatte sind, ob eine fehlende Entlohnung die Herstellung urheberrechtlichen Materials von hoher Qualität dauerhaft sichern kann und ob eine freie Nutzung überhaupt möglich ist und die Freistellung des Materials nicht automatisch zur Kaperung durch Freibeuterische Nutzungen führt. Auf der Gegenseite steht die Argumentation, dass die freie Nutzung maximale gesellschaftliche Teilhabe garantiert.

10. November 2011
von Jonathan
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Warum wir ein starkes Urheberrecht auch im Netz brauchen

Dieser Text ist ursprünglich als ein Mail über den Verteiler der LAG Medien, Berlin, Bündnis 90 / Grüne von mir geschickt worden. Um ihn einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, habe ihn leicht geändert und hier online gestellt. Dazu hat mich vor allem dieser Text bei Metronaut und dieser Kommentar von Frederic Valin auf taz.de bewegt. Da es eine schnell geschriebene Mail ist, gibt es sicherlich noch einige orthographische Unregelmäßigkeiten. Entschuldigung!

Beim Thema Urheberrecht scheinen mir auch nach mehreren Diskussionen zu verschiedenen Themen bei verschiedenen Anlässen einige wichtige Fakten noch nicht im Bewusstsein der Netzpolitiker angekommen zu sein – oder sie werden schlichtweg ignoriert.

Dazu gehört zunächst einmal die unangebrachte “Programmierer-Sicht” auf die Kunst- und Medien-Branche, aus der die Vergleiche von Open-Source und Patentrechten mit dem Urheberrecht entspringen. Was mir an dieser Sicht nicht gefällt, ist, dass sie die sozial-prekäre Lage vieler Kunstschaffenden völlig ausblendet. Wenn ein Informatik-Student in seiner Freizeit Open-Source-Software programmiert, lebt er auch nicht wie ein König, das ist mir klar. Und ich bin mir sicher, es gibt auch (z.B.) beim CCC einige Idealisten, die von der Hand in den Mund leben, weil sie “sich nicht an die Industrie verkaufen wollen” oder ähnliches. Aber für alle anderen gibt es einen riesigen Jobmarkt. Software-Entwicklung, System-Administration, Datenbank-Wartung – der Idealismus eines Software-Ingenieurs wird immer von der Möglichkeit begleitet, jederzeit einen gut-bezahlten Job annehmen zu können. Und wenn man nur eben schnell den PC von ein paar Freunden was zurecht-fummelt.

Für Künstler sieht das sehr anders aus. Jede Firma hat eigene Hompages, Computer-Systeme, Netzwerke – aber eigene Filme, Musik-Bands und Galerien unterhalten sie nicht. Und selbst wenn sie sich eine Hymne komponieren lassen – das Werk wird einmal hergestellt und muss danach nicht mehr gewartet oder geupdated werden. Und auch Deine Freunde (die ja nicht mal mehr für die Musik ihrer Stars Geld bezahlen) haben zwar Computer, die ständig zicken, aber wenig Bedarf an eigenen Kunstwerken.

Künstler schlagen nicht aus Idealismus irgendwelche lukrativen Angebote aus. Es gibt diese Angebote kaum. Wenn es also keinen übergroßen Markt für künstlerische Dienstleistungen gibt, dann ist die Frage, wie man Künstlern zu ihrem Unterhalt verhelfen kann (vorausgesetzt man will überhaupt Künstler haben, aber in diesem Punkt sind wir uns hoffentlich einig!).

Hier liegt der Kern und Ursprung des Urheberrechts, dass ja im Gegensatz zu Patentrechten nach deutschem Recht NICHT VERÄUSSERBAR ist. Es geht damit auf die besondere Situation von Autoren künstlerischer Werke ein. Eine Ausbeutung durch Kunst-Distributoren durch “Total-Buy-Out” nach angelsächsischem Copyright-Law sollte ursprünglich verhindert werden. Faktisch ist sie über die Vermartungsrechte zwar möglich, aber selbst dann müssen Labels dank einer starken VG GEMA ja noch Abgaben an die Urheber zahlen (die im Idealfall einer gut funktionierenden Verteilung auch dort ankommen – aber das ist ein anderes Thema).

