14. October 2011
von Jonathan
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David Lynch Parodie

Ausnahmsweise mal ganz kurz. Ich fand David Lynch ja schon immer überschätzt. Nicht dass er kein guter Filmemacher wäre, aber die Gläubigkeit, mit der so viele Cineasten ihm auf Schritt und Tritt folgen, egal was er macht, war mir schon immer verdächtig.

In der folgenden Parodie “How to make a David Lynch Film” (gefunden auf dem Netzfilmblog der Zeit) sind einige interessante Punkte angesprochen, auch wenn sie natürlich an einigen Stellen ins Alberne abdriftet.

“How to make a David Lynch Film” – Red and Tan Productions

6. September 2011
von Jonathan
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Skandinavische TV-Dramen (II): Terror

These: Das Skandinavische Drama, kennt grundsätzlich vor allem zwei Formate: (1) Die Revolution des künstlerischen Außenseiters, der die Gesellschaft zum Besseren verändert, und (2) den Terror eines kriminellen Außenseiters, der die Gesellschaft aggressiv attackiert und durch die Ermittlung einer intelligenten und sanften Ermittler-Figur eingefangen werden muss. Es ist zweimal die gleiche Figur – ein Einzelner gegen die Gesellschaft als Ganzes, nur die Verteilung von “gut” und “böse” wird vertauscht. Mit der Einschränkung leichter Variationen lassen sich die folgenden internationalen Dramen aus Dänemark und Schweden in diesem Schema dem Typus “Terror” zuordnen. (… und hier geht’s zum Teil (I) “Revolution” der Serie.)

In den folgenden Filmen und Serien finden wir die Figur aus dem ersten Teil wiederholt, ein Einzelner bricht die Konventionen der Gesellschaft. Aber diesmal handelt es sich nicht um Künstlerfiguren mit der revolutionären Absicht die Gesellschaft zu einer besseren Ordnung zu führen. Die Einzelgänger dieser Geschichten sind bösartige, mordende Antagonisten, die die Gesellschaft mit Brutalität in Frage stellen. Es sind Männer, die häufig aus sexuellen oder rassistischen Motiven töten.

Ihnen entgegen steht eine Ermittlerin. Sie repräsentiert die Ordnung der Gesellschaft. Sobald jedoch die Ermittlungen an den Festen eines gesellschaftlichen Konsenses wackeln, wird sie selbst zur Außenseiterin. Auffällig ist die hohe Zahl weiblicher Figuren in dieser Rolle. Wir finden also auch hier (wie schon im ersten Teil) eine archaische Geschlechterrollen-Verteilung – ein hartes, strafendes und bösartig handelndes Männliches gegen ein weiches, verständnisvolles und verletzbares Weibliches.

Bemerkenswert ist auch die Tendenz, dass diese Geschichten in der Stadt spielen, während die “Revolutionsdramen” auf dem Land stattfinden. Damit spielen sie im zentrum der medialen Aufmerksamkeit, sind häufig mit politischen Themen verbunden und haben öffentliche Bedeutung, während die dogmatischen Revolutionen in abgeschlossenen Räumen spielen (meist Dorfgemeinschaften, aber auch Herrenhaus, Bohrinsel).

Allein schon diese gesellschaftliche Ausweitung macht die Revolutionsphantasie für jeden realistischen Film hinfällig. Nur radikale Utopien könnten wirklich eine komplette Revolution durchführen. Sie wird deswegen nur im symbolischen durchspielt, die Gesellschaft bleibt unangetastet und unverändert. Das Böse der Gesellschaft wird in dem Killer externalisiert und von der ebenfalls externalisierten weiblichen Kraft zu Fall gebracht. Die Gesellschaft ist am Ende eine bessere, weil dieser eine Killer nicht mehr existiert. Aber die Missstände, die eventuell im Laufe der Ermittlungen aufgedeckt wurden bestehen weiter.

