Interpretation

12. November 2012
von Jonathan
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Klassiker heute – Homer Odyssee (5)

Der fünfte Teil meiner Serie zu Homers Odyssee.

Teil 1: Abwesenheit der Macht & Parasitentum
Teil 2: Schuld und Verantwortung
Teil 3: Reden, Handeln – Menschen, Helden und Göttern
Teil 4: Medien und Technik als Machtfaktoren 

Sechster Gesang – Feinde, Fremde und Freunde

Odysseus gelangt als Fremder in das Land der Phäaken und wird von den Wäsche waschenden Mädchen gefunden. Nur Nausikaa, die Tochter des Königs, hat von Athene den Mut in das Herz gelegt bekommen, nicht vor dem fremden Krieger zu fliehen. Sie ermahnt die anderen Mädchen, dass es sich weder um einen bösartigen noch unverständigen Mann handelt und bietet Odysseus ihre Hilfe an.

Mehr Angst als vor Odysseus hat sie vor dem Gerede der eigenen Leute. Sie rät ihm alleine in die Stadt zum König zu kommen, da sie nicht mit einem fremden Mann gesehen werden will. Das Reich der Phäaken gilt als von den Göttern besonders gesegnet. In einer solchen gesegneten Welt kommt der Feind nicht von außen, denn die Götter schützen die Grenzen. Der Feind lauert im Inneren der Gesellschaft in Form von Missverständnissen und Zwietracht.

Siebenter Gesang – Menschlichkeit: Leiden

Alkinoos, der König der Phäaken, mutmaßt, dass es sich bei Odysseus um einen Gott handeln müsse. Sein Volk sei den Göttern nahe und bekommt nur selten von Sterblichen, desto öfter von den Göttlichen selbst Besuch. Odysseus berichtigt ihn. Er habe viele Leiden ertragen müssen, woraus sich schließen lässt, dass er ein Mensch sei. Odysseus unterscheidet die Götter von den Menschen. Menschen sind jene, die Leiden müssen. Und doch immer weiter machen, weil der Hunger noch größer ist als das Leid.

19. August 2012
von Jonathan
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Gibt es ein richtiges New York im falschen?

Jonathan Lethem erforscht in seinem Roman Chronic City Möglichkeiten, der Gentrifizierung und Befriedung Manhattans in der Post-Giuliani-Zeit zu entkommen. Gibt es in der Stadt noch Platz für Menschen, die sich nicht zu Robotern der Macht oder Clowns des New Yorker Geldadels machen? Ist von dem wilden Geist der 70iger und 80iger in dieser Stadt noch etwas übrig?

Die saubere Stadt

New York ist nicht mehr die Stadt, in der die Helden dieses Romans aufgewachsen sind. Durchgentrifiziert und gesäubert ist Manhattan zu einem Spielpatz der Superreichen geworden. Subkultur, Experiment und wucherndes Leben sind verschwunden. Selbst die New York Times löscht mit ihrer kriegsfreien Ausgabe jegliche Irritationen aus dem Bewusstsein der Bewohner. Talk of the town des Sommers ist somit die verlorene Beziehung einer im Weltraum gestrandeten Astronautin und des Romanheldens Chase Insteadman – eine virtuelle Beziehung die in den Zeitungen durch die Briefe der Verlobten stattfindet, auf die Chase nicht antworten kann.

Den Gegenpol zu dieser durchinszenierten Welt bildet der alternative Rockkritiker Perkus Tooth. Er hat sich in seiner Wohnung verschanzt, raucht Massen von Marihuana und erhält in kulturreferenzgespickten Verschwörungstheorien seine Version eines besseren New Yorks am Leben. Sein Appartment wird zum Zentrum einer agitatorischen Gegen-Geschichtsschreibung. Hier herrschen andere Mythen und er ist beständig auf der Suche nach Anhaltspunkten und Wegen, der großen Welt der “Gnuppets” (Handpuppen) da draußen die Wahrheit und Authenzität des Lebens aufzuzwingen. Der naive Chase Insteadman und der ehemalige Hausbesetzer und nun Regierungsberater Richard Abneg werden seine Jünger.

Es ist eine simpler Antagonismus zweier Fiktionen, den Lethem hier aufmacht: auf der einen Seite Geld, Macht, Ordnungswille und die geübte Langeweile einer gesättigten Welt, auf der anderen Seite Kultur, Rockmusik, Drogen, Experiment und Phantasie. Der Kampf kann beginnen.

