20. November 2012
von Jonathan
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In Schichten denken: Unter dir die Stadt als Revolutionsfilm

Ein Vielschichtiger Film – so kündigte Isabella Rosselini Christoph Hochhäuslers “Unter dir die Stadt” bei der Fernsehpremiere auf Arte an. Filmgeschichtliche Referenzen, wie man sie von einem Film-Nerd wie Hochhäusler erwarten kann, politische Referenzen, aber auch eine Story, die ihre Spannung permanent aus dem Spiel mit Gesellschaftsschichten entfaltet. Im wahrsten Sinne eine Geschichte. 

Kein Wunder, dass langweilige deutsche Kritik Fragen stellt: Warum geht die junge Frau mit dem Alten ins Bett? Sie kennt nur noch den Film als Psychoanalyse. Aber Psychoanalyse ist immer affirmativ, sie bedroht nicht den Zustand, sie setzt ihn durch Narration ins Recht. Wer eine Revolution wirklich will, muss auf die Psychoanalyse verzichten.

Die Stadt

Schon der Titel weist auf eine Schichtung hin: Unter dir die Stadt. Spielen die Filme der (sogenannten) Berliner Schule in der Regel außerhalb, weit weg von der Stadt, oder beschreiben eine Fluchtbewegung auf das Land, so verharrt Hochhäuslers Film bis ins letzte Bild über der Stadt. Immer wieder der prüfende Blick aus dem Fenster herunter auf die Straße.

Die Schicht über der Stadt: Über dem Leben, über den Gefühlen. Es sind zwei Eiskalte, die hier, über der Stadt zusammenkommen. Die Stadt, ihr ferner Bezugs-Ort, liegt weit unten. Nur einmal verlaufen sie sich in das menschelnde Treiben am Boden – in einer Liebes-Verfolgungsjagd kurz vor Ende. Als sie sich ineinander und in ihren Gefühlen verlaufen haben, holt die Stadt sie ein. Man meint der Film endet hier, am Boden, im Gefühls-Desaster, aber dann folgt der Epilog – und sie sind wieder da, zurück über der Stadt.

Transparenz

Überall transparente Materialien: Glasfassaden, Fensterscheiben, Autofenster. Die Stadt ist weit weg, aber wir haben sie im Blick – aus dem schützenden Fenster. Eine der interessantestes Kameraeinstellungen: Blick aus dem Schaufenster eines Cafés auf eine drehende Glastür des Hochhauses. Reflektionen und Lichspiel, sonst erkennen wir nichts. Überall Glas, aber: kein Einblick möglich, denn draußen ist es hell, innen dunkel. Nur scheinbare Transparenz, eigentlich sehen wir nur Reflektionen, Blitze, Spiegelbilder.

Auch die beiden Liebhaber können wir nicht erkennen, obwohl wir ihnen so nahe kommen. Die Kamera ist immer bei ihnen, oft ganz nah bei ihnen, aber wir erfahren nichts. Glasmenschen, die in ihrem Inneren dunkel bleiben. Und auch gegenseitig zeigen sie sich nicht und versuchen in das Innere des anderen zu blicken, ohne sich selbst zu beleuchten. Wer als erster das Licht anschaltet, wird gesehen, hat verloren.

Verführung

Kann man das Glas zwischen den Schichten durchstoßen? Eigentlich nicht, sagt der Film, eigentlich. Denn eine Wanderung zwischen den Schichten ist eine verführerische Geschichte, eine aus der Filme gemacht sind. Roland setzt sie zur Verführung ein, erzählt die Geschichte von einer sozialen Wanderung: vom Arbeiterkind zum Bankenchef. Eine solche Geschichte kann die Wand zwischen den beiden einreißen. Roland weiß das und nutzt es aus.

Doch dann geht Svenja ein Licht auf und sie erkennt die Täuschung: Sie hat nicht Roland gesehen in der Wohnung in Mannheim, sondern sich selbst, ihren eigenen Traum. Die Dialektik der Glasscheiben: sie glaubt durchzusehen, aber in Wahrheit spiegelt sie sich. Sie glaubt den anderen zu lieben, aber sie ist hoffnungslos in sich selbst gefangen.

