12. January 2013
von Jonathan
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Taktung und Kontakt (in eigener und bloggosphärischer Sache)

Nun schreibe auch ich noch einen Text zu Johnny Häuslers Blog-Diskussion. Mehr Schreiben 2013 ist ein toller Vorsatz! Ganz unabhängig wie man beurteilt, ob dieses mehr schreiben tatsächlich zu einer Rettung des Freien Netzes führen kann. Als Skeptiker ist solch Pathos mir natürlich verdächtig, aber natürlich auch sympathisch. Wie dem auch sei… Seit dem inzwischen berühmten Beitrag auf Spreeblick hat es ein paar Tage gedauert, bis ich meine Haltung zu der Sache gefunden habe. In der Zeit habe ich mich gefragt: Was würde “mehr schreiben” eigentlich für mich bedeuten? Was würde es für Zeichenlese bedeuten? Und was sagt diese Aufforderung über “dieses Internet”?

Mehr schreiben heißt auf Spreeblick vor allem: öfter schreiben. Weniger auf Facebook oder Twitter seine Gedanken und Meinungen verkünden, mehr auf Blogs und in den Kommentarfeldern von Blogs. Der Plan für Zeichenlese war schon immer, nur ca. einen Artikel pro Monat zu veröffentlichen. Ich glaube der tatsächliche Schnitt liegt noch etwas darunter. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen mache ich das hier nur zum Spaß und will mich nicht wegen eines Spaß-Projektes stressen. Zum anderen – und das ist wichtiger: Der Stil.

Stilfrage: Essays und Blogs

Der Ansatz von Zeichenlese ist essayistisch. Ich schreibe hier (mit einer Ausnahme) nie über Entdeckungen im Netz, einen Gedanken den ich letztens hatte oder schnell mal meine Meinung zum aktuellen Thema XY. Ein Gedanke oder eine Diskussion können immer Anlass für einen Artikel sein. Aber ein Gedanke ist nur der Anfang. Die Artikel hier haben den Anspruch einen Gedanken weiterzudenken, mit ihm zu spielen, ihn zu verfolgen, ihn ernst zu nehmen und zu schauen was dann passiert. Deswegen lagern im Backend stets 10-20 Artikel-Entwürfe, die in meinen Augen nicht veröffentlichbar sind, weil sie nur aus einem Gedanken bestehen, aber keinen Weg oder Verbindungslinien zeichnen. Irgendwann kommen mir dann vielleicht weitere Ideen und Gedanken und es entsteht ein typischer Zeichenlese-Artikel: lang und kompliziert. Deswegen ist mehr schreiben für mich schwierig, ohne den grundsätzlichen Stil der Artikel zu verändern. Aus einem Gedanken ein Essay zu entwickeln ist Arbeit. Und die kann ich leider nicht so oft hier rein stecken, wie das für eine schnelle Blog-Frequenz nötig wäre.

Aus diesem Grund habe ich schon in der Vergangenheit zu Leuten gesagt: Zeichenlese ist eigentlich gar kein Blog. Ich nutze ein Blog-CMS, aber inhaltlich und stilistisch bin ich viel zu lahm und der Anspruch zu akademisch für einen Blogger. Bei Themen hinke ich hinterher, die Texte sind zu lang und im schlimmsten Fall nicht verständlich genug. Wobei zumindest bei der Verständlichkeit ich immer bemüht bin, nicht in akademische Phrasendrescherei zu verfallen. Dennoch: Wer lange und vielschichtige Texte schreiben will, hat Mühe sie neben der Arbeit und der sonstigen Freizeit in hohem Rhythmus zu veröffentlichen. Kann es trotzdem gehen? Dazu später mehr…

Gedanken und Gedankengebäude

Aber ich mag Zeichenlese auch so wie es ist. Denn das Konzept ist auch aus dem Gefühl entstanden, dass viele Diskussionen und Gedanken im Netz viel zu schnell und oberflächlich verlaufen. Damit will ich nicht sagen dumm. Dummes wird überall geschrieben und in jeder Länge. Gerade um die schlauen und interessanten Gedanken ist es aber schade, wenn sie nur mal so schnell in den Raum gesetzt und morgen von neuen Themen überrollt werden. Der schnelle Takt macht es für Schreibende und Lesende schwierig, Gedankengebäude auszutauschen. Texte an die man sich erinnert, wie an einen Urlaub, eine Begegnung, einen Menschen oder eine Beziehung sind selten in Blogs.