Nun ist die Situation im Internet, dass sich Distributoren der “alten Medienwelt” (Verlage, Plattenfirmen) im Namen des Urheberrechtes einsetzen um neue Distributionsformen (P2P, Blogs, youtube) anzugreifen. Aus der Ferne betrachtet zunächst einmal ein ganz natürlicher Überlebenskampf zweier Distributionswege. Die Leidtragenden dieses Kampfes sind momentan alle anderen, das heißt die Nutzer und die Hersteller eben jener Werke. Denn der Bote hat (wie der moderne Medientheoretiker weiß) die volle Macht über die Mitteilungen und Sender und Empfänger voll in seiner Hand.

Der netzpolitische Reflex, nun die Verhinderer einer modernen Distribution im Netz zu beschimpfen, ist in meinen Augen auch prinzipiell nachvollziehbar. Aber als Ursprung des Problems das Urheberrecht zu identifizieren ist schlicht und einfach riesengroßer Mumpitz. Denn es ist das einzige Schutzrecht, das den anderen unter der aktuellen Situation leidenden, den Kunst-Produzenten, zur Verfügung steht. Keine Plattenfirma und kein Verlag besitzt Urheberrechte. Genau das ist ja der Grund, weswegen die Verlage nach Leistungsschutzrechten rufen (welche die Plattenfirmen ja bereits besitzen).

Und hierher rührt die kultur- und medienpolitische Kampfrhetorik von “Enteignung” und “Marktliberalität”.Wenn man das Urheberrecht abschafft (und eine so dramatische Kürzung des Rechtes wie in dem Antrag D-02 vorgeschlagen kommt einer Abschaffung gleich), dann nimmt man dem schwächsten Glied in der Kette, den produzierenden Künstlern, ihren einzigen Schutz. Die Folge eines solchen Eingriffes ist meiner Meinung nach klar. Ohnehin schon mächtige Content-Sortiermaschinen und Riesenunternehmen wie Facebook und Google werden sich den nun völlig frei am Markt existierenden Content einverleiben und gar nicht erst auf die Aktivität der User warten. Allein im Sinne einer Verhinderung von übermäßiger Machtkonzentration scheint mir diese Schritt auch aus rein netzpolitischer Sicht überhaupt nicht wünschenswert.

Wie ungleich der Kampf zwischen Urhebern und Distributoren auch im Netz ist, lässt sich momentan am besten an dem GEMA vs. youtube Fall nachvollziehen. Die Netzgemeinde blendet die Interessen von Google in dem Streit knallhart aus und fällt völlig unreflektiert auf die Propaganda des Unternehmens rein. Wenn es um Jugendschutz geht, rufen alle immer laut “Medienpädagogik!”. Aber wenn sie dann auf youtube Sperrnachrichten lesen, glauben sie dem Nachrichtenüberbringer blind. Wenn Google morgen alle Videos sperrt und darauf schreibt: “Dieses Video ist aufgrund einer Beschwerde von DeinName nicht zugänglich.”, was denkst Du, wie viele Mails in deinem Postfach landen und wie viele bei Google ankommen? Was denkst du, wie viele Blogger sagen, der DeinName dreht völlig durch, und wie viele mahnen, man solle doch mal bitte erstmal bei Google nachfragen, was denn eine solche Meldung soll?

Ich würde mir sehr wünschen, dass grüne Netzpolitik sich von Piraten-Politk dadurch absetzt, dass sie sich nicht von kalifornischen Stichwortgebern die Agenda in den Notizblock diktieren lässt, sondern die Fähigkeit einer Reflexion über das File-Sharing- und Abmahnungs-Problem hinaus entwickelt.

Dinge wie GEMA-Reform (oder allgemeiner VG-Reformen), Definition der Privatkopie, Definition der Schwelle für künstlerische Eigenleistung bei Sampling und Remix, Definition des kommerziellen und privaten Gebrauchs von Werken in sozialen Netzwerken und Blogs, Creative Commons für öffentlich geförderte Kunstproduktion – über all diese Dinge sollte man reden. Wenn wir aber das Urheberrecht abschaffen, ist all dem die Grundlage ohnehin entzogen, und wir können uns das einfach sparen.