Film

Was kann der Film als Medium leisten? Kann er uns die Wahrheit zeigen, gibt es transparenten Film? Wie sähe der aus? Ist nicht gerade der erklärende und auserzählende Film die größte Täuschung? Als ob diese unerklärliche Welt im Film auf einmal Sinn ergäbe! Ist der Film nicht selbst eine solche Glasscheibe, die uns vortäuscht, einen Sinn zu offenbaren, aber uns nur selber spiegeln lässt? Die uns glauben lässt die Schichten wären durchlässig?

Revolution

Die Glaswände können also nicht durchstoßen werden: oben bleibt oben, unten bleibt unten, du bleibst du und ich bleibe ich. Und doch sagt Hochhäuslers Film: “Ich bin ein Film! Ich bin eine Geschichte! Ich darf alles!” Eigentlich ist er schon vorbei, die Protagonisten haben sich dorthin verlaufen, wo sie nie hinwollten: Auf die Straße, ins Gewühl der Menschen, vorbei an den spiegelnden Schaufenster-Passagen. Und dann der überraschende Epilog: Sie haben doch zueinander gefunden, das Wunder – das Wandern – ist möglich. Du und ich, gemeinsam, und unter uns: die Stadt in Bewegung. Wenn Liebe möglich ist, dann ist es auch die Revolution. “Es geht los.”

1. April 2012
von Jonathan
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Alles nur Show! – Habemus Papam

Alles ist inszeniert – das ist ein offenes Grundprinzip des Spielfilms. Und mindestens unter Pessimisten gilt der Modus der Inszenierung als offenes Grundprinzip von Medien und Macht im Allgemeinen und damit der medialisierten Welt von heute. Keine Machtstruktur, ohne einen medialen Kanal und eine wirkungsmächtige Inszenierung. Alles ist inszeniert – das ist auch seit Jahrhunderten das Grundprinzip in der römisch-katholischen Kirche.

Nanni Moretti begibt sich mit seinem Spielfilm “Habemus Papam” auf eine erstaunliche Suche nach dem Wesen der Macht. Ein neuer Papst wird gewählt. Aber bevor der Auserwählte auf dem Balkon den wartenden Massen und der Weltöffentlichkeit präsentiert werden kann, verfällt er in eine tiefe Depression. Der Kandidat lehnt das Gottesurteil ab, er sei nicht der Richtige für den Job. Die Macht der Inszenierung fällt zusammen, aber nicht, weil ein Held, ein Revolutionär dem verkommenen Schauspiel ein Ende bereiten will. Der Machtapparat der päpstlichen Institution droht durch die Abwesenheit ihres Zentrums zu implodieren.

Was folgt ist die klassische Geschichte der Moderne, die Geschichte der Welt, nach dem Verlust einer Weltordnung, das produktive Chaos nach dem Tod Gottes, die “Medialisierung der Macht”. Überall wird inszeniert, um die Krise des Papstes nicht zur Krise der Kirche werden zu lassen. Der Presse spielt man vor, er befände sich in einer Zwiesprache mit Gott und wolle erst danach an die Öffentlichkeit treten. Als der Papst dann auf der Suche nach sich selbst Reißaus nimmt, inszeniert man für die Kardinäle in der Konklave vor, er befände sich in seinem Zimmer und erhole sich gut. Und weil denen die Wartezeit bis zur Verkündung der neuen Macht so schrecklich langweilig wird, inszeniert der Psychologe für die Kardinäle ein Volleyball-Turnier. Wenn es schon keinen Gott gibt, dann wenigstens Spiele.

Und so wird die Krise des Papstes zum modernen Krisensymbol an sich: Die Macht verflüchtigt sich in ihrer Inszenierungen. Ein konstantes Spiel, Verantwortliche – Könige, Päpste – sind abgeschafft. Das mediale Schauspiel hat die Herrschaft übernommen. The show must go on!

27. February 2012
von Jonathan
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Überall ziemlich beste Freunde – Integrationsfilme

Das französische Popcorn-Kino setzt auf Freundschaft. Zwei Zuschauerrekorde hintereinander beschäftigen sich mit nationaler Versöhnung. Bei den “Sch’tis” wird der Norden mit dem Süden versöhnt – symbolisch für die Versöhnung einer französischen Genuss-Elite mit der rohen, ‘kulturfernen’ Arbeiterschaft. Verkürzt vermittelt der Film: auch mit Bier und Fußball kann sich Kultur und Menschlichkeit entwickeln.

