Notiz

13. April 2013
von Jonathan
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“Wir” a la Steinbrück

“Diese Gesellschaft kann mehr Wir vertragen” sagte Steinbrück dem Deutschlandfunk (mp3). Und er beweist damit einmal mehr seine kommunikative Unzulänglichkeit. Nichts gegen den Slogan Mehr Wir, weniger Ich, den sich die SPD auf die Fahne geschrieben hat. Aber kann Steinbrück dieses Wir wirklich leben? Seine Paraphrase legt nahe, dass er es nicht kann. Anstatt sich als Teil dieser Gesellschaft, dieses Wirs zu sehen, trifft er eine Aussage über die Bedürfnisse der Gesellschaft. Er stellt er sich über die Menschen und nicht in deren Mitte. Es ist schon ein Kunststück: In einem Satz schafft er es, ein Motto zu nennen, und es im gleichen Zug zu konterkarieren. “Wir” à la Steinbrück heißt “Ihr”. Und damit ruft er all jene Bilder wieder hervor, die in den letzten Monaten von ihm entstanden sind. Seine Probleme mit der linken Basis, seine Probleme mit dem ‘einfachen Volk’, seine Probleme mit der Arroganz. Ich glaube nicht, dass Steinbrück das Ruder bis zu Bundestagswahl noch herumgerissen bekommt.

23. February 2013
von Jonathan
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Django Unchained – Tarantinos Rache Teil 4

Nichts Bemerkenswertes gibt es über Django zu berichten. Tarantino setzt seine Serie von Rache-Filmen fort. Diesmal rächt sich ein Sklave. Er führt ihn gewohnt stilsicher durch die Handlung und gibt ihm einen kultigen Partner und skurrile Gegner an die Hand. So fühlt der Film sich wieder ein wenig mehr nach “Tarantino-Kosmos” an als Inglorious Basterds. Aber die Perfektion in den Nebenrollen und den Sog einer fremden Welt, wie man ihn aus seinen ersten fünf Filmen kennt, vermisst man auch hier.

Tarantinos Obsession mit der Rache ist schon erstaunlich. In Pulp Fiction (in Gestalt von Bruce Willis) und Jackie Brown tauchte sie als Nebenmotiv auf, in Kill Bill wurde sie zum zentralen Thema. Und seit dem hat er sie nicht mehr los gelassen. Tarantinos Kino in Phase 2, nach den coolen ersten beiden Ensemble Filmen Reservoir Dogs und Pulp Fiction und dem Übergangsfilm Jackie Brown, ist ein Rachefeldzug.

Vielleicht ist das die Rolle, in der sich Tarantino selbst sieht. Seine Filme, die so gar nicht ins Establishment passen wollen, die sich klar aus Genre und B-Movie speisen, erobern regelmäßig die Feuilletons. Nicht weil sie intellektuell sind. Nicht weil sie im Chor der Kritiker singen. Nur weil sie dieses entscheidende Stück schlauer, stilvoller, eleganter sind, als echte B-Movies. Tarantino, “that one nigger in 10.000“.

5. February 2013
von Jonathan
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Logik der Diskriminierung

Egal ob #Aufschrei oder die Entfernung rassistischen Vokabulars aus alten Kinderbüchern, die Diskussionen um Diskriminierung laufen nach den immergleichen Regeln ab. Wer sich emanzipieren will, sollte auf die Scheinargumente und Schattenkämpfe nicht reinfallen. Eine Regelkunde der Diskriminierung.

Regel 1: Sei widersprüchlich.

Argumentative Machterhaltung erreicht man selten, indem man eine schlüssige Linie vertritt. Die Sprache ich tückisch, jede Verteidigungslinie lässt sich argumentativ durchbrechen. Unangreifbarkeit erreicht man durch widersprüchliche Argumentationen. Wenn ich zwei Argumente nutze, die sich im logischen Kern widersprechen, aber auf der Oberfläche beide an den gesunden Menschenverstand appellieren, habe ich das Recht in jeder Situation auf meiner Seite.