In der dänischen Produktion The Killing beziehungsweise Komissarin Lund – Das Verbrechen, wie die Serie beim ZDF hieß, geht es in Staffel 1 um ein Sexualverbrechen, in der zweiten Staffel um einen Serienmörder. Es ermittelt die schöne und mit viel Gefühl und Intelligenz in ihre Fälle verwickelte Sara Lund. Wie in vielen amerikanischen Thrillern, fällt auch sie im Laufe der Ermittlung immer mehr aus der Gesellschaft heraus und wird somit selbst zum Außenseiter, der sich über einen gesellschaftlich-politischen Konsens hinwegsetzt.

In Fräulein Smillas Gespür für Schnee geht es um Gewalt gegen eine ethnische Minderheit. Interessant ist, wie der Film das territorium von der Stadt in die Provinz hin verlagert. Smillas Jagd nach dem Mörder führt aus der Stadt in das ewige Eis, jenem Ort an dem der dänische Täter sozusagen “die Minderheit” ist, und die Inuit Smilla ihre Stärke – das Gespür für Schnee – voll und ganz leben kann.

Eine andere interessante Variation stellt Lasermannen dar. Hier wird auf einen Protagonisten verzichtet, es existieren auch keine Frauen. Eine Meute stümperhafter gelangweilter und uninteressierter Ermittler zeigt, schafft es nicht, den Serien-Attentäter zu überführen. Bemerkenswert ist auch, dass die Opfer Migranten sind – also Außenseiter. In diesem realistischsten Thriller-Ansatz (die Mini-Serie beruht auf einer wahren Begebenheit) fehlt eine reine, weibliche Instanz, eine Revolution findet nicht im Ansatz statt und der implizite Terror-Wunsch der Gesellschaft wird im Handeln des externalisierten, bösen Killers ohne Gegenwehr umgesetzt.

Leider habe ich die Stieg-Larsson-Trilogie noch nicht ganz gesehen. Das wäre noch eine interessante Ergänzung…

Mir scheint anhand von folgenden Dichotomien ließe sich eine interessante Kategorisierung der besprochenen Dramen vornehmen:
Künstler / Gesellschaft
weiblich / männlich
Empathisch / Besitzergreifend
Vergebend / Strafend
Urban / Rural

24. July 2011
von Jonathan
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Skandinavische Kino-Dramen (I): Revolutionen

These: Das Skandinavische Drama, kennt grundsätzlich vor allem zwei Formate: (1) Die Revolution des künstlerischen Außenseiters, der die Gesellschaft zum Besseren verändert, und (2) den Terror eines kriminellen Außenseiters, der die Gesellschaft aggressiv attackiert und durch die Ermittlung einer intelligenten und sanften Ermittlerfigur eingefangen werden muss. Es ist zweimal die gleiche Figur – ein Einzelner gegen die Gesellschaft als Ganzes, nur die Verteilung von “gut” und “böse” wird vertauscht. Mit der Einschränkung leichter Variationen lassen sich fast alle mir bekannten internationalen Kino-Dramen aus Dänemark und Schweden in diesem Schema einordnen dem Typus “Revolution” zuordnen.

Der berühmteste und vielleicht genialste Revoutionsfilm des jüngeren Autorenkinos ist wohl Das Fest. In dem abgeschlossenen Raum des Familienfestes entwirft Autor und Regisseur Thomas Vinterberg den Traum von der gelungenen Umstürzung der Verhältnisse. Der Protagonist Christian bringt Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zu ihrem Recht und stürzt die auf Lüge, Verachtung und Hass basierende Macht seines Vaters. Ganz schematisch klar verteilen sich hier die Attribute “gut” und “böse” auf zwei widerstreitenden Kräfte: böse herrschende Verhältnisse und gute revolutionäre Ambitionen. Zumal der Hebel dieser Revolution – die schreckliche Wahrheit, dass der Vater Christian und seine im Suizid dahingeschiedene Zwillings-Schwester missbraucht hat – hier zusätzliche Klarheit schafft, wer Recht und Unrecht vertritt. Neben Aufrichtigkeit geht es der Revolution Christians auch um Gesellschaftsordnungen. Das Patriarchat auflösen bedeutet auch, den Bediensteten zu ihrer Stellung verhelfen. Sie arbeiten auf Christians Seite in den Hinterzimmern als seine heimlichen Verbündeten. Sie wirken im Hintergrund als Stütze und stille Helfer, und sie werden durch die Revolution aus ihrer Knechtschaft als Menschen zweiter Klasse befreit. In dem Happy-End des Filmes, der Vereinigung Christians mit der Bediensteten Pia, drückt sich neben dem Sieg der Liebe dann auch die Auflösung der hierarchisierten Gesellschaft aus. Die Revolution ist auf persönlicher, moralischer und gesellschaftlicher Ebene ein Erfolg.