Beim neuesten Riesenerfolg des französischen Kinos, “Ziemlich beste Freunde” (eine unglückliche Titel-Übersetzung von “Intouchables”), geht man noch einen Schritt weiter. Die Banlieue verbrüdert sich mit dem Pariser Geld- und Kulturadel im Stile des XVI. Arrondissements. Stell Dir vor, Rap-Musik und Kammerkonzert, Wohnsilo trifft Stadtvilla. Der Erfolg der Geschichten zeigt: Es scheinen eine befreiende Lektion für die Franzosen zu sein. Und sie lässt erahnen, wie groß die Probleme Frankreichs mit der Integration sind.

Inzwischen ist das Thema auch im deutschen Kinofilm angekommen, aber es ist doch auffällig wie unterschiedlich der Weg der Komödien sein kann. “Almanya” ist eine Art deutsch-türkischer Selbstfindungsfilm. Die Versöhnung des Migranten mit seinem interkulturellen Schicksal. Eine solche eigene Identität ist für den Banlieue-Bewohner scheinbar noch nicht vorgesehen. Der französische Elitarismus tut sich deutlich schwerer mit den Herausforderungen der Postmoderne. Er schickt den Migranten erstmal in die Schule, ein bisschen Kultur und Anstand lernen, und er lässt ihn auch gerne den Clown spielen und die Lebenslust zurück in die verknöcherte Gesellschaft bringen. Aber dann ist auch gut, und jeder geht wieder dahin, wo er hingehört.

Freilich ist der gewählte Weg des Films der realistische. Er folgt ja sogar einem wahren Vorbild. Und die Grundaussage, den Migranten eine Chance zu geben und mit Geduld zu reagieren, weil davon alle profitieren können, ist absolut realistisch. Aber vom Kino als Traumfabrik könnte man sich doch auch größere, gewagtere Integrationsgeschichten wünschen, in denen es zu einer wirklichen Verschmelzung der Welten kommt. Aber solche Geschichten können (wenn auch mit “Avatar” in das phantastische übertragen) bislang wohl nur die Amerikaner erfolgreich ins Popcorn-Kino zu bringen.

15. October 2011
von Jonathan
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Lars von Trier: Melancholia

Bis vor gar nicht langer Zeit habe ich Lars von Triers Filme nicht sonderlich gemocht. Allein schon wegen ihrer Redundanz. Immer wieder drehte er den gleichen Film in neuem Gewand. Ein Frau wird geopfert: Als klassisches Autorenkino (Breaking the Waves), im Dogma-Stil (Idioten), als Musical (Dancer in the Dark), als Kino-Theater-Experiment (Dogville) – während dieser formalen Experimente, veränderte sich inhaltlich kaum etwas. Es folgten zwei dem hörensagen nach misslungene Ausbruchsversuche aus diesem Schema, die ich beide nicht gesehen habe. Und dann kam Antichrist.

In Antichrist spielt das formale experimentieren keine Rolle mehr. Die Frage nach einer realistischen Darstellung, nach einer Brechung des Illusorischen, wie es in dem Dogma-Manifest proklamiert wurde, und die in allen seinen formalen Experimenten durchschien, interessiert Lars von Trier nicht mehr. In überstilisierten Bildern wirft er Realismus und Experiment zugunsten einer opulenten symbolischen Bildsprache über Bord. Und im gleichen Zuge änderte sich der Inhalt und die Geschlechter-Rollenverteilung in der Geschichte. Endlich kein Opfer-Film mit einer dieser passiven, klischeehaften Frauenfiguren.