Zum Beispiel: “Eine Frau muss sich auch wehren können.” Das klingt doch richtig. Es ist sogar richtig. Jeder Mensch kommt in Situationen der Grenzübertretung und Aggression und es ist für einen unabhängigen Erwachsenen Menschen sehr wichtig sich wehren zu können. Die #Aufschrei-Diskussion selbst ist ja ein Sich Wehren. Aber wenn sch jemand mit #Aufschrei wehr, dann gilt: “Stell Dich doch nicht so an!” Und auch dieses Argument ist richtig. In einer aufgeheizten Debatte ist immer auch viel Hysterie dabei. Irgendjemand übertreibt immer. Irgendjemand stellt sich immer an.

Die Antwort: Man kann diese Strategie nur durchbrechen, wenn man erkennt, dass hier Randfälle genutzt werden, um vom Kern des Problems abzulenken. Es gibt selbstverständlich Situationen, in denen eine Frau eine Mitschuld am empfundenen verbalen Übergriff eines Mannes trägt, weil sie sich nicht getraut hat entsprechende Signale zu setzen, obwohl die Situation es ihr erlaubt hätte. Es gibt selbstverständlich auch Situationen, in denen man nicht unbedingt zimperlich sein muss, und eine Äußerung als überzogene oder bescheuerte Anmache abtun sollte anstatt als verletzenden Übergriff. Aber das sind jeweils Randfälle, die in der Diskussion als solche zur Abgrenzung wichtig sind, jedoch von der Kernforderung nach mehr Aufmerksamkeit für Diskriminierung ablenken.

Regel 2: Berufe Dich auf die Freiheit

Wer die Freiheit anruft, der hat in einer westlichen Demokratie immer recht. Es gibt keine politische Bewegung, die nicht die Freiheit auf ihren Fahnen stehen hat. Und immer wenn einer “sich wehrt” (siehe Regel 1), dann will er die Freiheit des Täters eine Täter zu sein einschränken. Das gibt dem Diskriminierenden eine Prima Chance Sätze zu sagen wie: “Man wird doch noch sagen dürfen!”

Die Antwort: Was der Täter übersieht – auch das Opfer wird doch mal sagen dürfen! Und keiner von beiden soll der Richter in diesem Fall sein, denn genau darin besteht die Meinungsfreiheit, dass beide Meinungen gelten. Das ist natürlich für beide Seiten schwer zu ertragen. Denn es heißt auch, dass latente Rassisten weiter latente Rassisten sein dürfen. Im Kampf gegen sie, kann man sich ebenfalls nur auf die Meinungsfreiheit beziehen. Zu diesem Thema hat Noah Sow einen großartigen Text geschrieben:

Zur Beruhigung und Erinnerung: das Recht, Menschen rassistisch zu bezeichnen, besteht weiterhin. Es ist durch eine vernünftige Verlagsentscheidung nicht in Gefahr. Ebenso bestehen bleiben das Recht, rassistischen Müll zu Publizieren, das Recht, Kinder rassistisch zu erziehen, und das Recht darauf, white supremacy durch die nächsten Jahrhunderte zu tragen. Was neuerdings wegfällt, und für viele Rassisten anscheinend schon unerträglich ist, ist lediglich das Recht, sich als Rassist bei 100% der Mehrheitsbevölkerung beliebt zu machen. Es sind jetzt ein paar Prozent weniger. Ebenso mausetot: das Recht, auf rassistische Handlungen keine Widerrede zu bekommen.

Regel 3: Werde zum Opfer!

Den Unterdrückten geht es schlecht. Den Unterdrückern immer schlechter. Dass sie in ihrer Freiheit eingeschränkt sind (siehe Regel 2), ist nur der Anfang. Die ganze Verantwortung lastet auf ihren Schultern. Und wenn es ihnen mal schlecht geht, dann kommt keiner und hilft, dann gibt es keinen #Aufschrei. Aber über mich, den armen Herrscher, fallen sie her wie die Hunde.