Schlaue schnell dahin geschriebene Gedanken sind natürlich auch interessant. Und sie haben auch ein Tiefe. Die Folge ist nicht eine Verflachung der Gedanken. Die Folge ist ein Mangel an Begegnung und Vernetzung der Gedanken. Dass ausgerechnet das Internet den Gedanken die gegenseitige Begegnung wegnimmt, klingt wahrscheinlich nach totalem Quatsch. Aber ich bestehe drauf: Das soziale Web – angefangen bei Blogs, aber noch viel mehr auf Facebook und Twitter – lässt Gedanken einsam werden. Sie wachsen nicht zu Gebäuden un Geflechten. Denn Vereinzelung ist eben keine Frage der Vernetzung und Nähe, sondern eine Frage der Taktung.

Takt und Kontakt

Soziologisch ist die Vereinzelung des Menschen ein modernes Großstadt-Phänomen. Gerade dort also, wo Infrastruktur und Menschendichte am höchsten sind, geraten Menschen in Einsamkeit. In der Ruhe und Abgeschiedenheit auf dem Land kennt man sich gegenseitig und ist allein deswegen schon in Kontakt (was nicht per se etwas Positives sein muss). Das Social Web ist die Großstadt der Gedanken. In der Masse der Gedanken und Ideen auf allen kommerziellen und freien Plattformen wird der einzelne Gedanke einsam wie ein trauriger Großstadtmensch.

Es gibt natürlich Strategien in der Großstadt nicht zu vereinsamen. Sport, Partys, Ausgehen zum Beispiel. Wenn man seine Freizeit in der richtigen Geschwindigkeit durchtaktet, kommt man in einen gemeinsamen Takt mit anderen, in Kontakt mit gleichgetakteten Einzelnen. Der Mangel an substanziellen Begegnungen wird einem durch den Kontakt mit anderen erleichtert.  Aber in Kontakt sein bedeutet, dass man immer mithalten muss, im Takt bleiben um den Kontakt zu bewahren. Freizeitstress nennen wir das.

Blogstress

Je granularer ein soziales Medium funktioniert, desto stressiger wirkt ist. Twitter (das ich sehr schätze) ist aktuell wohl der Höhepunkt der Stress-Skala. Die Kürze der Texte erlaubt eine Taktung wie kein anderes Medium. Aber schon Blogs haben die Tendenz zum Stress, denn schon sie bauen auf Kontakt. Auf Netzpolitik stellt man sich gerade einige Grundsatzfragen, und eine der inhaltlichen Kernfragen ist: Sollen wir über alles möglichst schnell informieren, oder wollen wir eher lange Geschichten recherchieren? Blogstress – und dadurch hohen Kontaktzahlen? Oder einen eigenen Rhythmus? Ein eigener Rhythmus, der immer die Gefahr bedeutet, dass man nicht Schritt hält und vereinzelt.

Für mich persönlich gilt auch weiterhin: Bloß keinen Stress! Kontaktzahlen können nicht der Maßstab für Zeichenlese sein, so lange ich es alleine und freizeitgetrieben betreibe. Ich schaue aber mit Neid nach Amerika, dem heiligen Land der Blogs, wo ein so großes Portal wie n+1 aufgebaut werden kann (na gut, es ist auch und in erster Linie ein Magazin). Das wäre ein persönlicher Traum, wenn meine Arbeit hier irgendwann in so etwas auf deutsch enden würde.