In meinen Augen war Antichrist mit seiner museumsreifen Ästhetik, der gekonnten und speziellen Art ein Thema aufzugreifen und seiner radikalen Umsetzung Lars von Triers bester Film bis dato. Entsprechend gespannt war ich auf den neuen Film Melancholia - und wurde nicht enttäuscht. Lars von Trier ist ein Meisterwerk gelungen. Er hat alles, was man von einem großen Erzähl-Kunstwerk erwarten darf. Ein Film über Depression, Angst und das Leben an sich…

Glaube, Macht, Befreiung

Nach einem bildgewaltigen und poetischen Prolog beginnt der Film mit einer Ankunft. Das Brautpaar erreicht das Hochzeitsfest auf einem edlen Herrenhaus mit Golfplatz zwei Stunden verspätet. Man fühlt sich an Das Fest erinnert: Die Familie, ihre Geheimnisse und ihre unausweichlichen Rollenzwänge. Doch immer mehr rückt die Hochzeitsfeier (und auch Vinterbergs Das Fest) in weite Ferne. Alles dreht sich um die Braut, Justine, und ihre Depression. Sie ist unfähig mitzuspielen und flieht immer wieder vom eigenen Hochzeitsfest – in die Badewanne, auf den Golfplatz, in den Alkohol. Und schließlich ergreift sie die Flucht nach vorn und wirft alles hin. Es ist kein Revolution wie bei Vinterberg. Aber es ist auch kein Untergang – wie in von Triers frühen Werken. Justine schafft es sich zu befreien.

Befreiung heißt im Falle von Justine, den Zweifel zuzulassen. Ihr Job, ihr Mann, das Geld, ein Stück Land, die Familie, diese Hochzeit – all das wird sie nicht glücklich machen. An all das kann sie nicht glauben, sie kann sich der Illusion nicht hingeben. Glauben hieße, in dem Spiel um Macht und Herrschaft mitzuspielen. Glauben, dass einen Geld und Ehe glücklich machen. Den unerträglichen Schwiegervater und Boss zu ertragen. Die naive Liebe seines Sohnes, des Ehemanns zu ertragen. Für den einen ist sie unersetzbares Talent, eigentlich verschwendet in der Werbebranche. Für den anderen ist sie Schönheit, ein Preis den es zu pflegen gilt mit Ländereien und einer Schaukel. Aber Justine will nicht Glauben, will nicht Schaukeln.


Schaukeln

Justine hat die Fähigkeit zur Befreiung. Es ist ein Wendepunkt in den Geschichten von Triers, die erste Frau, die sich tatsächlich befreit. Zunächst zerstört sie in ihrer Depression sämtliche Bande um sich herum, bis zum freien Fall. So weit kennen wir das Schema aus Antichrist. Aber Justine wird wieder auferstehen, als Retter und Beschützer in der letzten wichtigen Stunde. Denn ihre Distanz zum Diesseitigen hat ihr die Nähe zum Jenseitigen bewahrt. Sie weiß Dinge und unterhält ein inniges, wissendes Verhältnis zu dem zerstörerischen Planeten Melancholia.

Wissenschaft und Wirklichkeit

Justine entgegen gestellt ist ihre Schwester Claire. Sie ist eine Aufbauerein, keine Zerstörerin. Sie hat mit ihrem Mann die Party organisiert, sie hat einen Sohn, sie hat sich mit Vehemenz von dem kaputten Familienbild ihrer Eltern befreit.

In der Mitte des Films, Justine hat gerade ihren Schwiegervater und ihren Ehemann für immer davon gejagt, stehen dei beiden Schwestern gemeinsam vor dem Haus. “Sometimes I hate you so much”, sagt Claire zu Justine, weil sie mal wieder alles kaputt gemacht hat. Es war mehr ihre eigene Feier, als die der Schwester und Braut, sie ist die betrogene, die Braut die Spielverderberin. Sie geht an ihr vorbei ins Haus. Im Foyer steht der Wedding Planner und verkündet das Ergebnis der Bohnen-Lotterei. Keiner habe die richtige Bohnenzahl erraten, wundert er sich mehrfach und ausdrücklich.

Was ist das für eine Figur, dieser Wedding Planner? “I won’t look at her, she ruined my party”, hatte er die ständigen Alleingänge der Braut kommentiert. Und tatsächlich hält er sich jedesmal die Hände vor das Gesicht, wenn sie in seiner Nähe ist. Noch einer, der die Party mehr als seine eigen betrachtet als die Braut, denn er hat sie minutiös geplant und wacht nun streng über das pünktliche Voranschreiten der diversen Programmpunkte. Wenn nur nicht diese melancholische Frau da wäre, die alle Pläne durchkreuzt und am Ende alles zerstört.