Denis Scheck fühlt sich an nicht weniger als die totalitäre Diktatur in Orwells 1980 erinnert, wenn in einem Kinderbuch (!) Vokabular ausgetauscht wird. Unter Demagogie, Zensur und Diktatur geht nichts, wenn es darum geht, die eigene Machtposition als Opferposition auszuschmücken. Die These unterstreicht man am besten durch eine Inszenierung, die es garantiert, dass die Opfer-Position kurz darauf auch Wirklichkeit wird. Zum Beispiel indem man sich das Gesicht schwarz anmalt.

Es ist kein Zufall, das gerade die Intelligenten und Gebildeten auf diese Taktik zurückgreifen. Sie ist am schwersten zu durchbrechen. Im Fall Scheck konzentrieren sich die Kritiker fast ausschließlich auf den Faux-Pas. Seine seltsamen Argumente, in denen die Literatur, die Freiheit und das Abendland vor ihrem Ende stehen, kommen in der Diskussion gar nicht mehr vor. Die sz schreibt zum Beispiel: “Nun wäre das Plädoyer des Literaturkritikers kein Grund zum Aufschrei, eher ein ironisch-kritischer Beitrag zur weiteren Diskussion. Hätte sich Scheck nur nicht das Gesicht schwarz angemalt und weiße Glaceehandschuhe übergezogen.”

Die Antwort: Provokationen ignorieren! Die Frage ist, wer hier Stier ist und wer Torrero. Wer lässt sich als erstes von seinen Emotionen verleiten, in die Schein-Argumente und Provokationen des anderen zu stürmen? Besser auf der Sachebene antworten: Was genau leistet das Wort “Neger” als ausgezeichnetes Sprachgeschichts-Erziehungs-Werkzeug, was andere, weniger diskriminierende Worte nicht leisten?

Oder man geht einen Schritt zurück und fragt: Warum fühlt sich jemand Gebildetes zu solchen Äußerungen genötigt? Die Antwort ist immer: Weil er Angst hat! Er ist tatsächlich ein Opfer, das Opfer seiner Existenz-Ängste. Und er ist schon längst ein Stier in der Manege und kämpft um sein Überleben. Geben wir dem Stier also ein rotes Tuch und Fragen: Welcher dunkelhäutige Literaturkritiker hat in der ARD eigentlich die Chance, seine Meinung in der Debatte zu äußern? Ach… es gibt gar keinen? Dann wird es aber mal Zeit!

12. January 2013
von Jonathan
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Taktung und Kontakt (in eigener und bloggosphärischer Sache)

Nun schreibe auch ich noch einen Text zu Johnny Häuslers Blog-Diskussion. Mehr Schreiben 2013 ist ein toller Vorsatz! Ganz unabhängig wie man beurteilt, ob dieses mehr schreiben tatsächlich zu einer Rettung des Freien Netzes führen kann. Als Skeptiker ist solch Pathos mir natürlich verdächtig, aber natürlich auch sympathisch. Wie dem auch sei… Seit dem inzwischen berühmten Beitrag auf Spreeblick hat es ein paar Tage gedauert, bis ich meine Haltung zu der Sache gefunden habe. In der Zeit habe ich mich gefragt: Was würde “mehr schreiben” eigentlich für mich bedeuten? Was würde es für Zeichenlese bedeuten? Und was sagt diese Aufforderung über “dieses Internet”?

Mehr schreiben heißt auf Spreeblick vor allem: öfter schreiben. Weniger auf Facebook oder Twitter seine Gedanken und Meinungen verkünden, mehr auf Blogs und in den Kommentarfeldern von Blogs. Der Plan für Zeichenlese war schon immer, nur ca. einen Artikel pro Monat zu veröffentlichen. Ich glaube der tatsächliche Schnitt liegt noch etwas darunter. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen mache ich das hier nur zum Spaß und will mich nicht wegen eines Spaß-Projektes stressen. Zum anderen – und das ist wichtiger: Der Stil.

