“Fair is foul and foul is fair” – Macbeth und der Medienwandel

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Zum ersten Mal habe ich mich rechtzeitig um Karten bemüht und war also am vergangenen Dienstag endlich Zuschauer beim Theatertreffen. Gespielt wurde Macbeth in der Regie von Karin Henkel. Auch wenn die Inszenierung einige Schwächen hatte und den Zuschauer häufig langweilte, um ihn dann im nächsten Moment wieder zu überfordern – zumindest ein zentraler Aspekt des Stückes klang in meinem Geist länger nach.

“Fair ist foul and foul is fair” skandieren die Hexen in der ersten Szene des Stücks und geben damit die Linie vor. Nichts ist was es scheint – die Starken sind schwach, die Unverletzlichen sterben, die Schwächsten überleben.  So ist sie, eine Welt im Umbruch: Auf nichts ist Verlass, Wahrheiten zerfallen, Gewissheiten kehren sich um.

Inszenierung und Macht

Um in einer solchen Welt (der Welt an sich?) Macht zu erlangen, muss man sich dieser Hexen-Formel unterwerfen: In neuem Gewand taucht der Spruch erneut in der Szene I, V auf. Kurz vor Ankunft des Königs warnt Lady Macbeth ihren Mann, seine Zweifel und Mordpläne seien auf seinem Gesicht all zu deutlich ablesbar:  “Your face, my Thane, is as a book where men may read strange matters.” Ihr Ratschlag:

To beguile the time,
Look like the time; bear welcome in your eye, 
Your hand, your tongue; look like the innocent flower,
But be the serpent under’t.

Um die Zeit zu täuschen, muss man sich ihr anpassen. Wie ein Blume soll man aussehen, aber wie die Schlange unter ihr sein. Inszenierung und Täuschung sind die Macht-Strategien dieser Welt. Man muss so schlecht zu ergründen sein, wie die Dinge selbst. Man muss fair aussehen, aber foul handeln.

Inszenierung und Theater

Nicht nur Macbeth, auch das Theater lebt von Inszenierung und Täuschung. Die gewinnbringendsten Regie-Entscheidungen bringt diesen Aspekt zum Aufscheinen. In Szene III, II geht das Licht im Zuschauerraum an und ein zweifelnder Macbeth hält seine Rede als König vor den versammelten Theatergästen. Er versucht es zumindest, denn seine Inszenierung misslingt. Gewissensbisse und Visionen plagen ihn. Mehrfach ruft Lady Macbeth ihn zur Räson.

Diese Szene des Versagens wird zum Symbol für den überladenen Abend. Von zu vielen Ideen und Geistern lässt die Regisseurin sich ablenken, und der Zuschauer gerät nie in die Situation, ihr zu glauben. Dieses Theater strahlt nicht Macht sondern Zweifel und Ungewissheit aus. Doch wenn aktuelles Theater ein Spiegel unserer hypermedialen bürgerlichen Welt sein soll, dann möchte man es ihr Nachsehen. Wer glaubt schon noch den perfekten und glatten Inszenierungen traditionelle Darstellungskunst – sei es in Medien, Kunst oder Politik?

Inszenierung und Zweifel

Fair is foul and foul is fair gilt insbesondere in Zeiten des medialen Wandels, wenn neue Inszenierungen die alten hinterfragen. Wer zu glatt ist, ist sicher nur ein guter Schauspieler, aber kein Held. Wer Ecken und Kanten zeigt, muss vielleicht noch lernen, aber ist wenigstens aufrichtig. Die neue Welt: Experimente ersetzen Pläne, Thesen ersetzen Gesetze. Unfertigkeit wird zum Prinzip, weil zum Fertigen Gaube und Vision fehlen. Die postideologische Gesellschaft ist eine Baustelle.

So geht es auch diesem Theaterabend. Am Ende kann er das Problem der verschwimmenden Grenzen und Wirklichkeiten nur performativ verdeutlichen, weiß es aber nicht zu lösen. Im Dickicht der Referenzen, Ideen und Experimente verliert sich der Zuschauer und bleibt ohne Kontakt zum Geschehen auf der Bühne. Zeitgemäß gelungen wirkt diese Inszenierung nur in ihren Zweifeln an den richtigen Mitteln. Das zeittypische Gefühl der Überforderung kann sie beim Zuschauer nicht vermeiden.

Sehr lesenswert übrigens auch die kleine Besprechung der Zuschauer-Diskussion auf dem Theatertreffen Blog

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