Zeichenlese – Gute Vorsätze

Für das Jahr 2013 nehme ich mir aber vor, nicht zu träumen, sondern mehr zu schreiben. Denn ich gebe Johnny Häusler bei aller Skepsis recht. Ich trenne ja auch den Müll, obwohl ich nicht glaube, dass das Signifikant zur Rettung der Welt beiträgt. Vielleicht hilft es ja doch. Und vielleicht rettet mehr schreiben tatsächlich das Freie Netz vor den großen amerikanischen Datenkraken. Also: Positiv bleiben, mehr schreiben. Und damit das ohne Stress läuft, brauche ich ein neues Blogkonzept, welches das alte nicht über den Haufen wirft, aber eine höhere Taktung dennoch erlaubt. Ein Hybrid zwischen Gedankenschleuder und Essay-Architekturbüro. Wie das im Detail aussieht, überlege ich mir ab sofort.

27. December 2012
von Jonathan
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Dialektik der Redefreiheit

Freedom of speech mit der gesamten Weltöffentlichkeit – das Internet bringt Hyde Park Corner in unsere Wohnzimmer. Wenn jeder ein Sender ist, kann keine Meinung und keine Wahrheit mehr unterdrückt werden. Totalitäre Regime wie Iran und China setzen deswegen auf Überwachung, Kontrolle und Abschottung des Netzes, während Demokraten und Aktivisten der westlichen Welt vehement gegen jede Form der Regulierung kämpfen.

Die Freiheit zu Reden

Nun, da eine Technik existent und zumindest vorläufig gesichert ist, die das Versprechen der Aufklärung - Freiheit und Gleichheit im Diskurs – einlösen kann, stellt sich die Frage, was mit einem solchen Diskurs gewonnen wurde. Denn: Nur weil jeder reden kann, bedeutet das noch lange nicht, dass auch jemand zuhört. Wenn alle reden, wer empfängt dann eigentlich die Nachrichten?

“Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.” 

Aus purer Pflichterfüllung kommunizieren die Menschen bei Franz Kafka im herrschaftsfreien Raum – oder begehen Selbstmord. Was gäbe es auch zu sagen, wenn es keinen König gäbe? Alle Kommunikation richtet sich an ihm aus, ist Fürsprache oder Widerwort. Wenn nichts und niemand die Position des Königs einnimmt, wird Reden zwecklos.

Hier erklärt sich die Anfälligkeit von Netzgemeinschaften für Verschwörungstheorien. Das Internet hat in seiner ursprünglichen Form keine Machtstrukturen. Es ist leer und die Leere bedeutungslos. Deswegen muss sich jede Netz-Community zwangsläufig einen König imaginieren gegen oder für dessen Macht sie schreibt – es ist die einzige Strategie gegen die Bedeutungslosigkeit des leeren Raumes. Und so entsteht eine Reihe von Königen: Der König der Freiheit oder der König der Überwachung, der König der Transparenz oder der König des Lobbyismus, der König des Urheberrechts oder der König des Tausches, der König der Herrschaft oder der König des Widerstandes. Überall Orks und Elben, gute und böse, Nullen und Einsen.

Die Realität hält diesen märchenhaften Schwarz-Weiß-Welten nicht stand, aber im digitalen Diskurs finden Schattierungen keinen Platz. Grau auf grau lässt sich nicht schreiben. Es geht immer nur schwarz auf weiß, schwarze Dissidenz auf weiße Herrschaft. Und das Weiß im Internet ist unendlich. Angesichts dieser Unendlichkeit ist der Schreibende um so mehr genötigt, seine königlichen Feinde groß und mächtig zu wähnen.

Hingabe oder Wut?

An der Grenze zu dieser Überforderung durch die unendliche Leere des Internets kann der Schreibende/Sprechende sich für zwei Wege entscheiden: Rückzug oder Furor. Es scheint immer nur diese beiden Wege zu geben, wenn die Realität über einem zusammenbricht. Die Wut von Kleists Michael Koolhaas oder die Ergebenheit von Kafkas K. - Amok oder Amt.

Es zeigt sich an den Beispielen: Die Überforderung durch das Internet und die Strategien zur Bändigung der Unendlichkeit (Hingabe oder Wut) sind dem Netz als kommunikative Infrastruktur keineswegs exklusiv. An dem dezentralen Medium spiegelt sich die moderne Erfahrung der sich dezentralisierenden, gottlosen Welt. Seit dem der Mensch nicht mehr seinen fest angewiesenen Platz in einem (göttlichen oder politischen) Gesellschaftsgefüge gewiesen bekommt, ist er diesen Fragen ausgesetzt: Party oder Politik? Orgie oder Organisation? Konsum oder Kritik?