Justine fehlt auf der Hochzeit

In der letzten Szene der Hochzeitsfeier, der Bohnenszene, bekommt er nun also noch mal einen großen Auftritt. Er kann es kaum fassen, dass niemand die richtige Zahl Bohnen erraten hat. Als ob man bei einem Ratespiel nicht immer mit diesem Fall rechnen müsste. Der Planner sieht das anders, denn er plant. Der Zufall spielt in seinem Kosmos keine Rolle und so steht er vor der natürlichsten Sache der Welt, nämlich dass es anders kommt als geplant, und wundert sich.

Doch vor dem Schicksal, wie es sich tatsächlich manifestiert, hilft keine Berechnung und Planung. Was unsere Pläne durchkreuzt wollen wir nicht sehen. So wie Claires Ehemann. Er beherrscht die Welt mit Instrumenten.
An die darf keiner ran. “Nicht an die Instrumente”, warnt er selbst den treuen und zuverlässigen Butler. Denn die Instrumente und seine Wissenschaft sind seine Macht. Daran glaubt er. So beobachtet er nicht nur, er herrscht über das Weltall.

Aber das ist natürlich nur eine Illusion. Er beherrscht höchstens den Dikurs über das Weltall und auch nur so lange, wie er widersprüchliche Informationen zensiert und von der ängstlichen Claire weghält. Er verbietet ihr das Internet, wo andere Theorien zu Melancholia existieren. Und er verbirgt die Notrationen im Stall. Die Macht über den Diskurs schenkt ihm Kraft und Vitalität, die den Frauen fehlt. Aber am Ende hat das Weltall recht, hat der Planet Melancholia recht. Am Ende geht es ihm wie dem Wedding Planner: er kann es nicht fassen, aber nun hilft kein wegschauen mehr.

Die Pointe ist nicht das überraschende Ende des Ehemannes. Dass er feige und klein ist, haben wir schon vorher vermutet. Der Witz ist, dass es Ende das naive Werkzeug aus Draht und einem Stock von seinem Sohn für den Nachweis reicht, dass er sich geirrt hat. Für die Wahrheit braucht es keine Wissenschaft und keine teuren Teleskope. Im Angesicht der Wirklichkeit ist die Wissenschaft lächerlich und immer schon längst widerlegt. Sie beherrscht nicht, sie schafft nur Machtpositionen im Diskurs und überdeckt die Angst vor dem Tod.

Angst und Wissen

Diese Angst lebt Claire. Der Planet beunruhigt sie, weil er existiert. Er lässt sie nicht los, raubt ihr den Schlaf, lässt sie fliehen, weinen, verzweifeln. Keine Wissenschaft hilft ihr, kein Ehemann, der vor der Erkenntnis seiner Lächerlichkeit die letzte Konsequenz gezogen hat. Ihr bleibt nur Justine, die mit einem Mal wieder Kraft hat, die aufersteht am letzten aller Tage und das Ruder übernimmt. Woher nimmt sie diese Kraft? Weil sie längst schon wusste. Weil sie die Lächerlichkeit und Verzweiflung in allem Handeln schon kannte. Und so folgt sie Justine, deren Verbindung mit Natur und dem Planeten längst mythische Ausmaße angenommen hat.


Claire folgt Justine

Aber was ist zu tun, wenn in ein paar Stunden die Welt untergeht? “Pom Poko” – Überlebensstrategien in einer untergehenden Welt. Lars von Trier kennt drei: (1) Kontrollieren und Macht erhalten bis der Trug zerbricht und einen mitreißt. (2) Angesichts mangelnder Kontrolle in Angst und Verzweiflung verfallen. (3) Den Untergang verstehen und annehmen als die einzige zwangsläufige Möglichkeit des Daseins. In dem einzigen magischen Moment des Filmes verbinden sich noch einmal die beiden Geschichten – die Zerstörung der Hochzeit und die Zerstörung der Welt. Justine kennt die Zahl der Bohnen in dem Glas, obwohl sie sie bei der Verkündung nicht anwesend war. Sie weiß Dinge. Deswegen fürchtet sie sich nicht. Wahres Wissen ist nicht Berechnung und nicht Wissenschaft. Wahres Wissen ist nicht Glaube. Es existiert in uns oder kommt über uns.  So könnte man Lars von Triers mystische Theologie vielleicht zusammenfassen.


