13. April 2013
von Jonathan
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“Wir” a la Steinbrück

“Diese Gesellschaft kann mehr Wir vertragen” sagte Steinbrück dem Deutschlandfunk (mp3). Und er beweist damit einmal mehr seine kommunikative Unzulänglichkeit. Nichts gegen den Slogan Mehr Wir, weniger Ich, den sich die SPD auf die Fahne geschrieben hat. Aber kann Steinbrück dieses Wir wirklich leben? Seine Paraphrase legt nahe, dass er es nicht kann. Anstatt sich als Teil dieser Gesellschaft, dieses Wirs zu sehen, trifft er eine Aussage über die Bedürfnisse der Gesellschaft. Er stellt er sich über die Menschen und nicht in deren Mitte. Es ist schon ein Kunststück: In einem Satz schafft er es, ein Motto zu nennen, und es im gleichen Zug zu konterkarieren. “Wir” à la Steinbrück heißt “Ihr”. Und damit ruft er all jene Bilder wieder hervor, die in den letzten Monaten von ihm entstanden sind. Seine Probleme mit der linken Basis, seine Probleme mit dem ‘einfachen Volk’, seine Probleme mit der Arroganz. Ich glaube nicht, dass Steinbrück das Ruder bis zu Bundestagswahl noch herumgerissen bekommt.

5. February 2013
von Jonathan
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Logik der Diskriminierung

Egal ob #Aufschrei oder die Entfernung rassistischen Vokabulars aus alten Kinderbüchern, die Diskussionen um Diskriminierung laufen nach den immergleichen Regeln ab. Wer sich emanzipieren will, sollte auf die Scheinargumente und Schattenkämpfe nicht reinfallen. Eine Regelkunde der Diskriminierung.

Regel 1: Sei widersprüchlich.

Argumentative Machterhaltung erreicht man selten, indem man eine schlüssige Linie vertritt. Die Sprache ich tückisch, jede Verteidigungslinie lässt sich argumentativ durchbrechen. Unangreifbarkeit erreicht man durch widersprüchliche Argumentationen. Wenn ich zwei Argumente nutze, die sich im logischen Kern widersprechen, aber auf der Oberfläche beide an den gesunden Menschenverstand appellieren, habe ich das Recht in jeder Situation auf meiner Seite.

Zum Beispiel: “Eine Frau muss sich auch wehren können.” Das klingt doch richtig. Es ist sogar richtig. Jeder Mensch kommt in Situationen der Grenzübertretung und Aggression und es ist für einen unabhängigen Erwachsenen Menschen sehr wichtig sich wehren zu können. Die #Aufschrei-Diskussion selbst ist ja ein Sich Wehren. Aber wenn sch jemand mit #Aufschrei wehr, dann gilt: “Stell Dich doch nicht so an!” Und auch dieses Argument ist richtig. In einer aufgeheizten Debatte ist immer auch viel Hysterie dabei. Irgendjemand übertreibt immer. Irgendjemand stellt sich immer an.

Die Antwort: Man kann diese Strategie nur durchbrechen, wenn man erkennt, dass hier Randfälle genutzt werden, um vom Kern des Problems abzulenken. Es gibt selbstverständlich Situationen, in denen eine Frau eine Mitschuld am empfundenen verbalen Übergriff eines Mannes trägt, weil sie sich nicht getraut hat entsprechende Signale zu setzen, obwohl die Situation es ihr erlaubt hätte. Es gibt selbstverständlich auch Situationen, in denen man nicht unbedingt zimperlich sein muss, und eine Äußerung als überzogene oder bescheuerte Anmache abtun sollte anstatt als verletzenden Übergriff. Aber das sind jeweils Randfälle, die in der Diskussion als solche zur Abgrenzung wichtig sind, jedoch von der Kernforderung nach mehr Aufmerksamkeit für Diskriminierung ablenken.

Regel 2: Berufe Dich auf die Freiheit

Wer die Freiheit anruft, der hat in einer westlichen Demokratie immer recht. Es gibt keine politische Bewegung, die nicht die Freiheit auf ihren Fahnen stehen hat. Und immer wenn einer “sich wehrt” (siehe Regel 1), dann will er die Freiheit des Täters eine Täter zu sein einschränken. Das gibt dem Diskriminierenden eine Prima Chance Sätze zu sagen wie: “Man wird doch noch sagen dürfen!”