Brandbeschleuniger Aufmerksamkeit

Im Internet finden wir all das im Extremen wieder. Party, Politik, Sex, Konsum oder Diskurs – ganz egal. Aber es muss schnell, krass und eindeutig sein: König oder Tyrann? – Gott oder Teufel? – Hot or Not? – Like oder Dislike? – Held oder Troll? Immer wieder: Null oder Eins? Wer keine Extreme erkennt oder benennt, der hat nichts zu sagen. Und nur wer den König, für oder gegen den er schreibt, groß und stark genug an die Wand projiziert, wird im Kampf um die Aufmerksamkeit in der Netzgesellschaft bestehen. Die digitale Gesellschaft wird zur Projektionsgesellschaft.

Wer in dieser Gesellschaft gehört werden will, muss zum Geisterbeschwörer werden und Phantome durch das Netz schicken, in die sich Hoffnungen und Verzweiflungen projizieren lassen. Schattenspiele und Feindbilder werden aufgebauscht, der öffentliche Diskurs von Paranoia und Hysterie beherrscht, die Stunde der Propheten und Demagogen schlägt. An diesem Punkt droht die Redefreiheit sich selbst aufzuheben. Die imaginierten Könige übernehmen die Macht, da nur noch das Reden entlang der etablierten Frontlinien die Chance hat, gehört zu werden. Redefreiheit schlägt in Themen- und letzten Endes in Meinungszwang um.

Die Grenzen der Freiheit

Es stellt sich also die zentrale Frage: Wer wird in Zukunft den öffentlichen Diskurs strukturieren und kanalisieren? Digitale Vordenker glauben an den Schwarm nicht nur als Hysterie-, sondern auch als Organisations-Maschinerie. Ihnen gilt die Wikipedia als Kronzeuge, dass orgiastische Schreib-Exzesse und gelungene Organisation durch den Schwarm möglich sind. Wikipedia und Open Source sollen die Blaupause für ihre besseren Welt der Teilhabe und Offenheit im Netz stellen.

Doch allein die Kämpfe um Urheberrecht und Datenschutz im digitalen Zeitalter lassen bereits erkennen, dass die Lösung für diese grundlegende Problematik möglicherweise nicht so einfach zu finden sind. Wer die Türen weit öffnet, dem werden nicht nur wohlgesinnte ins Haus strömen. Überall wo kommunikativer Wert geschaffen wird, entstehen schon bald auch Machtstrukturen: Rangordnungen in der Wikipedia, Netiquette und Kommentar-Moderationen auf Blogs.

Neue Mächte die nicht  von außen in das Netz eingreifen, wie die traditionellen Feinde der netzpolitischen Bewegung aus Politik und Wirtschaft. Diese Macht-Apparate entstehen aus der Mitte der Bewegung heraus und bringt sie in den Konflikt mit ihrem zentralen Wertsystem von Freiheit, Offenheit und Teilhabe. Freiheit ist ohne jede Macht genauso gefährdet wie unter absoluter Kontrolle. Die Redefreiheit ist von zwei Seiten in Gefahr – nicht nur Regulierung und Zugangsbeschränkung bedrohen sie, auch durch die totalitär gesetzte Freiheit des Diskurses droht sie zu kollabieren.

5. October 2012
von Jonathan
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Blogosphäre: Von Teilhabe zur Besitzstands-wahrung

Auf Netzpolitik hat Markus Beckedahl vor einiger Zeit eine Diskussion um den Niedergang der Kommentarkultur auf dem Blog losgetreten. Zwar will er den offenen Ansatz der Plattform bewahren, aber durch den zunehmend schlechten Stil in den Kommentaren sieht er sich genötigt, über gewisse Grenzen nachzudenken.  Es ist eine dieser typischen Diskussionen, die immer wieder auf eine Entscheidung hinauslaufen: Offenheit oder Qualitätssicherung? Im Kleinen zeigt sich der Trend, der zur Belastungsprobe für die Idealisten unter den deutschen Bloggern werden wird. 