Künstler enteignen, Problem aus der Welt – das kann nach meinem Verständnis von Grüner Politik (kulturaffin, Vielfalt stärkend) nicht die Lösung unserer Partei sein.

15. October 2011
von Jonathan
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Lars von Trier: Melancholia

Bis vor gar nicht langer Zeit habe ich Lars von Triers Filme nicht sonderlich gemocht. Allein schon wegen ihrer Redundanz. Immer wieder drehte er den gleichen Film in neuem Gewand. Ein Frau wird geopfert: Als klassisches Autorenkino (Breaking the Waves), im Dogma-Stil (Idioten), als Musical (Dancer in the Dark), als Kino-Theater-Experiment (Dogville) – während dieser formalen Experimente, veränderte sich inhaltlich kaum etwas. Es folgten zwei dem hörensagen nach misslungene Ausbruchsversuche aus diesem Schema, die ich beide nicht gesehen habe. Und dann kam Antichrist.

In Antichrist spielt das formale experimentieren keine Rolle mehr. Die Frage nach einer realistischen Darstellung, nach einer Brechung des Illusorischen, wie es in dem Dogma-Manifest proklamiert wurde, und die in allen seinen formalen Experimenten durchschien, interessiert Lars von Trier nicht mehr. In überstilisierten Bildern wirft er Realismus und Experiment zugunsten einer opulenten symbolischen Bildsprache über Bord. Und im gleichen Zuge änderte sich der Inhalt und die Geschlechter-Rollenverteilung in der Geschichte. Endlich kein Opfer-Film mit einer dieser passiven, klischeehaften Frauenfiguren.

In meinen Augen war Antichrist mit seiner museumsreifen Ästhetik, der gekonnten und speziellen Art ein Thema aufzugreifen und seiner radikalen Umsetzung Lars von Triers bester Film bis dato. Entsprechend gespannt war ich auf den neuen Film Melancholia - und wurde nicht enttäuscht. Lars von Trier ist ein Meisterwerk gelungen. Er hat alles, was man von einem großen Erzähl-Kunstwerk erwarten darf. Ein Film über Depression, Angst und das Leben an sich…

Glaube, Macht, Befreiung

Nach einem bildgewaltigen und poetischen Prolog beginnt der Film mit einer Ankunft. Das Brautpaar erreicht das Hochzeitsfest auf einem edlen Herrenhaus mit Golfplatz zwei Stunden verspätet. Man fühlt sich an Das Fest erinnert: Die Familie, ihre Geheimnisse und ihre unausweichlichen Rollenzwänge. Doch immer mehr rückt die Hochzeitsfeier (und auch Vinterbergs Das Fest) in weite Ferne. Alles dreht sich um die Braut, Justine, und ihre Depression. Sie ist unfähig mitzuspielen und flieht immer wieder vom eigenen Hochzeitsfest – in die Badewanne, auf den Golfplatz, in den Alkohol. Und schließlich ergreift sie die Flucht nach vorn und wirft alles hin. Es ist kein Revolution wie bei Vinterberg. Aber es ist auch kein Untergang – wie in von Triers frühen Werken. Justine schafft es sich zu befreien.

Befreiung heißt im Falle von Justine, den Zweifel zuzulassen. Ihr Job, ihr Mann, das Geld, ein Stück Land, die Familie, diese Hochzeit – all das wird sie nicht glücklich machen. An all das kann sie nicht glauben, sie kann sich der Illusion nicht hingeben. Glauben hieße, in dem Spiel um Macht und Herrschaft mitzuspielen. Glauben, dass einen Geld und Ehe glücklich machen. Den unerträglichen Schwiegervater und Boss zu ertragen. Die naive Liebe seines Sohnes, des Ehemanns zu ertragen. Für den einen ist sie unersetzbares Talent, eigentlich verschwendet in der Werbebranche. Für den anderen ist sie Schönheit, ein Preis den es zu pflegen gilt mit Ländereien und einer Schaukel. Aber Justine will nicht Glauben, will nicht Schaukeln.


