Dialektik der Redefreiheit

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Freedom of speech mit der gesamten Weltöffentlichkeit – das Internet bringt Hyde Park Corner in unsere Wohnzimmer. Wenn jeder ein Sender ist, kann keine Meinung und keine Wahrheit mehr unterdrückt werden. Totalitäre Regime wie Iran und China setzen deswegen auf Überwachung, Kontrolle und Abschottung des Netzes, während Demokraten und Aktivisten der westlichen Welt vehement gegen jede Form der Regulierung kämpfen.

Die Freiheit zu Reden

Nun, da eine Technik existent und zumindest vorläufig gesichert ist, die das Versprechen der Aufklärung - Freiheit und Gleichheit im Diskurs – einlösen kann, stellt sich die Frage, was mit einem solchen Diskurs gewonnen wurde. Denn: Nur weil jeder reden kann, bedeutet das noch lange nicht, dass auch jemand zuhört. Wenn alle reden, wer empfängt dann eigentlich die Nachrichten?

“Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein. Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.” 

Aus purer Pflichterfüllung kommunizieren die Menschen bei Franz Kafka im herrschaftsfreien Raum – oder begehen Selbstmord. Was gäbe es auch zu sagen, wenn es keinen König gäbe? Alle Kommunikation richtet sich an ihm aus, ist Fürsprache oder Widerwort. Wenn nichts und niemand die Position des Königs einnimmt, wird Reden zwecklos.

Hier erklärt sich die Anfälligkeit von Netzgemeinschaften für Verschwörungstheorien. Das Internet hat in seiner ursprünglichen Form keine Machtstrukturen. Es ist leer und die Leere bedeutungslos. Deswegen muss sich jede Netz-Community zwangsläufig einen König imaginieren gegen oder für dessen Macht sie schreibt – es ist die einzige Strategie gegen die Bedeutungslosigkeit des leeren Raumes. Und so entsteht eine Reihe von Königen: Der König der Freiheit oder der König der Überwachung, der König der Transparenz oder der König des Lobbyismus, der König des Urheberrechts oder der König des Tausches, der König der Herrschaft oder der König des Widerstandes. Überall Orks und Elben, gute und böse, Nullen und Einsen.

Die Realität hält diesen märchenhaften Schwarz-Weiß-Welten nicht stand, aber im digitalen Diskurs finden Schattierungen keinen Platz. Grau auf grau lässt sich nicht schreiben. Es geht immer nur schwarz auf weiß, schwarze Dissidenz auf weiße Herrschaft. Und das Weiß im Internet ist unendlich. Angesichts dieser Unendlichkeit ist der Schreibende um so mehr genötigt, seine königlichen Feinde groß und mächtig zu wähnen.

Hingabe oder Wut?

An der Grenze zu dieser Überforderung durch die unendliche Leere des Internets kann der Schreibende/Sprechende sich für zwei Wege entscheiden: Rückzug oder Furor. Es scheint immer nur diese beiden Wege zu geben, wenn die Realität über einem zusammenbricht. Die Wut von Kleists Michael Koolhaas oder die Ergebenheit von Kafkas K. - Amok oder Amt.

Es zeigt sich an den Beispielen: Die Überforderung durch das Internet und die Strategien zur Bändigung der Unendlichkeit (Hingabe oder Wut) sind dem Netz als kommunikative Infrastruktur keineswegs exklusiv. An dem dezentralen Medium spiegelt sich die moderne Erfahrung der sich dezentralisierenden, gottlosen Welt. Seit dem der Mensch nicht mehr seinen fest angewiesenen Platz in einem (göttlichen oder politischen) Gesellschaftsgefüge gewiesen bekommt, ist er diesen Fragen ausgesetzt: Party oder Politik? Orgie oder Organisation? Konsum oder Kritik?

Brandbeschleuniger Aufmerksamkeit

Im Internet finden wir all das im Extremen wieder. Party, Politik, Sex, Konsum oder Diskurs – ganz egal. Aber es muss schnell, krass und eindeutig sein: König oder Tyrann? – Gott oder Teufel? – Hot or Not? – Like oder Dislike? – Held oder Troll? Immer wieder: Null oder Eins? Wer keine Extreme erkennt oder benennt, der hat nichts zu sagen. Und nur wer den König, für oder gegen den er schreibt, groß und stark genug an die Wand projiziert, wird im Kampf um die Aufmerksamkeit in der Netzgesellschaft bestehen. Die digitale Gesellschaft wird zur Projektionsgesellschaft.

Wer in dieser Gesellschaft gehört werden will, muss zum Geisterbeschwörer werden und Phantome durch das Netz schicken, in die sich Hoffnungen und Verzweiflungen projizieren lassen. Schattenspiele und Feindbilder werden aufgebauscht, der öffentliche Diskurs von Paranoia und Hysterie beherrscht, die Stunde der Propheten und Demagogen schlägt. An diesem Punkt droht die Redefreiheit sich selbst aufzuheben. Die imaginierten Könige übernehmen die Macht, da nur noch das Reden entlang der etablierten Frontlinien die Chance hat, gehört zu werden. Redefreiheit schlägt in Themen- und letzten Endes in Meinungszwang um.

Die Grenzen der Freiheit

Es stellt sich also die zentrale Frage: Wer wird in Zukunft den öffentlichen Diskurs strukturieren und kanalisieren? Digitale Vordenker glauben an den Schwarm nicht nur als Hysterie-, sondern auch als Organisations-Maschinerie. Ihnen gilt die Wikipedia als Kronzeuge, dass orgiastische Schreib-Exzesse und gelungene Organisation durch den Schwarm möglich sind. Wikipedia und Open Source sollen die Blaupause für ihre besseren Welt der Teilhabe und Offenheit im Netz stellen.

Doch allein die Kämpfe um Urheberrecht und Datenschutz im digitalen Zeitalter lassen bereits erkennen, dass die Lösung für diese grundlegende Problematik möglicherweise nicht so einfach zu finden sind. Wer die Türen weit öffnet, dem werden nicht nur wohlgesinnte ins Haus strömen. Überall wo kommunikativer Wert geschaffen wird, entstehen schon bald auch Machtstrukturen: Rangordnungen in der Wikipedia, Netiquette und Kommentar-Moderationen auf Blogs.

Neue Mächte die nicht  von außen in das Netz eingreifen, wie die traditionellen Feinde der netzpolitischen Bewegung aus Politik und Wirtschaft. Diese Macht-Apparate entstehen aus der Mitte der Bewegung heraus und bringt sie in den Konflikt mit ihrem zentralen Wertsystem von Freiheit, Offenheit und Teilhabe. Freiheit ist ohne jede Macht genauso gefährdet wie unter absoluter Kontrolle. Die Redefreiheit ist von zwei Seiten in Gefahr – nicht nur Regulierung und Zugangsbeschränkung bedrohen sie, auch durch die totalitär gesetzte Freiheit des Diskurses droht sie zu kollabieren.

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