Zwischen Stadt und Land

Der Großteil meiner paraguayischen Verwandten lebt in der Landes-Hauptstadt Asuncion. Ihre Häuser und Wohnungen unterscheiden sich im Prinzip nicht von südeuropäischen Wohngebäuden, sie wohnen “ganz normal” mit Heizungen, Klimaanlagen, Küche, Diele, Bad, usw… Auf dem Land, bei meiner Großtante sieht es anders aus. Westliche Journalisten würden von “ärmlichen” Verhältnssen sprechen. Den ganzen Tag steht die Tür auf, der rote Staub der paraguayischen Erde weht durch das Haus, als ob es kein Innen und Außen gäbe. Auch gibt es kein fließendes Wasser, morgens wird es vom Dorfbrunnen hergeschleppt. Es ist kostbar, weswegen es nicht zum Putzen genutzt wird. Der Steinboden der Zimmer innen wirkt fast wie ein Terassenboden.

Die Dorf-Verwandschaft habe ich nur besucht. Übernachtet habe ich damals bei reichen Verwandten. Eine Cousine meiner Mutter hat einen Unternehmer geheiratet, die Familie wohnte in einer Villa. Auch hier überall die rote Erde und unbefestigte Straßen, da das Viertel gerade neu gebaut wurde. Aber hohe Mauern, Glastüren und mehrere Angestellte für Garten und Haus sorgten für eine strikte Trennung zwischen dem Innen und dem Außen. Blitzsauber waren die weißen Kachelböden und selbst die Steine im Garten um den Pool herum.

Besitzstand oder Offenheit?

Was haben diese Geschichten mit dem Blogbeitrag von Markus Beckedahl zu tun? Es geht um das Verhältnis zwischen Besitz und Offenheit. Es sind die Armen, die ihre Tore weit öffnen, auch den Schmutz und den Staub hereinlassen. Sie haben kleine Häuser, sie können schnell mal gekehrt werden, sie leben ein durchlässiges Leben mit dem Außen, da von dort keine Gefahr droht. Wer interessiert sich schon für sie?

Die Reichen bauen Mauern, kehren und pflegen, schaffen Sauberkeit und Ordnung, schließen die Willkür der Natur aus. Wer besitzt, der muss immer die Grenze ziehen zwischen dem Innenraum, wo er seine Schätze hortet, und der Restwelt, wo Kontingenz und Entropie jedes Horten und Ordnen bedrohen, die Dinge vermischen, zerstreuen, verschmutzen, durchsetzen.

Vom digitalen Dorf zur Metropole

Die deutsche Blogosphäre hat lange Zeit wie ein kleines Dorf funktioniert: offene Häuser, nichts zu verlieren. Ein romantisches Leben. Doch der Medienwandel bringt zunehmend Reichweite und Aufmerksamkeit zu großen Protagonisten wie Netzpolitik.org. Man hat inzwischen einen bescheidenen Wohlstand angehäuft (zwei bezahlte Autoren, eine Diskussionskultur), den es lohnt zu verteidigen. Und deswegen muss man sich der Frage stellen, wie man das inzwischen durch viele Anbauten groß gewordene Haus, in dem das ganze Dorf ein- und ausgeht, vor Randalierern und dem Schmutz der Straße schützen kann.

Noch ist nicht genug Geld da für einen professionellen Sicherheitsdienst. Türen und Wände verbieten sich für den Hausbesitzer (noch?) aus guter Tradition. Also wird um Alternativen gerungen, das Dorf wird befragt, Solidarität geübt. Lösungsoptionen diskutiert und evaluiert.

Die Netz-Szene wird weiter wachsen, das Dorf wird irgendwann Millionenstadt werden. Eine der spannendsten Fragen dürfte dabei sein, ob das Netz wirklich so grundlegend anders – egalitärer und offener – funktionieren kann, wie oft behauptet. Gerade Beckedahl propagiert und verteidigt dieses Ideal des romantischen Netzes. Und er ringt ernsthaft um alternative Lösungen für seine Qualitäts-Besitzstands-Wahrung. Wird man solche Alternativen finden? Können die bewährten Netz-Alternativen – Algorithmus oder Kollaboration – auf Dauer bestehen? Oder wird man irgendwann aus purer Not ganz klassisch die Schotten hochfahren müssen? Ich persönlich bin da skeptisch. Netzpolitik.org sicherlich nicht. Die Zukunft wird den Weg zeigen.

