Notiz

25. February 2012
von Jonathan
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Die “Piraten-Generation” und ich

Für das rbb Kulturradio bin ich zu ein Feature über meine Generation (30+) befragt worden. Gesendet – onair und online – wird das ganze am heute, Samstag (25.02.2012 17:04 – 18:00 Uhr). Ohne Musik wird das ganze wohl auch länger auf Abruf verfügbar sein. Ich habe den Beitrag selber noch nicht gehört und bin gespannt. Dann habe ich noch diesen sehr schönen Artikel auf Zeit Online gefunden, der von der Generation unter 30 handelt. Anlass für mich über die Unterschiede  der beiden Generationen nachzudenken.

Computer-Jugend in den Neunzigern

Ich selbst bin mit Computern aufgewachsen, mehr als andere in meiner Generation. Und wir hatten als einer der ersten Haushalte Internet. Damals, in den Neunzigern, war das ein ziemlich leerer Raum. Mit 56K-Modem und ohne Amazon, ohne Google, ohne Online-Banking, ohne “Web 2.0″. Meine Email-Adresse war auch quasi wertlos, denn es hatte keiner meiner Freunde eine – wem hätte ich also schreiben sollen? Dazu kam die Ernüchterung nach der großen Party vom Fall der Mauer und die ganze Tristesse der konservativen Kohl-Ära – 16 Jahre hat er mich begleitet.

Diese für junge Menschen unwirtliche Umgebung äußerte sich in dem Rückzug in Subkulturen. Wir waren Punks, Metaller, Hip-Hopper, Skater oder Grunger – Hauptsache nicht zum großen “Mainstream” dazu gehören. Die Zugehörigkeit zur Subkultur markierte man durch seinen Klamotten-Stil. Die richtige Marke von Schuhen (Springer-Stiefel, Sneakers, Vans, Doc-Martins) war besonders wichtig.

Dann kam DSL und die technischen Möglichkeiten für Anwendungen im Netz wurden besser. Google überholte Yahoo, Mozilla überholte Netscape, P2P-Musik-Sharing wurde illegal, MySpace, Facebook … die Geschichte ist bekannt. Trotz meiner “early adoption” – ich bin noch in der “alten Welt” aufgewachsen, in der nicht alles bequem und einfach funktionierte.

Zwischen den Welten

Ich habe früher Informationen über Underground-Hip-Hop-Acts noch langwierig und schwierig suchen müssen – on- und offline, weil sie noch nicht so einfach verfügbar waren. Heute gibt es so viele neue Rap-Talente, dass man den Überblick völlig verliert. Sie kommen auch nicht einfach alle aus New York oder LA, wie früher. Sie kommen überall her, denn die Musik hat sich komplett dezentralisiert. Sie brauchen keine Musikstudios und teuren Sampler mehr für ihre Musik. Und die Distribution über YouTube braucht keine Talentscouts und Label-Strukturen.

Und so kenne ich beide Welten – diese alte vertikale Welt mit Hierarchien und einem ständigen Informationsmangel und der Herausforderung zu suchen und zu finden, und diese neue horizontale Welt mit dezentralen Strukturen und der ständigen Informationsüberflutung und der Herausforderung zu filtern und zu bewerten. Und weil ich sie beide kenne, und mit beiden irgendwie umgehen gelernt habe – und weil sie auch heute und sicherlich noch für sehr lange Zeit beide nebeneinander existieren, sehe ich das als Vorteil.

Die “Piraten-Generation”

Es sind nur ein paar Jahre, die mich von der neuen Internet-Jugend trennen, wie sie Piotr Czerski in seinem Zeit-Artikel beschreibt. Sie wollen die Organisation des ganzen Lebens so einfach bedienbar machen, wie eine gute Internet-Anwendung. Sie sind nicht an Geschichte interessiert. Sie hoffen auf eine neue Form des Kollektivismus – einer, der sich aus der Freiheit speist, nicht aus der Kontrolle. “Kollaborationismus” könnte man es vielleicht nennen.