Illusionen, Realitäten, Fiktionen

Was folgt ist die Geschichte eines gescheiterten (Sub-)Kulturkampfes. Zunächst soll Marlon Brando der Schlüssel sein, das riesige Theaterstück Manhattan umzuschreiben oder zu entlarven. In ihm sieht Perkus Tooth eine Wahrhaftigkeit, die jedes Schauspiel durchbricht. In ihrer kleinen Parallelwelt bauen die drei Helden immer neue illusorische alternative Realitäten auf. Schließlich haben sie tatsächlich eine Art Stein des Weisen gefunden, ein Artefakt dass die bessere, richtigere Welt repräsentiert.

Doch die Mythen der drei stellen sich nicht nur als zu schwach heraus, um der Disneyland-Kultur etwas entegegenzusetzen. Es zeigt sich auch, dass alle bemühten Elemente, Referenzen und Geschichten aus der gleichen großen Illusionsmaschine stammen, die sie bekämpfen wollen. Sie glaubten dem großen Theaterstück der Machthaber entkommen zu sein, aber sie waren alle drei zu jeder Zeit ein Teil von ihm und sind auf die Tricks und Machenschaften noch in viel größerem Maße aufgesessen, da sie glaubten frei und unabhängig zu sein. Die Botschaft ist klar: Es gibt keine Möglichkeit der kulturellen Teilhabe, ohne sich der hegemonialen Leitkultur zu unterwerfen.

Wilde Tiere

Auch die in die Stadt eindringenden wilden Tiere bieten keine Hoffnung auf Erlösung oder Zerstörung sondern handeln im Sinne des alten, müden New Yorker Geldes. Anstatt ihre Wildheit viral in die Stadt zu tragen, beschleunigen sie die Verdrängungsprozesse. Ein Adler nistet direkt am Fenster der Wohnung Richard Abnegs, der Zuflucht bei seiner reichen Geliebten sucht. Ein Kind kommt zur Welt und Richard im Familienglück ist für keine Abenteuer mehr zu haben. Dann kommt der Tiger (oder eine Bau-Maschine mit eigenem Willen?) und verschluckt gleich den ganzen Block um Perkus’ Wohnung und das Restaurant mit seiner Lieblings-Kellnerin. Alle Hoffnung und Rebellion versinkt in einem Loch.

Einzig ein putziger Eisbär auf einer Scholle im Hafen von New York, der in der Zeitung für Aufregung sorgt, gibt Hoffnung. Nicht auf Revolution oder Erlösung, aber immerhin ein gelungenes Symbol für die gestrandeten Seelen zu sein. Perkus erkennt in ihm unmittelbar einen Seelenverwandten. Allein auf einer kleinen schmelzenden Scholle, dem Untergang geweiht.

Amputation

Kulturelle Rebellion ist eine Illusion, so das traurige Resumé der Geschichte. Weder Sub- noch Gegenkultur und erst recht nicht die wilde Natur können der kapitalistischen Leitkultur etwas entgegensetzen. Widerstand ist dem Untergang geweiht. Und wer sich nicht assimilieren kann oder will, dem bleibt nur die Amputation. Nach der Zerstörung seines Appartments bleibt Perkus Tooth als letzer Zufluchtsort ein Hundeappartment für ausgestoßene Kläffer.

An diesem Ort für ausgestoßene, in ihre Wildheit zurückgeworfene Tiere lässt sich Perkus endlich domestizieren. Ein dreibeiniger Hund wird zum Lebenspartner und Symbol für das letzte Stadium seiner Geschichte. Ohne Wohnung, Video-, Musik- und Büchersammlung hat er selbst die Möglichkeit zur Illusion verloren, jenen Panzer, der ihn vor dem heutigen Manhattan schützte. Aber der Hund bringt ihm bei, dass es sich auch mit einer Amputation hervorragend Leben lässt. Und “Shattered” von den Stones wird zu seiner Hymne.

Vielleicht ist aber auch das eine Illusion. Vielleicht steckt die Wahrheit viel mehr in der Geschichte der virtuellen Weltraum-Verlobten Janice Trumbull. Ihr wird das Bein amputiert, um den wuchernden Krebs in Schach zu halten. Das Rettungsmanöver ist verzweifelt und sinnlos, befindet sich doch die gesamte Raumkapsel in einer ausweglosen, dem Untergang geweihten Situation. Die lebensrettende Maßnahme am Körper der Astronautin wird im Gesamt-Kontext zu einer Pseudo-Rettung. Auch ohne den zerstörerischen Feind bleibt sie dem Untergang geweiht.