Stilfrage: Essays und Blogs

Der Ansatz von Zeichenlese ist essayistisch. Ich schreibe hier (mit einer Ausnahme) nie über Entdeckungen im Netz, einen Gedanken den ich letztens hatte oder schnell mal meine Meinung zum aktuellen Thema XY. Ein Gedanke oder eine Diskussion können immer Anlass für einen Artikel sein. Aber ein Gedanke ist nur der Anfang. Die Artikel hier haben den Anspruch einen Gedanken weiterzudenken, mit ihm zu spielen, ihn zu verfolgen, ihn ernst zu nehmen und zu schauen was dann passiert. Deswegen lagern im Backend stets 10-20 Artikel-Entwürfe, die in meinen Augen nicht veröffentlichbar sind, weil sie nur aus einem Gedanken bestehen, aber keinen Weg oder Verbindungslinien zeichnen. Irgendwann kommen mir dann vielleicht weitere Ideen und Gedanken und es entsteht ein typischer Zeichenlese-Artikel: lang und kompliziert. Deswegen ist mehr schreiben für mich schwierig, ohne den grundsätzlichen Stil der Artikel zu verändern. Aus einem Gedanken ein Essay zu entwickeln ist Arbeit. Und die kann ich leider nicht so oft hier rein stecken, wie das für eine schnelle Blog-Frequenz nötig wäre.

Aus diesem Grund habe ich schon in der Vergangenheit zu Leuten gesagt: Zeichenlese ist eigentlich gar kein Blog. Ich nutze ein Blog-CMS, aber inhaltlich und stilistisch bin ich viel zu lahm und der Anspruch zu akademisch für einen Blogger. Bei Themen hinke ich hinterher, die Texte sind zu lang und im schlimmsten Fall nicht verständlich genug. Wobei zumindest bei der Verständlichkeit ich immer bemüht bin, nicht in akademische Phrasendrescherei zu verfallen. Dennoch: Wer lange und vielschichtige Texte schreiben will, hat Mühe sie neben der Arbeit und der sonstigen Freizeit in hohem Rhythmus zu veröffentlichen. Kann es trotzdem gehen? Dazu später mehr…

Gedanken und Gedankengebäude

Aber ich mag Zeichenlese auch so wie es ist. Denn das Konzept ist auch aus dem Gefühl entstanden, dass viele Diskussionen und Gedanken im Netz viel zu schnell und oberflächlich verlaufen. Damit will ich nicht sagen dumm. Dummes wird überall geschrieben und in jeder Länge. Gerade um die schlauen und interessanten Gedanken ist es aber schade, wenn sie nur mal so schnell in den Raum gesetzt und morgen von neuen Themen überrollt werden. Der schnelle Takt macht es für Schreibende und Lesende schwierig, Gedankengebäude auszutauschen. Texte an die man sich erinnert, wie an einen Urlaub, eine Begegnung, einen Menschen oder eine Beziehung sind selten in Blogs.

Schlaue schnell dahin geschriebene Gedanken sind natürlich auch interessant. Und sie haben auch ein Tiefe. Die Folge ist nicht eine Verflachung der Gedanken. Die Folge ist ein Mangel an Begegnung und Vernetzung der Gedanken. Dass ausgerechnet das Internet den Gedanken die gegenseitige Begegnung wegnimmt, klingt wahrscheinlich nach totalem Quatsch. Aber ich bestehe drauf: Das soziale Web – angefangen bei Blogs, aber noch viel mehr auf Facebook und Twitter – lässt Gedanken einsam werden. Sie wachsen nicht zu Gebäuden un Geflechten. Denn Vereinzelung ist eben keine Frage der Vernetzung und Nähe, sondern eine Frage der Taktung.

Takt und Kontakt

Soziologisch ist die Vereinzelung des Menschen ein modernes Großstadt-Phänomen. Gerade dort also, wo Infrastruktur und Menschendichte am höchsten sind, geraten Menschen in Einsamkeit. In der Ruhe und Abgeschiedenheit auf dem Land kennt man sich gegenseitig und ist allein deswegen schon in Kontakt (was nicht per se etwas Positives sein muss). Das Social Web ist die Großstadt der Gedanken. In der Masse der Gedanken und Ideen auf allen kommerziellen und freien Plattformen wird der einzelne Gedanke einsam wie ein trauriger Großstadtmensch.