Schaukeln

Justine hat die Fähigkeit zur Befreiung. Es ist ein Wendepunkt in den Geschichten von Triers, die erste Frau, die sich tatsächlich befreit. Zunächst zerstört sie in ihrer Depression sämtliche Bande um sich herum, bis zum freien Fall. So weit kennen wir das Schema aus Antichrist. Aber Justine wird wieder auferstehen, als Retter und Beschützer in der letzten wichtigen Stunde. Denn ihre Distanz zum Diesseitigen hat ihr die Nähe zum Jenseitigen bewahrt. Sie weiß Dinge und unterhält ein inniges, wissendes Verhältnis zu dem zerstörerischen Planeten Melancholia.

Wissenschaft und Wirklichkeit

Justine entgegen gestellt ist ihre Schwester Claire. Sie ist eine Aufbauerein, keine Zerstörerin. Sie hat mit ihrem Mann die Party organisiert, sie hat einen Sohn, sie hat sich mit Vehemenz von dem kaputten Familienbild ihrer Eltern befreit.

In der Mitte des Films, Justine hat gerade ihren Schwiegervater und ihren Ehemann für immer davon gejagt, stehen dei beiden Schwestern gemeinsam vor dem Haus. “Sometimes I hate you so much”, sagt Claire zu Justine, weil sie mal wieder alles kaputt gemacht hat. Es war mehr ihre eigene Feier, als die der Schwester und Braut, sie ist die betrogene, die Braut die Spielverderberin. Sie geht an ihr vorbei ins Haus. Im Foyer steht der Wedding Planner und verkündet das Ergebnis der Bohnen-Lotterei. Keiner habe die richtige Bohnenzahl erraten, wundert er sich mehrfach und ausdrücklich.

Was ist das für eine Figur, dieser Wedding Planner? “I won’t look at her, she ruined my party”, hatte er die ständigen Alleingänge der Braut kommentiert. Und tatsächlich hält er sich jedesmal die Hände vor das Gesicht, wenn sie in seiner Nähe ist. Noch einer, der die Party mehr als seine eigen betrachtet als die Braut, denn er hat sie minutiös geplant und wacht nun streng über das pünktliche Voranschreiten der diversen Programmpunkte. Wenn nur nicht diese melancholische Frau da wäre, die alle Pläne durchkreuzt und am Ende alles zerstört.


Justine fehlt auf der Hochzeit

In der letzten Szene der Hochzeitsfeier, der Bohnenszene, bekommt er nun also noch mal einen großen Auftritt. Er kann es kaum fassen, dass niemand die richtige Zahl Bohnen erraten hat. Als ob man bei einem Ratespiel nicht immer mit diesem Fall rechnen müsste. Der Planner sieht das anders, denn er plant. Der Zufall spielt in seinem Kosmos keine Rolle und so steht er vor der natürlichsten Sache der Welt, nämlich dass es anders kommt als geplant, und wundert sich.

Doch vor dem Schicksal, wie es sich tatsächlich manifestiert, hilft keine Berechnung und Planung. Was unsere Pläne durchkreuzt wollen wir nicht sehen. So wie Claires Ehemann. Er beherrscht die Welt mit Instrumenten.
An die darf keiner ran. “Nicht an die Instrumente”, warnt er selbst den treuen und zuverlässigen Butler. Denn die Instrumente und seine Wissenschaft sind seine Macht. Daran glaubt er. So beobachtet er nicht nur, er herrscht über das Weltall.

Aber das ist natürlich nur eine Illusion. Er beherrscht höchstens den Dikurs über das Weltall und auch nur so lange, wie er widersprüchliche Informationen zensiert und von der ängstlichen Claire weghält. Er verbietet ihr das Internet, wo andere Theorien zu Melancholia existieren. Und er verbirgt die Notrationen im Stall. Die Macht über den Diskurs schenkt ihm Kraft und Vitalität, die den Frauen fehlt. Aber am Ende hat das Weltall recht, hat der Planet Melancholia recht. Am Ende geht es ihm wie dem Wedding Planner: er kann es nicht fassen, aber nun hilft kein wegschauen mehr.