Gentrifizierung, Virtualisierung, Krieg

Gentrifizierung als Virtualisierung des Realen – so könnte man das Lebensgefühl Lethems in Manhattan in in einer Kurzformel zusammenfassen. Es gehört gehörige Kraft oder Unfähigkeit dazu, diesem übermächtigen Simulacrum etwas entgegen zu setzen – und ein gehöriger Vorrat Marihuana-Döschen. Um diesen Vorrat in der Wohnung des halbverrückten halbgenialen Rockkritikers Perkus Tooth sammeln sich die drei Protagonisten dieses Gentrifizierungsdramas, bis sie bemerken, das auch der Dealer kein göttlicher Gesandter sondern ein schlichter Kapitalist und Marketing-Spezialist ist. Überall Theater, überall Krieg der Fiktionen, überall Hoffnungslosigkeit.

Es bleibt die Erkenntnis: Der Wandel der Welt wird uns töten oder assimilieren. Was kann ein Eisbär gegen den Klimawandel unternehmen? Er kann nur Aussterben.

16. May 2012
von Jonathan
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“Fair is foul and foul is fair” – Macbeth und der Medienwandel

Zum ersten Mal habe ich mich rechtzeitig um Karten bemüht und war also am vergangenen Dienstag endlich Zuschauer beim Theatertreffen. Gespielt wurde Macbeth in der Regie von Karin Henkel. Auch wenn die Inszenierung einige Schwächen hatte und den Zuschauer häufig langweilte, um ihn dann im nächsten Moment wieder zu überfordern – zumindest ein zentraler Aspekt des Stückes klang in meinem Geist länger nach.

“Fair ist foul and foul is fair” skandieren die Hexen in der ersten Szene des Stücks und geben damit die Linie vor. Nichts ist was es scheint – die Starken sind schwach, die Unverletzlichen sterben, die Schwächsten überleben.  So ist sie, eine Welt im Umbruch: Auf nichts ist Verlass, Wahrheiten zerfallen, Gewissheiten kehren sich um.

Inszenierung und Macht

Um in einer solchen Welt (der Welt an sich?) Macht zu erlangen, muss man sich dieser Hexen-Formel unterwerfen: In neuem Gewand taucht der Spruch erneut in der Szene I, V auf. Kurz vor Ankunft des Königs warnt Lady Macbeth ihren Mann, seine Zweifel und Mordpläne seien auf seinem Gesicht all zu deutlich ablesbar:  “Your face, my Thane, is as a book where men may read strange matters.” Ihr Ratschlag:

To beguile the time,
Look like the time; bear welcome in your eye, 
Your hand, your tongue; look like the innocent flower,
But be the serpent under’t.

Um die Zeit zu täuschen, muss man sich ihr anpassen. Wie ein Blume soll man aussehen, aber wie die Schlange unter ihr sein. Inszenierung und Täuschung sind die Macht-Strategien dieser Welt. Man muss so schlecht zu ergründen sein, wie die Dinge selbst. Man muss fair aussehen, aber foul handeln.

Inszenierung und Theater

Nicht nur Macbeth, auch das Theater lebt von Inszenierung und Täuschung. Die gewinnbringendsten Regie-Entscheidungen bringt diesen Aspekt zum Aufscheinen. In Szene III, II geht das Licht im Zuschauerraum an und ein zweifelnder Macbeth hält seine Rede als König vor den versammelten Theatergästen. Er versucht es zumindest, denn seine Inszenierung misslingt. Gewissensbisse und Visionen plagen ihn. Mehrfach ruft Lady Macbeth ihn zur Räson.

Diese Szene des Versagens wird zum Symbol für den überladenen Abend. Von zu vielen Ideen und Geistern lässt die Regisseurin sich ablenken, und der Zuschauer gerät nie in die Situation, ihr zu glauben. Dieses Theater strahlt nicht Macht sondern Zweifel und Ungewissheit aus. Doch wenn aktuelles Theater ein Spiegel unserer hypermedialen bürgerlichen Welt sein soll, dann möchte man es ihr Nachsehen. Wer glaubt schon noch den perfekten und glatten Inszenierungen traditionelle Darstellungskunst – sei es in Medien, Kunst oder Politik?

Inszenierung und Zweifel

Fair is foul and foul is fair gilt insbesondere in Zeiten des medialen Wandels, wenn neue Inszenierungen die alten hinterfragen. Wer zu glatt ist, ist sicher nur ein guter Schauspieler, aber kein Held. Wer Ecken und Kanten zeigt, muss vielleicht noch lernen, aber ist wenigstens aufrichtig. Die neue Welt: Experimente ersetzen Pläne, Thesen ersetzen Gesetze. Unfertigkeit wird zum Prinzip, weil zum Fertigen Gaube und Vision fehlen. Die postideologische Gesellschaft ist eine Baustelle.