Die Antwort: Was der Täter übersieht – auch das Opfer wird doch mal sagen dürfen! Und keiner von beiden soll der Richter in diesem Fall sein, denn genau darin besteht die Meinungsfreiheit, dass beide Meinungen gelten. Das ist natürlich für beide Seiten schwer zu ertragen. Denn es heißt auch, dass latente Rassisten weiter latente Rassisten sein dürfen. Im Kampf gegen sie, kann man sich ebenfalls nur auf die Meinungsfreiheit beziehen. Zu diesem Thema hat Noah Sow einen großartigen Text geschrieben:

Zur Beruhigung und Erinnerung: das Recht, Menschen rassistisch zu bezeichnen, besteht weiterhin. Es ist durch eine vernünftige Verlagsentscheidung nicht in Gefahr. Ebenso bestehen bleiben das Recht, rassistischen Müll zu Publizieren, das Recht, Kinder rassistisch zu erziehen, und das Recht darauf, white supremacy durch die nächsten Jahrhunderte zu tragen. Was neuerdings wegfällt, und für viele Rassisten anscheinend schon unerträglich ist, ist lediglich das Recht, sich als Rassist bei 100% der Mehrheitsbevölkerung beliebt zu machen. Es sind jetzt ein paar Prozent weniger. Ebenso mausetot: das Recht, auf rassistische Handlungen keine Widerrede zu bekommen.

Regel 3: Werde zum Opfer!

Den Unterdrückten geht es schlecht. Den Unterdrückern immer schlechter. Dass sie in ihrer Freiheit eingeschränkt sind (siehe Regel 2), ist nur der Anfang. Die ganze Verantwortung lastet auf ihren Schultern. Und wenn es ihnen mal schlecht geht, dann kommt keiner und hilft, dann gibt es keinen #Aufschrei. Aber über mich, den armen Herrscher, fallen sie her wie die Hunde.

Denis Scheck fühlt sich an nicht weniger als die totalitäre Diktatur in Orwells 1980 erinnert, wenn in einem Kinderbuch (!) Vokabular ausgetauscht wird. Unter Demagogie, Zensur und Diktatur geht nichts, wenn es darum geht, die eigene Machtposition als Opferposition auszuschmücken. Die These unterstreicht man am besten durch eine Inszenierung, die es garantiert, dass die Opfer-Position kurz darauf auch Wirklichkeit wird. Zum Beispiel indem man sich das Gesicht schwarz anmalt.

Es ist kein Zufall, das gerade die Intelligenten und Gebildeten auf diese Taktik zurückgreifen. Sie ist am schwersten zu durchbrechen. Im Fall Scheck konzentrieren sich die Kritiker fast ausschließlich auf den Faux-Pas. Seine seltsamen Argumente, in denen die Literatur, die Freiheit und das Abendland vor ihrem Ende stehen, kommen in der Diskussion gar nicht mehr vor. Die sz schreibt zum Beispiel: “Nun wäre das Plädoyer des Literaturkritikers kein Grund zum Aufschrei, eher ein ironisch-kritischer Beitrag zur weiteren Diskussion. Hätte sich Scheck nur nicht das Gesicht schwarz angemalt und weiße Glaceehandschuhe übergezogen.”

Die Antwort: Provokationen ignorieren! Die Frage ist, wer hier Stier ist und wer Torrero. Wer lässt sich als erstes von seinen Emotionen verleiten, in die Schein-Argumente und Provokationen des anderen zu stürmen? Besser auf der Sachebene antworten: Was genau leistet das Wort “Neger” als ausgezeichnetes Sprachgeschichts-Erziehungs-Werkzeug, was andere, weniger diskriminierende Worte nicht leisten?

Oder man geht einen Schritt zurück und fragt: Warum fühlt sich jemand Gebildetes zu solchen Äußerungen genötigt? Die Antwort ist immer: Weil er Angst hat! Er ist tatsächlich ein Opfer, das Opfer seiner Existenz-Ängste. Und er ist schon längst ein Stier in der Manege und kämpft um sein Überleben. Geben wir dem Stier also ein rotes Tuch und Fragen: Welcher dunkelhäutige Literaturkritiker hat in der ARD eigentlich die Chance, seine Meinung in der Debatte zu äußern? Ach… es gibt gar keinen? Dann wird es aber mal Zeit!

7. January 2012
von Jonathan
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Windows-Werbung: Was Kinder und Wulff gemeinsam haben

Kinder sind erstklassige Werbeprotagonisten. Unverstellt und menschlich repräsentieren sie Authenzität in Reinform. Sie bringen uns zum Schmunzeln, Lachen, Mitfühlen. Und sie sind somit das Gegenteil von einem klassischen Macht-Politiker, der sich verstellt und lügt und schauspielert.

Ein solcher Politiker ist stets darauf bedacht, Einfluss auf Medien zu nehmen, die Öffentlichkeit über Wahrheit und Unwahrheit im Unklaren zu lassen. Und vielleicht ergibt sich auch einmal die Gelegenheit, einen kleinen persönlichen Vorteil auf dem Weg abzugreifen. Wir kennen sie zu genüge, Wulff ist nur einer von ihnen.

Mit der ganzen Wulff-Geschichte im Hinterkopf habe ich mit Belustigung und Staunen diesen sympathischen Werbe-Spot von Windows entdeckt.  Das Internet (und in diesem Fall Windows) demokratisiert die Medien. Endlich haben Kinder die Macht, nicht mehr nur die Wulffs und Berlusconis dieser Welt. Was stellen Kinder mit dieser Macht wohl an? Schauen Sie selbst…