Mir sind solche Träume zu durchsetzt von der Naivität und dem Enthusiasmus der Jugend. Das meine ich nicht abwertend. Das sind wertvolle Eigenschaften, die einem die nötige Kraft und Frische geben, neues zu erschaffen. Aber sie verstellen auch immer wieder die Sicht auf tatsächlich relevante Zusammenhänge und blenden in ihrer Euphorie nicht nur die falschen, sondern auch die richtigen Einwände aus. Aber wer kann schon voraussagen, welche welche sind?

Realität und Revolution

Dass sie sich nicht von einem Konservativismus fesseln lassen wollen, der die Zustände aufrecht erhalten will, nur weil es schon immer so war, ist nicht nur das Recht der Jugend sondern sogar ihre Pflicht. Aber eine so pauschale Ablehnung der Geschichte, wie sie Czerski äußert, übersieht auch, dass sie mehr zu bieten hat als Traditionen. Die bestehenden Systeme sind nicht nur aus Tradition entstanden. Es flossen in sie auch auch die Erfahrungen und Diskurse ein, die sich zum Teil über Generationen und Jahrhunderte erstreckten. ”Alte” Lehren sind durch das Internet nicht hinfällig. Die Menschen sind immer noch die gleichen Menschen, egal mit welcher Technik sie sich den Herausforderungen des Lebens stellen.

Wenn man sich mit den Problemen der Welt dann tatsächlich auseinandersetzt, holt diese Erkenntnis einen schnell ein. Je mehr man sich zum Beispiel mit den Mechanismen von Politik und Medien auseinandersetzt, desto mehr wird man gewisse Entwicklungen verstehen lernen. Aktuell kann man der deutschen Piratenpartei bei diesen Prozessen sehr anschaulich zuschauen. Zum Beispiel in diesem schönen Blog-Beitrag von Marina Weisband, der sich mit Transparenz und Vorzimmern beschäftigt. Die Realität hat schon begonnen, die sanfte Revolution zu schleifen und zu stutzen. Ich bin gespannt wie sich der Enthusiasmus der “Piraten-Generation” entwickelt – auch weil ein solcher mir selber in den Neunzigern nie vergönnt war.

19. January 2012
von Jonathan
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Grooveshark eats music

Wie schlecht kann man eigentlich eine Stellungnahme schreiben? “Statement zu den Vorwürfen von Grooveshark”, lautet die Überschrift der GEMA-Verteidigungsrede gegen Grooveshark. Das liest sich nicht gerade selbstsicher. Und warum überhaupt Verteidigung?

Grooveshark hat kein Interesse daran gehabt, Urheber an ihrem Geschäftsmodell zu beteiligen. Da es inzwischen immer mehr legale Musik-Dienste im Internet gibt (rdio, simfy, und andere), ist das um so mehr ein Skandal. Wenn einige versuchen, Musik legal und für wenig Geld unter das Volk zu bringen, dann ist jedes andere Geschäftsmodell erstmal Ausbeutung.

Nicht die Nutzer und ihre Kopien “töten” Musik, sondern Dienste wie Grooveshark, die eine Beteiligung von Künstlern an der Musikverbreitung von vorne herein ausschließen. Das sollte auch den Nutzern klar sein. Wer die “böse Musikindustrie” kritisiert, die sich nie um Künstler und Kunst kümmert sondern nur um Profit, dem sollte das Geschäftsmodell einer Plattform wie Grooveshark doch erst recht übel aufstoßen?

Für mich entlarven solche Argumente die Mentalität der Grooveshark-Shitstormer. Eigentlich wollen Sie gar nicht darüber nachdenken, wie es den Künstlern finanziell geht. Eigentlich wollen Sie keine Verantwortung für die Finanzierung von Kulturproduktion übernehmen. Sie wollen nur möglichst viel und umsonst.

7. January 2012
von Jonathan
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Windows-Werbung: Was Kinder und Wulff gemeinsam haben

Kinder sind erstklassige Werbeprotagonisten. Unverstellt und menschlich repräsentieren sie Authenzität in Reinform. Sie bringen uns zum Schmunzeln, Lachen, Mitfühlen. Und sie sind somit das Gegenteil von einem klassischen Macht-Politiker, der sich verstellt und lügt und schauspielert.

Ein solcher Politiker ist stets darauf bedacht, Einfluss auf Medien zu nehmen, die Öffentlichkeit über Wahrheit und Unwahrheit im Unklaren zu lassen. Und vielleicht ergibt sich auch einmal die Gelegenheit, einen kleinen persönlichen Vorteil auf dem Weg abzugreifen. Wir kennen sie zu genüge, Wulff ist nur einer von ihnen.

Mit der ganzen Wulff-Geschichte im Hinterkopf habe ich mit Belustigung und Staunen diesen sympathischen Werbe-Spot von Windows entdeckt.  Das Internet (und in diesem Fall Windows) demokratisiert die Medien. Endlich haben Kinder die Macht, nicht mehr nur die Wulffs und Berlusconis dieser Welt. Was stellen Kinder mit dieser Macht wohl an? Schauen Sie selbst…

14. October 2011
von Jonathan
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David Lynch Parodie

Ausnahmsweise mal ganz kurz. Ich fand David Lynch ja schon immer überschätzt. Nicht dass er kein guter Filmemacher wäre, aber die Gläubigkeit, mit der so viele Cineasten ihm auf Schritt und Tritt folgen, egal was er macht, war mir schon immer verdächtig.

In der folgenden Parodie “How to make a David Lynch Film” (gefunden auf dem Netzfilmblog der Zeit) sind einige interessante Punkte angesprochen, auch wenn sie natürlich an einigen Stellen ins Alberne abdriftet.

“How to make a David Lynch Film” – Red and Tan Productions

9. April 2011
von Jonathan
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Rafael Horzon: Das Weiße Buch

In a nutshell: “Das Weiße Buch” beginnt furios und versandet im Nirgendwo. Der quixottesken Autobiografie des Autors Rafael Horzon haftet die Inkonsequenz seines Protagonisten-Ichs an. Er beginnt diverse Unternehmen und Projekte mit großen Parties, die dann in Katerstimmung und Konzeptlosigkeit versanden.

Ich bin auf das Buch durch einen gewissen Presserummel gestoßen. In den Feuilletons wurde es aufgeregt besprochen (siehe beim Verlag die Zusammenfassung unter Pressestimmen). Nach dem Lesen – das sich mit ein wenig Motivation in ein paar Stunden erledigen lässt – würde ich gerne dem ein oder anderen Rezensenten eine große Tasse beruhigenden Tee servieren. Es ergäbe sich ungefähr folgendes Gespräch:

- Was hat Sie an diesem Buch besonders fasziniert?
- Dieser Humor, das Schelmenhafte und Aberwitzige.
- Ja stimmt, das ist großartig. Der Anfang mit der Derrida-Vorlesung ist furios!
- Ja, da setzt er seinen referentiellen Rahmen.
- Andere Frage: Haben Sie das Buch eigentlich zu Ende gelesen?
- Äh.. ja.. natürlich, wieso?
- Nach dem ersten Drittel ist es, sagen wir, weniger furios.
- Finden Sie? Es ist ja ein Erstling, da sollte man die Messlatte nicht überhoch setzen.
- Das stimmt. Kennen Sie Herrn Horzon eigentlich persönlich?
- Nicht wirklich. Aber ein guter Freund von mir kennt ihn gut und man ist sich schonmal über den Weg gelaufen in den letzten Jahren.
- Auf einer Party in Berlin Mitte?
- Ja.
- Danke für’s Gespräch.
- Gerne. Danke für den Tee.

Aber gut. Das Buch hat mir tatsächlich viele Seiten lang Spaß gemacht. Man kann es aber nach der ersten Freude getrost beiseite legen. Vielmehr als die überraschende und gelungene Idee einen Schelmenroman über Berlin Mitte zu schreiben wird man nicht entdecken. Es ist nur der Entwurf und nicht das Konzeptwerk, als dass es sich selbst und die Feuilletons es darstellellen.