Der Musikfilm Wie Im Himmel von Kay Pollak geht nach dem selben Prinzip vor. Ein Feingeist, der weltbekannte Dirigent Daniel Daréus kommt zurück in seine Heimat und strebt dort den Kampf gegen eine patriarchalische und bösartige Gesellschaft an. Die Unterdrückten sind hier die Frauen, die Kraft, mit der er ihnen zu Liebe und Anerkennung verhilft, ist die Musik. Sein Kirchenchor wird zur revolutionären Zelle in der Suchende ihren Halt und Unterdrückte ihre Selbstachtung finden. Im Gegensatz zu Das Fest gibt es allerdings keine unterdrückte Wahrheit. Die Kraft der Revolution ist nicht objektivierbar, sondern gründet allein in der positiven Energie des künstlerisch-musischen Schaffens.
Im Finale des Films zeigt sich dann auch die gesellschaftlich-globale Dimension dieser Revolution. Der von dem dauernden Konkurrenzkampf in der großen Klassik-Welt zermürbte Daniel schafft es mit seinem Chor, auch die Regeln dieser großen weiten Welt zu brechen, und die Musik wird auch hier wieder ihrer wahren Bestimmung zugeführt. Der Auftritt auf dem Gesangswettbewerb wird zum finalen Sieg einer Revolution gegen Ellbogengesellschaft und Konkurrenzdenken. Das gesamte Publikum stimmt in den Gesang von Daniels Chor ein und löst somit die Gesetze des Wettbewerbs auf. Musik als Mittel einer Revolution zu persönlicher, gesellschaftlicher und globaler Harmonie.

Ein Sonderfall stellen Lars von Triers Dramen dar. Es sind Konter-Revolutionen, in denen der tatsächlich Akt der Revolution gar nicht erst beginnen kann. Bevor seine Protagonistinnen in den Filmen Breaking the Waves, Dancer in the Dark und Dogville überhaupt den Gedanken an eine Revolution entwickeln können, werden sie von der Gesellschaft durch Unterdrückung zu Grunde gerichtet. Ihr Auftreten ist schon per se, ganz ohne Agitation, eine unerhörte Provokation, die grausamste reaktionäre Maßnahmen nach sich zieht. Die Macht von Von Triers gescheiterten Heldinnen ist allerdings auch jene Fähigkeit zur reinen Liebe und Harmonie, die sich dem Misstrauen und der Bösartigkeit einer vergrämten Gesellschaft widersetzt. Aber sie findet nicht den Weg ans Licht. Eine Ausnahme im Werk des Regisseur ist der von Vinterberg verfilmte und von Lars von Trier geschriebene Film Dear Wendy. Hier ist es eine kleine Gruppe Andersdenkender, die Dandys, die tatsächlich eine Revolution anzettelt. Diese ist allerdings ein Akt der Selbstverteidigung gegen die permanente Unterdrückung durch die Gesellschaft, und auch diese Revolution scheitert selbstverständlich. Lars von Trier bleibt seinem Pessimismus treu.

Alle Filme zeigen eine Gesellschaft, die hierarchisch, männlich dominiert, hasserfüllt und intolerant sind. Diesem bieder-protestantischen Patriarchat stellen sie die Idee einer guten, von Liebe und Kreativität getriebenen, oft weiblichen Reinheit entgegen. Im Laufe des Filmes wird der Kampf zwischen den beiden Kräften ausgefochten und je nach Laune und Lebenseinstellung der Autoren von der einen oder anderen Seite gewonnen.

