Essay

24. July 2011
von Jonathan
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Skandinavische Kino-Dramen (I): Revolutionen

These: Das Skandinavische Drama, kennt grundsätzlich vor allem zwei Formate: (1) Die Revolution des künstlerischen Außenseiters, der die Gesellschaft zum Besseren verändert, und (2) den Terror eines kriminellen Außenseiters, der die Gesellschaft aggressiv attackiert und durch die Ermittlung einer intelligenten und sanften Ermittlerfigur eingefangen werden muss. Es ist zweimal die gleiche Figur – ein Einzelner gegen die Gesellschaft als Ganzes, nur die Verteilung von “gut” und “böse” wird vertauscht. Mit der Einschränkung leichter Variationen lassen sich fast alle mir bekannten internationalen Kino-Dramen aus Dänemark und Schweden in diesem Schema einordnen dem Typus “Revolution” zuordnen.

Der berühmteste und vielleicht genialste Revoutionsfilm des jüngeren Autorenkinos ist wohl Das Fest. In dem abgeschlossenen Raum des Familienfestes entwirft Autor und Regisseur Thomas Vinterberg den Traum von der gelungenen Umstürzung der Verhältnisse. Der Protagonist Christian bringt Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zu ihrem Recht und stürzt die auf Lüge, Verachtung und Hass basierende Macht seines Vaters. Ganz schematisch klar verteilen sich hier die Attribute “gut” und “böse” auf zwei widerstreitenden Kräfte: böse herrschende Verhältnisse und gute revolutionäre Ambitionen. Zumal der Hebel dieser Revolution – die schreckliche Wahrheit, dass der Vater Christian und seine im Suizid dahingeschiedene Zwillings-Schwester missbraucht hat – hier zusätzliche Klarheit schafft, wer Recht und Unrecht vertritt. Neben Aufrichtigkeit geht es der Revolution Christians auch um Gesellschaftsordnungen. Das Patriarchat auflösen bedeutet auch, den Bediensteten zu ihrer Stellung verhelfen. Sie arbeiten auf Christians Seite in den Hinterzimmern als seine heimlichen Verbündeten. Sie wirken im Hintergrund als Stütze und stille Helfer, und sie werden durch die Revolution aus ihrer Knechtschaft als Menschen zweiter Klasse befreit. In dem Happy-End des Filmes, der Vereinigung Christians mit der Bediensteten Pia, drückt sich neben dem Sieg der Liebe dann auch die Auflösung der hierarchisierten Gesellschaft aus. Die Revolution ist auf persönlicher, moralischer und gesellschaftlicher Ebene ein Erfolg.

Der Musikfilm Wie Im Himmel von Kay Pollak geht nach dem selben Prinzip vor. Ein Feingeist, der weltbekannte Dirigent Daniel Daréus kommt zurück in seine Heimat und strebt dort den Kampf gegen eine patriarchalische und bösartige Gesellschaft an. Die Unterdrückten sind hier die Frauen, die Kraft, mit der er ihnen zu Liebe und Anerkennung verhilft, ist die Musik. Sein Kirchenchor wird zur revolutionären Zelle in der Suchende ihren Halt und Unterdrückte ihre Selbstachtung finden. Im Gegensatz zu Das Fest gibt es allerdings keine unterdrückte Wahrheit. Die Kraft der Revolution ist nicht objektivierbar, sondern gründet allein in der positiven Energie des künstlerisch-musischen Schaffens.
Im Finale des Films zeigt sich dann auch die gesellschaftlich-globale Dimension dieser Revolution. Der von dem dauernden Konkurrenzkampf in der großen Klassik-Welt zermürbte Daniel schafft es mit seinem Chor, auch die Regeln dieser großen weiten Welt zu brechen, und die Musik wird auch hier wieder ihrer wahren Bestimmung zugeführt. Der Auftritt auf dem Gesangswettbewerb wird zum finalen Sieg einer Revolution gegen Ellbogengesellschaft und Konkurrenzdenken. Das gesamte Publikum stimmt in den Gesang von Daniels Chor ein und löst somit die Gesetze des Wettbewerbs auf. Musik als Mittel einer Revolution zu persönlicher, gesellschaftlicher und globaler Harmonie.

Ein Sonderfall stellen Lars von Triers Dramen dar. Es sind Konter-Revolutionen, in denen der tatsächlich Akt der Revolution gar nicht erst beginnen kann. Bevor seine Protagonistinnen in den Filmen Breaking the Waves, Dancer in the Dark und Dogville überhaupt den Gedanken an eine Revolution entwickeln können, werden sie von der Gesellschaft durch Unterdrückung zu Grunde gerichtet. Ihr Auftreten ist schon per se, ganz ohne Agitation, eine unerhörte Provokation, die grausamste reaktionäre Maßnahmen nach sich zieht. Die Macht von Von Triers gescheiterten Heldinnen ist allerdings auch jene Fähigkeit zur reinen Liebe und Harmonie, die sich dem Misstrauen und der Bösartigkeit einer vergrämten Gesellschaft widersetzt. Aber sie findet nicht den Weg ans Licht. Eine Ausnahme im Werk des Regisseur ist der von Vinterberg verfilmte und von Lars von Trier geschriebene Film Dear Wendy. Hier ist es eine kleine Gruppe Andersdenkender, die Dandys, die tatsächlich eine Revolution anzettelt. Diese ist allerdings ein Akt der Selbstverteidigung gegen die permanente Unterdrückung durch die Gesellschaft, und auch diese Revolution scheitert selbstverständlich. Lars von Trier bleibt seinem Pessimismus treu.

Alle Filme zeigen eine Gesellschaft, die hierarchisch, männlich dominiert, hasserfüllt und intolerant sind. Diesem bieder-protestantischen Patriarchat stellen sie die Idee einer guten, von Liebe und Kreativität getriebenen, oft weiblichen Reinheit entgegen. Im Laufe des Filmes wird der Kampf zwischen den beiden Kräften ausgefochten und je nach Laune und Lebenseinstellung der Autoren von der einen oder anderen Seite gewonnen.