So geht es auch diesem Theaterabend. Am Ende kann er das Problem der verschwimmenden Grenzen und Wirklichkeiten nur performativ verdeutlichen, weiß es aber nicht zu lösen. Im Dickicht der Referenzen, Ideen und Experimente verliert sich der Zuschauer und bleibt ohne Kontakt zum Geschehen auf der Bühne. Zeitgemäß gelungen wirkt diese Inszenierung nur in ihren Zweifeln an den richtigen Mitteln. Das zeittypische Gefühl der Überforderung kann sie beim Zuschauer nicht vermeiden.

Sehr lesenswert übrigens auch die kleine Besprechung der Zuschauer-Diskussion auf dem Theatertreffen Blog

9. April 2012
von Jonathan
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Klassiker heute – Homer Odyssee (4)

Teil vier der Serie zur Odyssee. Im ersten Teil ging es um Abwesenheit der Macht & Parasitentum, im zweiten Teil um Schuld und Verantwortung. Teil drei thematisierte den Unterschied von Reden und Handeln bei Menschen, Helden und Göttern

Fünfter Gesang

Odysseus ist in der Macht der Göttin Kalypso. Er kann ihr nicht entkommen ohne die Hilfe anderer Götter. Dann kommt Hermes und überbrringt die Botschaft des Zeus. Niemand kann sich gegen Zeus stellen, betont der Götterbote – nicht als Drohung gegen Kalypso, sondern als Erklärung, wieso er den langen beschwerlichen Weg auf sich genommen hat. Im Gegensatz zu Odysseus, der seine Macht zu Hause verloren hat, wirkt die abwesende Macht des Zeus. Kalypso entlässt Odysseus auf den Befehl des Götterboten hin. Wer den Boten als Medium beherrscht, der kann seine Macht überall wirken lassen. Hermes, das Medium, als Verlängerung der Macht in Ort und Zeit.

Kalypso stattet Odysseus mit Werkzeugen aus, und er kann mit einem Floß von der Insel fliehen. Wir kennen diese Mechanik aus dem dritten Teil: Die Götter liefern das Wissen und Werkzeug zum Handeln. Sie machen den Menschen zum Helden. Auf der Flucht von der Insel wird Odysseus zum Spielball widerstreitender Götter. Poseidon zerschlägt sein Floß, Ino Leukothea rettet ihn aus den Fluten.

1. April 2012
von Jonathan
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Alles nur Show! – Habemus Papam

Alles ist inszeniert – das ist ein offenes Grundprinzip des Spielfilms. Und mindestens unter Pessimisten gilt der Modus der Inszenierung als offenes Grundprinzip von Medien und Macht im Allgemeinen und damit der medialisierten Welt von heute. Keine Machtstruktur, ohne einen medialen Kanal und eine wirkungsmächtige Inszenierung. Alles ist inszeniert – das ist auch seit Jahrhunderten das Grundprinzip in der römisch-katholischen Kirche.

Nanni Moretti begibt sich mit seinem Spielfilm “Habemus Papam” auf eine erstaunliche Suche nach dem Wesen der Macht. Ein neuer Papst wird gewählt. Aber bevor der Auserwählte auf dem Balkon den wartenden Massen und der Weltöffentlichkeit präsentiert werden kann, verfällt er in eine tiefe Depression. Der Kandidat lehnt das Gottesurteil ab, er sei nicht der Richtige für den Job. Die Macht der Inszenierung fällt zusammen, aber nicht, weil ein Held, ein Revolutionär dem verkommenen Schauspiel ein Ende bereiten will. Der Machtapparat der päpstlichen Institution droht durch die Abwesenheit ihres Zentrums zu implodieren.

Was folgt ist die klassische Geschichte der Moderne, die Geschichte der Welt, nach dem Verlust einer Weltordnung, das produktive Chaos nach dem Tod Gottes, die “Medialisierung der Macht”. Überall wird inszeniert, um die Krise des Papstes nicht zur Krise der Kirche werden zu lassen. Der Presse spielt man vor, er befände sich in einer Zwiesprache mit Gott und wolle erst danach an die Öffentlichkeit treten. Als der Papst dann auf der Suche nach sich selbst Reißaus nimmt, inszeniert man für die Kardinäle in der Konklave vor, er befände sich in seinem Zimmer und erhole sich gut. Und weil denen die Wartezeit bis zur Verkündung der neuen Macht so schrecklich langweilig wird, inszeniert der Psychologe für die Kardinäle ein Volleyball-Turnier. Wenn es schon keinen Gott gibt, dann wenigstens Spiele.

Und so wird die Krise des Papstes zum modernen Krisensymbol an sich: Die Macht verflüchtigt sich in ihrer Inszenierungen. Ein konstantes Spiel, Verantwortliche – Könige, Päpste – sind abgeschafft. Das mediale Schauspiel hat die Herrschaft übernommen. The show must go on!