Die Erde ist böse / I know things

14. October 2011
von Jonathan
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Isao Takahata: Pom Poko (Studio Ghibli 1)

In den letzten Wochen habe ich mir ein paar der großen Studio-Ghibli-Filme (noch) mal angeschaut. Um genau zu sein waren es folgende fünf: Nausicaä, Mein Nachbar Totoro, Pom Poko, Prinzessin Mononoke und Chihiros Reise ins Zauberland.

Besonders überrascht hat mich Pom Poko, der hierzulande unbekannteste Film in der Liste. Seine reichlich unkonventionelle Struktur macht es zunächst ermüdend ihn zu schauen. Rund 60 Minuten dauert die erzählerdominierte Einleitung in das Leben und die Probleme der Marderhunde. Dann nimmt der Film gehörig Fahrt auf. Äußerst sympathisch spielt er anhand des drollig skurrilen Marderhund-Volkes verschiedene Szenarien des Widerstands eines dem Untergang gewidmeten Volkes in einem asymmetrischen Krieg durch. Das Vorrücken der menschlichen Städte bedroht ihre Heimat. Eine riesige Wohnanlage soll in ihrem Naturschutzgebiet entstehen.

“Was ist das richtige Leben im falschen?”, ist die Frage hinter dieser Geschichte. Wie im richtigen Leben – so möchte man sagen – sind die Marderhunde sich über das geeignete Mittel des Widerstandes gegen den übermächtigen Gegner nicht einig. zunächst versuchen sie die Menschen mit Subversion zum Umdenken zu bewegen. Sie inszenieren Spuks und hoffen, die Menschen werden in Ehrfurcht vor den Göttern ihre Bauvorhaben abbrechen. Doch das stellt sich als naive Hoffnung heraus. Die rationale Medienmaschine der Menschen findet schnell Erklärungen und Rechtfertigungen für alles. Die Interpretation der rationalen menschlichen Welt lässt sich nicht untergraben.

Schließlich endet ihr Kampf in einer Serie von Alleingängen, jede Gruppierung erprobt einen anderen Weg: Im Widerstand aufrecht untergehen, religiös werden und gottergeben dem eigenen Untergang entgegensegeln, in einer pompösen Demonstration um Verständnis für die eigene Sache werben oder den Verführungen der schönen Welt nachgeben und die eigene Kunst gegen guten Lohn in den Dienst der billigen Unterhaltung stellen. Doch all das sind nur Strategien den Untergang zu gestalten, denn eine Lösung für ihr Problem gibt es eigentlich zu keinem Zeitpunkt.

So weit, so schematisch. Das Besondere an dem Film ist sein Humor. Er widmet sich den sympathischen Schwächen der Tierchen, die immer nur an Party und Essen denken und eigentlich viel zu faul und genügsam für einen solchen Krieg sind. Und als es für dei Heranwachsenden neuen Krieger endlich los gehen soll im Kampf gegen die Menschen, gründen diese lieber erstmal Familien und kümmern sich um den Nachwuchs. So verlieren die Marderhunde ständig den Faden und die Motivation für große Taten. In ihrer Entscheidungsfindung führt dies immer wieder zu überraschenden Entwicklungen. Mit dem Bild einer perfekten politischen Organisation, wie sie uns die Agenten- und Kriegs-Blockbuster Amerikas immer vorspielen, wird hier kräftig aufgeräumt. Das Leben ist viel mehr als Politik und Kampf. Auch in Krisenzeiten.

Am Ende ist klar: es gibt kein richtiges Leben im falschen. Und so bleibt den geschickteren Marderhunden die Assimilation durch die Verwandlung in Menschen, den weniger verwandlungsbegabten nur die Gosse. Sie leben fortan unterhalb des Existenzminimums in den Hinterhöfen vom Müll der Menschen. Doch auch dieses frustrierende Ende wird zuletzt von der eigentlichen Botschaft des Films kommentiert: wenn wir schon untergehen, dann wenigstens mit Humor, einer Familie, gutem Essen und einer Feier unter Freunden.