8. May 2012
von Jonathan
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re:publica 2012 – Linksammlung (work in progress)

Ich selbst hatte auf der re:publica 2012 nur wenig Zeit für Panels. Deswegen kann ich auch nur schwer etwas zu der Veranstaltung sagen, außer: Man hat das Gefühl von Offenheit und Spontaneität erfolgreich in die neue Halle übertragen, in der ich die meiste Zeit zusammen mit dem Piktomat meine Zeit verbracht habe. 

Auf die Anregung von Markus Henkel (@EbbeSand) hier eine Linksammlung mit Blog-Beiträgen über die re:publica. Bitte helft uns mit euren Links an @RJonathan und @EbbeSand und in den Kommentaren! (In den Kommentaren müsst ihr ein wenig Geduld haben, wegen des Spamfilters)

Blogs

(Alphabetisch nach Nachname)

re:publica 12 – carry on, carry on! (Nicole Ebber) auf antischokke.de

Re:publica 2012: unsere Impressionen des Kongresses (Stephanie Endres) auf mit-blog.de

Kreativtankstelle für Journalisten (Jan Gesthuizen) auf gesthuizen.de

Von der #rp12: How to make your activist space a safe space (Helga Hansen) auf maedchenmannschaft.de

Beware of the Kontrollverlust – Die re:publica 2012 (Ralf Heinrich) auf kreativbuero.de

Was die re:publica für mich bedeutet (Kerstin Hoffman) auf carta.info und kerstin-hoffmann.de/pr-doktor

Macht geile kleine Blogs auf! #rp12 (Claus Junghanns) auf kritikkultur.de

#rp12, Tag 1: Netzbetrachtung, Netzfreiheit, Netzjournalismus (Paulina Landes) auf interactive.hotwire.pr

#rp12 Tag 2: Zwischen Bloggerblase Brüssel und Bewegtbild (Paulina Landes) auf interactive.hotwire.pr

Das Netz ist ein lebenswerter Raum! #rp12 #Act!on (Jörg Langer) auf digitaler-augenblick.de

Die elbdudler auf der re:publica (Kathrin Kaufmann) auf elbdudler.tumblr.com

Viva la re-publica! (Thomeas Knüwer) auf indiskretionehrensache.de

re:publica: Luft Holen (Jan-Jasper Kosok) auf freitag.de

Unternehmen sucht Nerd (Michael Kuhn) auf blog.daimler.de

Republica: Foodblogs, Weltverbesserer und ein silberner Sellerie (Meike Leopold) auf emea.nttdata.com/blog/de/

re:publica 2012 (Stephanie Neumann) auf werksatdt.net

re:publica 12: Die Highlights für Journalisten (Bernd Oswald) auf journalisten-training.de

Unser Rückblick auf die re:publica 2012 (Sarah Pust) auf digitalmediawomen.de

re:publica 2012: Klassentreffen galore (Daniel Rehn) auf danielrehn.wordpress.com

Rückblick auf die re:publica 12 (Nadine Reger) auf beebop.de

Mehr ACT!ON für alle. #rp12 (Sue Reindke) auf happyschnitzel.de

re:publica, Sellerie und Pornobus – Deutscher Webvideopreis in der Kategorie “Fail” (Markus Sommer) auf netzmilieu.de

Re:publica 2012 von A-Z (Kiki Thaerigen) auf e13.de

Überhaupt Liebe  (Christian de Vries) auf cdv-kommunikationsmanagement.de

re:publica 2012 – Vom real existierenden Elfenbeinturm. (Jo Wedenig) auf brainwash.webguerillas.de

Re:publica 12 (Andreas Wildenhain) auf soliloquium.de

>re:publica 12< größere Räume und mit “action” (Mundo Yang) auf blogs.uni-siegen.de/consumer-participation