Es gibt natürlich Strategien in der Großstadt nicht zu vereinsamen. Sport, Partys, Ausgehen zum Beispiel. Wenn man seine Freizeit in der richtigen Geschwindigkeit durchtaktet, kommt man in einen gemeinsamen Takt mit anderen, in Kontakt mit gleichgetakteten Einzelnen. Der Mangel an substanziellen Begegnungen wird einem durch den Kontakt mit anderen erleichtert.  Aber in Kontakt sein bedeutet, dass man immer mithalten muss, im Takt bleiben um den Kontakt zu bewahren. Freizeitstress nennen wir das.

Blogstress

Je granularer ein soziales Medium funktioniert, desto stressiger wirkt ist. Twitter (das ich sehr schätze) ist aktuell wohl der Höhepunkt der Stress-Skala. Die Kürze der Texte erlaubt eine Taktung wie kein anderes Medium. Aber schon Blogs haben die Tendenz zum Stress, denn schon sie bauen auf Kontakt. Auf Netzpolitik stellt man sich gerade einige Grundsatzfragen, und eine der inhaltlichen Kernfragen ist: Sollen wir über alles möglichst schnell informieren, oder wollen wir eher lange Geschichten recherchieren? Blogstress – und dadurch hohen Kontaktzahlen? Oder einen eigenen Rhythmus? Ein eigener Rhythmus, der immer die Gefahr bedeutet, dass man nicht Schritt hält und vereinzelt.

Für mich persönlich gilt auch weiterhin: Bloß keinen Stress! Kontaktzahlen können nicht der Maßstab für Zeichenlese sein, so lange ich es alleine und freizeitgetrieben betreibe. Ich schaue aber mit Neid nach Amerika, dem heiligen Land der Blogs, wo ein so großes Portal wie n+1 aufgebaut werden kann (na gut, es ist auch und in erster Linie ein Magazin). Das wäre ein persönlicher Traum, wenn meine Arbeit hier irgendwann in so etwas auf deutsch enden würde.

Zeichenlese – Gute Vorsätze

Für das Jahr 2013 nehme ich mir aber vor, nicht zu träumen, sondern mehr zu schreiben. Denn ich gebe Johnny Häusler bei aller Skepsis recht. Ich trenne ja auch den Müll, obwohl ich nicht glaube, dass das Signifikant zur Rettung der Welt beiträgt. Vielleicht hilft es ja doch. Und vielleicht rettet mehr schreiben tatsächlich das Freie Netz vor den großen amerikanischen Datenkraken. Also: Positiv bleiben, mehr schreiben. Und damit das ohne Stress läuft, brauche ich ein neues Blogkonzept, welches das alte nicht über den Haufen wirft, aber eine höhere Taktung dennoch erlaubt. Ein Hybrid zwischen Gedankenschleuder und Essay-Architekturbüro. Wie das im Detail aussieht, überlege ich mir ab sofort.

5. October 2012
von Jonathan
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Blogosphäre: Von Teilhabe zur Besitzstands-wahrung

Auf Netzpolitik hat Markus Beckedahl vor einiger Zeit eine Diskussion um den Niedergang der Kommentarkultur auf dem Blog losgetreten. Zwar will er den offenen Ansatz der Plattform bewahren, aber durch den zunehmend schlechten Stil in den Kommentaren sieht er sich genötigt, über gewisse Grenzen nachzudenken.  Es ist eine dieser typischen Diskussionen, die immer wieder auf eine Entscheidung hinauslaufen: Offenheit oder Qualitätssicherung? Im Kleinen zeigt sich der Trend, der zur Belastungsprobe für die Idealisten unter den deutschen Bloggern werden wird. 

