Die “Piraten-Generation” und ich

| Keine Kommentare

Für das rbb Kulturradio bin ich zu ein Feature über meine Generation (30+) befragt worden. Gesendet – onair und online – wird das ganze am heute, Samstag (25.02.2012 17:04 – 18:00 Uhr). Ohne Musik wird das ganze wohl auch länger auf Abruf verfügbar sein. Ich habe den Beitrag selber noch nicht gehört und bin gespannt. Dann habe ich noch diesen sehr schönen Artikel auf Zeit Online gefunden, der von der Generation unter 30 handelt. Anlass für mich über die Unterschiede  der beiden Generationen nachzudenken.

Computer-Jugend in den Neunzigern

Ich selbst bin mit Computern aufgewachsen, mehr als andere in meiner Generation. Und wir hatten als einer der ersten Haushalte Internet. Damals, in den Neunzigern, war das ein ziemlich leerer Raum. Mit 56K-Modem und ohne Amazon, ohne Google, ohne Online-Banking, ohne “Web 2.0″. Meine Email-Adresse war auch quasi wertlos, denn es hatte keiner meiner Freunde eine – wem hätte ich also schreiben sollen? Dazu kam die Ernüchterung nach der großen Party vom Fall der Mauer und die ganze Tristesse der konservativen Kohl-Ära – 16 Jahre hat er mich begleitet.

Diese für junge Menschen unwirtliche Umgebung äußerte sich in dem Rückzug in Subkulturen. Wir waren Punks, Metaller, Hip-Hopper, Skater oder Grunger – Hauptsache nicht zum großen “Mainstream” dazu gehören. Die Zugehörigkeit zur Subkultur markierte man durch seinen Klamotten-Stil. Die richtige Marke von Schuhen (Springer-Stiefel, Sneakers, Vans, Doc-Martins) war besonders wichtig.

Dann kam DSL und die technischen Möglichkeiten für Anwendungen im Netz wurden besser. Google überholte Yahoo, Mozilla überholte Netscape, P2P-Musik-Sharing wurde illegal, MySpace, Facebook … die Geschichte ist bekannt. Trotz meiner “early adoption” – ich bin noch in der “alten Welt” aufgewachsen, in der nicht alles bequem und einfach funktionierte.

Zwischen den Welten

Ich habe früher Informationen über Underground-Hip-Hop-Acts noch langwierig und schwierig suchen müssen – on- und offline, weil sie noch nicht so einfach verfügbar waren. Heute gibt es so viele neue Rap-Talente, dass man den Überblick völlig verliert. Sie kommen auch nicht einfach alle aus New York oder LA, wie früher. Sie kommen überall her, denn die Musik hat sich komplett dezentralisiert. Sie brauchen keine Musikstudios und teuren Sampler mehr für ihre Musik. Und die Distribution über YouTube braucht keine Talentscouts und Label-Strukturen.

Und so kenne ich beide Welten – diese alte vertikale Welt mit Hierarchien und einem ständigen Informationsmangel und der Herausforderung zu suchen und zu finden, und diese neue horizontale Welt mit dezentralen Strukturen und der ständigen Informationsüberflutung und der Herausforderung zu filtern und zu bewerten. Und weil ich sie beide kenne, und mit beiden irgendwie umgehen gelernt habe – und weil sie auch heute und sicherlich noch für sehr lange Zeit beide nebeneinander existieren, sehe ich das als Vorteil.

Die “Piraten-Generation”

Es sind nur ein paar Jahre, die mich von der neuen Internet-Jugend trennen, wie sie Piotr Czerski in seinem Zeit-Artikel beschreibt. Sie wollen die Organisation des ganzen Lebens so einfach bedienbar machen, wie eine gute Internet-Anwendung. Sie sind nicht an Geschichte interessiert. Sie hoffen auf eine neue Form des Kollektivismus – einer, der sich aus der Freiheit speist, nicht aus der Kontrolle. “Kollaborationismus” könnte man es vielleicht nennen.

Mir sind solche Träume zu durchsetzt von der Naivität und dem Enthusiasmus der Jugend. Das meine ich nicht abwertend. Das sind wertvolle Eigenschaften, die einem die nötige Kraft und Frische geben, neues zu erschaffen. Aber sie verstellen auch immer wieder die Sicht auf tatsächlich relevante Zusammenhänge und blenden in ihrer Euphorie nicht nur die falschen, sondern auch die richtigen Einwände aus. Aber wer kann schon voraussagen, welche welche sind?

Realität und Revolution

Dass sie sich nicht von einem Konservativismus fesseln lassen wollen, der die Zustände aufrecht erhalten will, nur weil es schon immer so war, ist nicht nur das Recht der Jugend sondern sogar ihre Pflicht. Aber eine so pauschale Ablehnung der Geschichte, wie sie Czerski äußert, übersieht auch, dass sie mehr zu bieten hat als Traditionen. Die bestehenden Systeme sind nicht nur aus Tradition entstanden. Es flossen in sie auch auch die Erfahrungen und Diskurse ein, die sich zum Teil über Generationen und Jahrhunderte erstreckten. ”Alte” Lehren sind durch das Internet nicht hinfällig. Die Menschen sind immer noch die gleichen Menschen, egal mit welcher Technik sie sich den Herausforderungen des Lebens stellen.

Wenn man sich mit den Problemen der Welt dann tatsächlich auseinandersetzt, holt diese Erkenntnis einen schnell ein. Je mehr man sich zum Beispiel mit den Mechanismen von Politik und Medien auseinandersetzt, desto mehr wird man gewisse Entwicklungen verstehen lernen. Aktuell kann man der deutschen Piratenpartei bei diesen Prozessen sehr anschaulich zuschauen. Zum Beispiel in diesem schönen Blog-Beitrag von Marina Weisband, der sich mit Transparenz und Vorzimmern beschäftigt. Die Realität hat schon begonnen, die sanfte Revolution zu schleifen und zu stutzen. Ich bin gespannt wie sich der Enthusiasmus der “Piraten-Generation” entwickelt – auch weil ein solcher mir selber in den Neunzigern nie vergönnt war.

Leave a Reply

Pflichtfelder sind mit * markiert.