 

Bilder & Video

Timelapse Video: Analog Twitterwall at re:publica 2012  auf vimeo.com

Fotostream von re:publica 2012 (re:publica) auf flickr.com

Fotostream (Sascha Bauermeister) auf flickr.com

Re:publica 2012: Steffen Seibert über die Social-Media-Nutzung (Markus Henkel) auf mit-blog.de

re:publica 2012 Fotoalbum (Jörg Langer) auf flickr.com

re:publica 2012 Fotoalbum (Ralf Stockmann) auf flickr.com

Bilder von der re:publica 2012 (Volker Wittmann) auf volkersworld.de

 

Podcasts

Podcast 323: re:publica 2012 (Johnny Haeusler) auf spreeblick.com

ANYSE03 – re:anygeeks #2 (#rp12 Tag 1) auf anyca.st und wikigeeks.de

ANYSE04 – re:anygeeks #3 (#rp12 Tag 2) auf anyca.st und wikigeeks.de

ANYSE05 – re:anygeeks #4 (#rp12 Tag 3) auf anyca.st und wikigeeks.de

DS 8: re:publica re:cap auf datastream-podcast.de

re:publica 12 Special auf kwobb.net

TRB 277: republica, brokenlifts, was hab ich, windowfarms, hackathon, weltfrieden auf trackback.fritz.de

WMR41 – wir müssen re:den auf wir.muessenreden.de

Zeitungsartikel

re:publica 2012: Stimmen und Stimmungen (Falk Hedermann) auf t3n.de

 

1. April 2012
von Jonathan
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Netzpolitik: Populismus statt Lobbyismus?

Eine große Kraft zieht die Politik im Netz aus ihrem Kampf gegen Lobbyismus in der Politik. Entscheidungen, die in Hinterzimmern über die Köpfe von Bürgern hinweg getroffen werden. Reformen, aus denen immer die gleichen Seilschaften als Sieger hervorgehen. Das sind ihre erklärten Gegner. Doch die Bewegung, die ganz augenscheinlich als eine Befreiung und Verbesserung der politischen Prozesse begonnen hat, ist längst Teil eines Infokrieges geworden in dem jedes Mittel recht scheint, um Netz-Bürger zu mobilisieren.  Netzaktivisten kämpfen mit den gleichen unangenehmen Waffen wie ihrer Gegner. Der Kampf gegen den Lobbyismus, droht in sein vielleicht noch schlimmeres Gegenteil zu Kippen: Den Populismus. 

Nie war die Mobilisierung der Massen einfacher, nie ließen sich einfacher und bequemer – aus dem “Armchair” heraus – Massen mobilisieren. Millionen Klicks für Kony und das Anonymous-Video zu ACTA sprechen eine deutliche Sprache: Beide als Aufklärung daherkommende Videos stehen bei Fachleuten in der Kritik. Doch die Internet-User sind nicht an den kniffligen Details politischer Debatten interessiert sondern an einfachen Botschaften auf RTL- und BILD-Niveau. 

Das ist an sich wahrscheinlich keine Überraschende Erkenntnis. Überrascht hat es mich, wer alles in meinem Freundeskreis diese Videos unreflektiert und mit “UNBEDINGT ANSCHAUEN!”-Empfehlungen versehen weiterverbreitete. Menschen, die sich nie im Leben eine Bild-Zeitung kaufen würden und denen ich ein wenig mehr Medienkompetenz zugetraut hätte. Während im Fernsehen und in den Zeitungen kritisch konsumiert wird, glaubt man Videos auf Youtube ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken oder eine halbe Minute nachzurecherchieren.

Denke ich diese Phänomene konsequent weiter, gelange ich zu einer “Schönen neuen Politik” der Zukunft. Fachleute können sich gerne in Gremien und Tagungen die Zunge fusselig reden. Wer das aufregendste und empörendste Video auf Youtube stellt, der bekommt die Leute auf die Straße. Da muss man gar nicht erst bedenken, wohin die letzte große Populismus-Bewegung in Deutschland geführt hat, um die Frage aufzuwerfen, ob man nicht im Begriff ist, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben?