16. May 2012
von Jonathan
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“Fair is foul and foul is fair” – Macbeth und der Medienwandel

Zum ersten Mal habe ich mich rechtzeitig um Karten bemüht und war also am vergangenen Dienstag endlich Zuschauer beim Theatertreffen. Gespielt wurde Macbeth in der Regie von Karin Henkel. Auch wenn die Inszenierung einige Schwächen hatte und den Zuschauer häufig langweilte, um ihn dann im nächsten Moment wieder zu überfordern – zumindest ein zentraler Aspekt des Stückes klang in meinem Geist länger nach.

“Fair ist foul and foul is fair” skandieren die Hexen in der ersten Szene des Stücks und geben damit die Linie vor. Nichts ist was es scheint – die Starken sind schwach, die Unverletzlichen sterben, die Schwächsten überleben.  So ist sie, eine Welt im Umbruch: Auf nichts ist Verlass, Wahrheiten zerfallen, Gewissheiten kehren sich um.

Inszenierung und Macht

Um in einer solchen Welt (der Welt an sich?) Macht zu erlangen, muss man sich dieser Hexen-Formel unterwerfen: In neuem Gewand taucht der Spruch erneut in der Szene I, V auf. Kurz vor Ankunft des Königs warnt Lady Macbeth ihren Mann, seine Zweifel und Mordpläne seien auf seinem Gesicht all zu deutlich ablesbar:  “Your face, my Thane, is as a book where men may read strange matters.” Ihr Ratschlag:

To beguile the time,
Look like the time; bear welcome in your eye, 
Your hand, your tongue; look like the innocent flower,
But be the serpent under’t.

Um die Zeit zu täuschen, muss man sich ihr anpassen. Wie ein Blume soll man aussehen, aber wie die Schlange unter ihr sein. Inszenierung und Täuschung sind die Macht-Strategien dieser Welt. Man muss so schlecht zu ergründen sein, wie die Dinge selbst. Man muss fair aussehen, aber foul handeln.

Inszenierung und Theater

Nicht nur Macbeth, auch das Theater lebt von Inszenierung und Täuschung. Die gewinnbringendsten Regie-Entscheidungen bringt diesen Aspekt zum Aufscheinen. In Szene III, II geht das Licht im Zuschauerraum an und ein zweifelnder Macbeth hält seine Rede als König vor den versammelten Theatergästen. Er versucht es zumindest, denn seine Inszenierung misslingt. Gewissensbisse und Visionen plagen ihn. Mehrfach ruft Lady Macbeth ihn zur Räson.

Diese Szene des Versagens wird zum Symbol für den überladenen Abend. Von zu vielen Ideen und Geistern lässt die Regisseurin sich ablenken, und der Zuschauer gerät nie in die Situation, ihr zu glauben. Dieses Theater strahlt nicht Macht sondern Zweifel und Ungewissheit aus. Doch wenn aktuelles Theater ein Spiegel unserer hypermedialen bürgerlichen Welt sein soll, dann möchte man es ihr Nachsehen. Wer glaubt schon noch den perfekten und glatten Inszenierungen traditionelle Darstellungskunst – sei es in Medien, Kunst oder Politik?

Inszenierung und Zweifel

Fair is foul and foul is fair gilt insbesondere in Zeiten des medialen Wandels, wenn neue Inszenierungen die alten hinterfragen. Wer zu glatt ist, ist sicher nur ein guter Schauspieler, aber kein Held. Wer Ecken und Kanten zeigt, muss vielleicht noch lernen, aber ist wenigstens aufrichtig. Die neue Welt: Experimente ersetzen Pläne, Thesen ersetzen Gesetze. Unfertigkeit wird zum Prinzip, weil zum Fertigen Gaube und Vision fehlen. Die postideologische Gesellschaft ist eine Baustelle.

So geht es auch diesem Theaterabend. Am Ende kann er das Problem der verschwimmenden Grenzen und Wirklichkeiten nur performativ verdeutlichen, weiß es aber nicht zu lösen. Im Dickicht der Referenzen, Ideen und Experimente verliert sich der Zuschauer und bleibt ohne Kontakt zum Geschehen auf der Bühne. Zeitgemäß gelungen wirkt diese Inszenierung nur in ihren Zweifeln an den richtigen Mitteln. Das zeittypische Gefühl der Überforderung kann sie beim Zuschauer nicht vermeiden.

Sehr lesenswert übrigens auch die kleine Besprechung der Zuschauer-Diskussion auf dem Theatertreffen Blog

3. December 2011
von Jonathan
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Die Distanz der Medien – Fräulein Julie an der Schaubühne

Ein Phänomen, welches mich beim Herumstreifen in der sogenannten Bloggosphäre immer wieder beschäftigt: Das größte Thema im Internet ist das Internet selbst. Auch in einer Zeit von Revolutionen an den Rändern und Wirtschafts- und Finanzkrisen in der Mitte Europas ist das vornehmliche Thema im Netz die Selbstbespiegelung. Bösartig könnte man sagen: es ist den Bloggern egal, wenn die Welt untergeht. Hauptsache die Netzneutralität ist währenddessen gewahrt. 

Mit einer derartig flachen Polemik möchte ich mich aber nur ungern zufrieden geben. Auch das flapsige “The Medium is the Message” erklärt nichts, sondern stellt nur trotzig fest. So bin ich also weiterhin auf der Suche. Geht man nur lange genug mit einer Frage schwanger, stößt man irgendwann per Zufall auf erleuchtende Gedanken. So bin ich am Freitag Abend über die Inszenierung von August Strindbergs “Fräulein Julie” an der Schaubühne gestolpert. 

In einem riesigen Aufwand wurde das Stück dort live auf der Bühne in einen Film verwandelt. Ein unglaubliches Unterfangen: Oben über der Bühne hängt eine Leinwand, auf der der Film abläuft. Die Aufnahmen entstehen live vor den Augen des Zuschauers und werden von der Technik direkt in Saal-Ton und Leinwand-Bild gemischt: Vier oder fünf Kameras wechseln hierzu ständig den Standort und Filmen mal die Handlung in der nachgebauten Wohnung aus Halbtotalen, mal Detailaufnahmen, die auf einem extra-Tisch vorne links parallel vorbereitet werden. Die Schnitte zwischen den einzelnen Einstellungen geschehen live und müssen von Technik und Schauspielern genau abgepasst werden. Die Hauptfigur Kristin (die Inszenierung hat den Fokus von Julies auf sie verschoben) wurde doppelt besetzt um Schnitte von der Küchentotalen auf Nahaufnahmen ihres Gesichts zu erlauben. Die Schauspieler sprechen Off-Kommentare in beleuchteten Sprecherkabinen, zwei Geräuschemacherinnen untermalen permanent die Handlung von einem Tisch am rechten Bühnenrand aus, die anderen Schauspieler packen immer wieder mit an und helfen den Technikern beim bedienen der Lichter und Kameras für die Filmaufnahmen.

Die Parallelität von Herstellungsprozess und Handlung lässt den Zuschauer ständig in seiner Aufmerksamkeit hin und her wandern. Da die Handlung nicht kompliziert ist, man hat viel Zeit den Kameraleuten bei ihrem hektischen (und viel komplizierterem) Treiben zuzuschauen. Welche Kamera läuft gerade? Was benutzen die Geräuschmacher für Gegenstände? Welche Details werden dort gerade vorbereitet? Wann kommt der nächste Schnitt? Diese Fragen sind eine willkommene Ablenkung, denn die Handlung ist nicht nur inhaltlich quälend, sie zieht sich auch und ist düster und zäh übersteigert. Man würde sich gequält langweilen, wenn einem diese Handlung ohne die Ablenkung der Medien-Schaffenden auf der Bühne präsentiert worden wäre. Aber so gibt es viel zu staunen, und man ist nicht gezwungen sich mit dem lästigen weltlichen Schicksal der armen, eifersüchtigen Kristin auseinander zu setzen.

Und so gewinnt man Distanz zu dem, weswegen man doch eigentlich an diesen Ort gekommen ist. Eine Geschichte zu erfahren und zu erleben, sich vielleicht mitreißen zu lassen von dem großartigen Spiel auf der Bühne. Der Applaus am Ende ist ein respektabler für diese technische und choreographische Meisterleistung. Es steckt auch Erleichterung und Dank in ihm. Danke, dass Ihr uns dieses schwere Schicksal so leicht gemacht habt. Danke, dass Ihr uns die Distanz ermöglicht habt.

Medien schaffen Distanz. Ein Medium unterscheidet per definitionem von der Realität. Es repräsentiert, symbolisiert,transportiert die Realität. Aber es ist von ihr unterschieden. In der heutigen hypermedialen Welt, in der uns von allen Seiten die Botschaften nur so zufliegen, ist diese Distanz allerorten. Unmittelbarkeit gibt es in einer solchen Welt nur mit dem Medium selbst. Welterfahrung wird durch Medienerfahrung ersetzt. Jeder Schock, jede Krise, jede Störung wird unmittelbar vom lauten Geschwätz-Apparat der Medien überlärmt. Das Medium ist nicht die Message. Das Medium ist die Distanz, in die wir uns versetzen. Es ist eine riesige gesellschaftliche Sublimierungs-Maschinerie, die das Wirkliche – wenn es denn so etwas geben sollte – überdeckt und verdrängt.

Ich muss an die Bloggossphäre denken, in der man so selten von anderem als Netzthemen  liest. Ich muss an einen alten Freund denken. Der zeigte mir immer die neusten Computerspiele und schwärmte begeistert von der Grafik. “Sieh mal wie realistisch die Spiegelungen auf dem Wasser!” Ich fand das immer einen sehr komischen Ansatz. Ich habe mich immer gefragt, ob das Spiel denn mehr Spaß macht. Ich hatte auch Spaß bei Super Mario und Doom, damals als Wasser noch blau war und nicht spiegelte. Der Freund ist heute 3D-Designer, und arbeitet an der realistischen Darstellung von Computerspielen. Er hat wohl alles richtig gemacht, man muss sich der Geschwätzigkeit hingeben, wenn man an der Welt teilnehmen will.  Ich werde hier demnächst wohl mal bei Gelegenheit von Michel Serres schreiben, dessen “Der Parasit” ich gerade lese. Und ich werde Baudrillard lesen.