23. March 2011
von Jonathan
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David Fincher: The Social Network

The Social Network ist ein außergewöhnlicher Blockbuster. Der Film ist nicht das große Gefühlskino, das man bei einem Oscar-Anwärter erwartet. Es gibt wenige Momente, in denen sich eine hollywoodtypische Romantik einstellt, und man hinweggerissen wird. Einer davon spielt in Palo Alto. In der Villa der Facebook-Nerds geht leben, feiern und arbeiten Hand in Hand. Was für ein Leben! Und dann platzt Sean Parker (Justin Timberlake) rein und kommentiert begeistert: “Genau so muss es sein!“, und dann ist sie wieder da, die distanzierte Kühle und Emotionslosigkeit, mit der man als Zuschauer diesen Film erlebt.

Es ist die eiskalte Welt Mark Zuckerbergs (Jesse Eisenberg), die wir  auch emotional miterleben. Wir dürfen durch seine Augen schauen – stets distanziert, stets überlegt. Auf Dauer stellt sich ein eigenartiges Gefühl ein, das über das Ende hinaus andauert. Man sitzt auf den Abspann starrend da, und versucht vergeblich einen Begriff für das soeben Gesehene zu finden: fantastisch? Nein! Misslungen? Definitiv nicht! Genial? Nicht auf den ersten Blick.

Vielleicht auf den zweiten. Eigentlich erzählt der Film den Aufstieg eines jungen, genialen Programmierers und Geschäftsmann, der aus einer Idee in der Studierstube ein Weltunternehmen schafft. Ein amerikanischer Traum! Mit einer Idee, Passion, Geschäftssinn und dem Instinkt für die richtigen und falschen Berater setzt sich ein junger Mensch durch und wird zum jüngsten Milliardär unserer Zeit. Aber Hollywoods üblicher lobhudelnder Kommentar zum American Dream wird rigoros verweigert.

Fincher konzentriert sich auf das scheinbar Nebensächliche. Juristische Zankereien um Urheberschaft der Facebook-Idee, verletze Eitelkeiten und Eifersüchteleien zwischen erfolgsverwöhnten Eliteschülern. Kindisch wirken die Motive aller beteiligten Personen. Erfolg ist für sie nicht Selbstzweck und Heilsbringer einer protestantischen Ethik. Er ist dezidierter Ausdruck ihrer Eitelkeit. Er ist die einzige Waffe hilfloser Charaktere, und der erfolgreichste ist der hilfloseste. Finchers Zuckerberg kann sich nirgends gegen seine Mitmenschen behaupten. Dass sie alle seine Opfer werden liegt nicht an seinem Willen, seiner Durchsetzungskraft, seinen Ellbogen. Es ist die einzige Wahl die er hat.

David Fincher nimmt sich in einer bis dato ungesehenen Tonlage diesem Urthema des Hollywood-Kinos an. Seit American Beauty hat man nicht mehr einen so spitzfindigen und bereichernden Kommentar zur Konstitution der amerikanischen Erfolgsethik gesehen. Indem er einerseits ihre Gefühlswelt erkundet, andererseits die Nähe und Empathie zu seinen Figuren verweigert, setzt er einen Kontrapunkt zu Sam Mendes Meisterwerk. American Beauty erzählt überzeichnend emotionalisiert die Geschichte des im Mediokren erstickten amerikanischen Traums und wirkt somit als geniale Persiflage. In The Social Network schauen wir nüchtern wie ein Radiologe in die mediokren Gefühlswelten eines Erfolgsmenschen und werden zu Zeugen eine herausragenden Generations-Analyse.

Der klinisch kühle Operationstisch, auf dem Fincher seinen Protagonisten seziert, hat freilich einen großen Nachteil. Der Film wird wahrscheinlich nicht über Jahre als Referenz fortleben. Er gibt sich in seiner Nachahmung dem schnelllebigen Internet Zeitgeist hin. Ein unauffälliger Film, der seinem Thema genau deswegen herausragend gerecht wird.