Die Pointe ist nicht das überraschende Ende des Ehemannes. Dass er feige und klein ist, haben wir schon vorher vermutet. Der Witz ist, dass es Ende das naive Werkzeug aus Draht und einem Stock von seinem Sohn für den Nachweis reicht, dass er sich geirrt hat. Für die Wahrheit braucht es keine Wissenschaft und keine teuren Teleskope. Im Angesicht der Wirklichkeit ist die Wissenschaft lächerlich und immer schon längst widerlegt. Sie beherrscht nicht, sie schafft nur Machtpositionen im Diskurs und überdeckt die Angst vor dem Tod.

Angst und Wissen

Diese Angst lebt Claire. Der Planet beunruhigt sie, weil er existiert. Er lässt sie nicht los, raubt ihr den Schlaf, lässt sie fliehen, weinen, verzweifeln. Keine Wissenschaft hilft ihr, kein Ehemann, der vor der Erkenntnis seiner Lächerlichkeit die letzte Konsequenz gezogen hat. Ihr bleibt nur Justine, die mit einem Mal wieder Kraft hat, die aufersteht am letzten aller Tage und das Ruder übernimmt. Woher nimmt sie diese Kraft? Weil sie längst schon wusste. Weil sie die Lächerlichkeit und Verzweiflung in allem Handeln schon kannte. Und so folgt sie Justine, deren Verbindung mit Natur und dem Planeten längst mythische Ausmaße angenommen hat.


Claire folgt Justine

Aber was ist zu tun, wenn in ein paar Stunden die Welt untergeht? “Pom Poko” – Überlebensstrategien in einer untergehenden Welt. Lars von Trier kennt drei: (1) Kontrollieren und Macht erhalten bis der Trug zerbricht und einen mitreißt. (2) Angesichts mangelnder Kontrolle in Angst und Verzweiflung verfallen. (3) Den Untergang verstehen und annehmen als die einzige zwangsläufige Möglichkeit des Daseins. In dem einzigen magischen Moment des Filmes verbinden sich noch einmal die beiden Geschichten – die Zerstörung der Hochzeit und die Zerstörung der Welt. Justine kennt die Zahl der Bohnen in dem Glas, obwohl sie sie bei der Verkündung nicht anwesend war. Sie weiß Dinge. Deswegen fürchtet sie sich nicht. Wahres Wissen ist nicht Berechnung und nicht Wissenschaft. Wahres Wissen ist nicht Glaube. Es existiert in uns oder kommt über uns.  So könnte man Lars von Triers mystische Theologie vielleicht zusammenfassen.


Die Erde ist böse / I know things

6. September 2011
von Jonathan
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Skandinavische TV-Dramen (II): Terror

These: Das Skandinavische Drama, kennt grundsätzlich vor allem zwei Formate: (1) Die Revolution des künstlerischen Außenseiters, der die Gesellschaft zum Besseren verändert, und (2) den Terror eines kriminellen Außenseiters, der die Gesellschaft aggressiv attackiert und durch die Ermittlung einer intelligenten und sanften Ermittler-Figur eingefangen werden muss. Es ist zweimal die gleiche Figur – ein Einzelner gegen die Gesellschaft als Ganzes, nur die Verteilung von “gut” und “böse” wird vertauscht. Mit der Einschränkung leichter Variationen lassen sich die folgenden internationalen Dramen aus Dänemark und Schweden in diesem Schema dem Typus “Terror” zuordnen. (… und hier geht’s zum Teil (I) “Revolution” der Serie.)

In den folgenden Filmen und Serien finden wir die Figur aus dem ersten Teil wiederholt, ein Einzelner bricht die Konventionen der Gesellschaft. Aber diesmal handelt es sich nicht um Künstlerfiguren mit der revolutionären Absicht die Gesellschaft zu einer besseren Ordnung zu führen. Die Einzelgänger dieser Geschichten sind bösartige, mordende Antagonisten, die die Gesellschaft mit Brutalität in Frage stellen. Es sind Männer, die häufig aus sexuellen oder rassistischen Motiven töten.

