Die Distanz der Medien – Fräulein Julie an der Schaubühne

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Ein Phänomen, welches mich beim Herumstreifen in der sogenannten Bloggosphäre immer wieder beschäftigt: Das größte Thema im Internet ist das Internet selbst. Auch in einer Zeit von Revolutionen an den Rändern und Wirtschafts- und Finanzkrisen in der Mitte Europas ist das vornehmliche Thema im Netz die Selbstbespiegelung. Bösartig könnte man sagen: es ist den Bloggern egal, wenn die Welt untergeht. Hauptsache die Netzneutralität ist währenddessen gewahrt. 

Mit einer derartig flachen Polemik möchte ich mich aber nur ungern zufrieden geben. Auch das flapsige “The Medium is the Message” erklärt nichts, sondern stellt nur trotzig fest. So bin ich also weiterhin auf der Suche. Geht man nur lange genug mit einer Frage schwanger, stößt man irgendwann per Zufall auf erleuchtende Gedanken. So bin ich am Freitag Abend über die Inszenierung von August Strindbergs “Fräulein Julie” an der Schaubühne gestolpert. 

In einem riesigen Aufwand wurde das Stück dort live auf der Bühne in einen Film verwandelt. Ein unglaubliches Unterfangen: Oben über der Bühne hängt eine Leinwand, auf der der Film abläuft. Die Aufnahmen entstehen live vor den Augen des Zuschauers und werden von der Technik direkt in Saal-Ton und Leinwand-Bild gemischt: Vier oder fünf Kameras wechseln hierzu ständig den Standort und Filmen mal die Handlung in der nachgebauten Wohnung aus Halbtotalen, mal Detailaufnahmen, die auf einem extra-Tisch vorne links parallel vorbereitet werden. Die Schnitte zwischen den einzelnen Einstellungen geschehen live und müssen von Technik und Schauspielern genau abgepasst werden. Die Hauptfigur Kristin (die Inszenierung hat den Fokus von Julies auf sie verschoben) wurde doppelt besetzt um Schnitte von der Küchentotalen auf Nahaufnahmen ihres Gesichts zu erlauben. Die Schauspieler sprechen Off-Kommentare in beleuchteten Sprecherkabinen, zwei Geräuschemacherinnen untermalen permanent die Handlung von einem Tisch am rechten Bühnenrand aus, die anderen Schauspieler packen immer wieder mit an und helfen den Technikern beim bedienen der Lichter und Kameras für die Filmaufnahmen.

Die Parallelität von Herstellungsprozess und Handlung lässt den Zuschauer ständig in seiner Aufmerksamkeit hin und her wandern. Da die Handlung nicht kompliziert ist, man hat viel Zeit den Kameraleuten bei ihrem hektischen (und viel komplizierterem) Treiben zuzuschauen. Welche Kamera läuft gerade? Was benutzen die Geräuschmacher für Gegenstände? Welche Details werden dort gerade vorbereitet? Wann kommt der nächste Schnitt? Diese Fragen sind eine willkommene Ablenkung, denn die Handlung ist nicht nur inhaltlich quälend, sie zieht sich auch und ist düster und zäh übersteigert. Man würde sich gequält langweilen, wenn einem diese Handlung ohne die Ablenkung der Medien-Schaffenden auf der Bühne präsentiert worden wäre. Aber so gibt es viel zu staunen, und man ist nicht gezwungen sich mit dem lästigen weltlichen Schicksal der armen, eifersüchtigen Kristin auseinander zu setzen.

Und so gewinnt man Distanz zu dem, weswegen man doch eigentlich an diesen Ort gekommen ist. Eine Geschichte zu erfahren und zu erleben, sich vielleicht mitreißen zu lassen von dem großartigen Spiel auf der Bühne. Der Applaus am Ende ist ein respektabler für diese technische und choreographische Meisterleistung. Es steckt auch Erleichterung und Dank in ihm. Danke, dass Ihr uns dieses schwere Schicksal so leicht gemacht habt. Danke, dass Ihr uns die Distanz ermöglicht habt.

Medien schaffen Distanz. Ein Medium unterscheidet per definitionem von der Realität. Es repräsentiert, symbolisiert,transportiert die Realität. Aber es ist von ihr unterschieden. In der heutigen hypermedialen Welt, in der uns von allen Seiten die Botschaften nur so zufliegen, ist diese Distanz allerorten. Unmittelbarkeit gibt es in einer solchen Welt nur mit dem Medium selbst. Welterfahrung wird durch Medienerfahrung ersetzt. Jeder Schock, jede Krise, jede Störung wird unmittelbar vom lauten Geschwätz-Apparat der Medien überlärmt. Das Medium ist nicht die Message. Das Medium ist die Distanz, in die wir uns versetzen. Es ist eine riesige gesellschaftliche Sublimierungs-Maschinerie, die das Wirkliche – wenn es denn so etwas geben sollte – überdeckt und verdrängt.

Ich muss an die Bloggossphäre denken, in der man so selten von anderem als Netzthemen  liest. Ich muss an einen alten Freund denken. Der zeigte mir immer die neusten Computerspiele und schwärmte begeistert von der Grafik. “Sieh mal wie realistisch die Spiegelungen auf dem Wasser!” Ich fand das immer einen sehr komischen Ansatz. Ich habe mich immer gefragt, ob das Spiel denn mehr Spaß macht. Ich hatte auch Spaß bei Super Mario und Doom, damals als Wasser noch blau war und nicht spiegelte. Der Freund ist heute 3D-Designer, und arbeitet an der realistischen Darstellung von Computerspielen. Er hat wohl alles richtig gemacht, man muss sich der Geschwätzigkeit hingeben, wenn man an der Welt teilnehmen will.  Ich werde hier demnächst wohl mal bei Gelegenheit von Michel Serres schreiben, dessen “Der Parasit” ich gerade lese. Und ich werde Baudrillard lesen.

Ein Kommentar

  1. Ich finde den Artikel gut! Er beschreibt, wie wir zu modernen Sklaven unserer Arbeit werden und wie Roboter leben: ohne Gefühle, ohne Nähe: Erleben heisst Konsumieren! Wir werden so manipuliert in unseren Ängsten, Bedürfnissen, Nöten, Sehnsüchte, und merken nicht, dass das einzige was uns gegeben wird ist: LEERE!

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