Zwischen Stadt und Land

Der Großteil meiner paraguayischen Verwandten lebt in der Landes-Hauptstadt Asuncion. Ihre Häuser und Wohnungen unterscheiden sich im Prinzip nicht von südeuropäischen Wohngebäuden, sie wohnen “ganz normal” mit Heizungen, Klimaanlagen, Küche, Diele, Bad, usw… Auf dem Land, bei meiner Großtante sieht es anders aus. Westliche Journalisten würden von “ärmlichen” Verhältnssen sprechen. Den ganzen Tag steht die Tür auf, der rote Staub der paraguayischen Erde weht durch das Haus, als ob es kein Innen und Außen gäbe. Auch gibt es kein fließendes Wasser, morgens wird es vom Dorfbrunnen hergeschleppt. Es ist kostbar, weswegen es nicht zum Putzen genutzt wird. Der Steinboden der Zimmer innen wirkt fast wie ein Terassenboden.

Die Dorf-Verwandschaft habe ich nur besucht. Übernachtet habe ich damals bei reichen Verwandten. Eine Cousine meiner Mutter hat einen Unternehmer geheiratet, die Familie wohnte in einer Villa. Auch hier überall die rote Erde und unbefestigte Straßen, da das Viertel gerade neu gebaut wurde. Aber hohe Mauern, Glastüren und mehrere Angestellte für Garten und Haus sorgten für eine strikte Trennung zwischen dem Innen und dem Außen. Blitzsauber waren die weißen Kachelböden und selbst die Steine im Garten um den Pool herum.

Besitzstand oder Offenheit?

Was haben diese Geschichten mit dem Blogbeitrag von Markus Beckedahl zu tun? Es geht um das Verhältnis zwischen Besitz und Offenheit. Es sind die Armen, die ihre Tore weit öffnen, auch den Schmutz und den Staub hereinlassen. Sie haben kleine Häuser, sie können schnell mal gekehrt werden, sie leben ein durchlässiges Leben mit dem Außen, da von dort keine Gefahr droht. Wer interessiert sich schon für sie?

Die Reichen bauen Mauern, kehren und pflegen, schaffen Sauberkeit und Ordnung, schließen die Willkür der Natur aus. Wer besitzt, der muss immer die Grenze ziehen zwischen dem Innenraum, wo er seine Schätze hortet, und der Restwelt, wo Kontingenz und Entropie jedes Horten und Ordnen bedrohen, die Dinge vermischen, zerstreuen, verschmutzen, durchsetzen.

Vom digitalen Dorf zur Metropole

Die deutsche Blogosphäre hat lange Zeit wie ein kleines Dorf funktioniert: offene Häuser, nichts zu verlieren. Ein romantisches Leben. Doch der Medienwandel bringt zunehmend Reichweite und Aufmerksamkeit zu großen Protagonisten wie Netzpolitik.org. Man hat inzwischen einen bescheidenen Wohlstand angehäuft (zwei bezahlte Autoren, eine Diskussionskultur), den es lohnt zu verteidigen. Und deswegen muss man sich der Frage stellen, wie man das inzwischen durch viele Anbauten groß gewordene Haus, in dem das ganze Dorf ein- und ausgeht, vor Randalierern und dem Schmutz der Straße schützen kann.

Noch ist nicht genug Geld da für einen professionellen Sicherheitsdienst. Türen und Wände verbieten sich für den Hausbesitzer (noch?) aus guter Tradition. Also wird um Alternativen gerungen, das Dorf wird befragt, Solidarität geübt. Lösungsoptionen diskutiert und evaluiert.

Die Netz-Szene wird weiter wachsen, das Dorf wird irgendwann Millionenstadt werden. Eine der spannendsten Fragen dürfte dabei sein, ob das Netz wirklich so grundlegend anders – egalitärer und offener – funktionieren kann, wie oft behauptet. Gerade Beckedahl propagiert und verteidigt dieses Ideal des romantischen Netzes. Und er ringt ernsthaft um alternative Lösungen für seine Qualitäts-Besitzstands-Wahrung. Wird man solche Alternativen finden? Können die bewährten Netz-Alternativen – Algorithmus oder Kollaboration – auf Dauer bestehen? Oder wird man irgendwann aus purer Not ganz klassisch die Schotten hochfahren müssen? Ich persönlich bin da skeptisch. Netzpolitik.org sicherlich nicht. Die Zukunft wird den Weg zeigen.