Ihnen entgegen steht eine Ermittlerin. Sie repräsentiert die Ordnung der Gesellschaft. Sobald jedoch die Ermittlungen an den Festen eines gesellschaftlichen Konsenses wackeln, wird sie selbst zur Außenseiterin. Auffällig ist die hohe Zahl weiblicher Figuren in dieser Rolle. Wir finden also auch hier (wie schon im ersten Teil) eine archaische Geschlechterrollen-Verteilung – ein hartes, strafendes und bösartig handelndes Männliches gegen ein weiches, verständnisvolles und verletzbares Weibliches.

Bemerkenswert ist auch die Tendenz, dass diese Geschichten in der Stadt spielen, während die “Revolutionsdramen” auf dem Land stattfinden. Damit spielen sie im zentrum der medialen Aufmerksamkeit, sind häufig mit politischen Themen verbunden und haben öffentliche Bedeutung, während die dogmatischen Revolutionen in abgeschlossenen Räumen spielen (meist Dorfgemeinschaften, aber auch Herrenhaus, Bohrinsel).

Allein schon diese gesellschaftliche Ausweitung macht die Revolutionsphantasie für jeden realistischen Film hinfällig. Nur radikale Utopien könnten wirklich eine komplette Revolution durchführen. Sie wird deswegen nur im symbolischen durchspielt, die Gesellschaft bleibt unangetastet und unverändert. Das Böse der Gesellschaft wird in dem Killer externalisiert und von der ebenfalls externalisierten weiblichen Kraft zu Fall gebracht. Die Gesellschaft ist am Ende eine bessere, weil dieser eine Killer nicht mehr existiert. Aber die Missstände, die eventuell im Laufe der Ermittlungen aufgedeckt wurden bestehen weiter.

In der dänischen Produktion The Killing beziehungsweise Komissarin Lund – Das Verbrechen, wie die Serie beim ZDF hieß, geht es in Staffel 1 um ein Sexualverbrechen, in der zweiten Staffel um einen Serienmörder. Es ermittelt die schöne und mit viel Gefühl und Intelligenz in ihre Fälle verwickelte Sara Lund. Wie in vielen amerikanischen Thrillern, fällt auch sie im Laufe der Ermittlung immer mehr aus der Gesellschaft heraus und wird somit selbst zum Außenseiter, der sich über einen gesellschaftlich-politischen Konsens hinwegsetzt.

In Fräulein Smillas Gespür für Schnee geht es um Gewalt gegen eine ethnische Minderheit. Interessant ist, wie der Film das territorium von der Stadt in die Provinz hin verlagert. Smillas Jagd nach dem Mörder führt aus der Stadt in das ewige Eis, jenem Ort an dem der dänische Täter sozusagen “die Minderheit” ist, und die Inuit Smilla ihre Stärke – das Gespür für Schnee – voll und ganz leben kann.

Eine andere interessante Variation stellt Lasermannen dar. Hier wird auf einen Protagonisten verzichtet, es existieren auch keine Frauen. Eine Meute stümperhafter gelangweilter und uninteressierter Ermittler zeigt, schafft es nicht, den Serien-Attentäter zu überführen. Bemerkenswert ist auch, dass die Opfer Migranten sind – also Außenseiter. In diesem realistischsten Thriller-Ansatz (die Mini-Serie beruht auf einer wahren Begebenheit) fehlt eine reine, weibliche Instanz, eine Revolution findet nicht im Ansatz statt und der implizite Terror-Wunsch der Gesellschaft wird im Handeln des externalisierten, bösen Killers ohne Gegenwehr umgesetzt.

Leider habe ich die Stieg-Larsson-Trilogie noch nicht ganz gesehen. Das wäre noch eine interessante Ergänzung…

Mir scheint anhand von folgenden Dichotomien ließe sich eine interessante Kategorisierung der besprochenen Dramen vornehmen:
Künstler / Gesellschaft
weiblich / männlich
Empathisch / Besitzergreifend
Vergebend / Strafend
Urban / Rural