Fiktion und Freiheit – The Broken Circle

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Aus einer großen Liebe wird ein unversöhnlicher Kampf der Weltsichten. The Broken Circle vom Belgier Felix van Groeningen erzählt die Geschichte eines Paares und eine Geschichte über die Rolle der Fiktion in der durchrationalisierten Welt. Fiktion als Machtinstrument bringt Verderben und Unheil, aber als Halt in Zeiten der Krisen bringt sie auch Rettung und Linderung der Schmerzen. Wer kann entscheiden, welche Fiktion wann die richtige ist?  

Fiktion als Machtinstrument

Es gibt eine lange Tradition der modernen und neuzeitlichen Kritik, der Fiktion als Mittel der Machterhaltung zu misstrauen. Sie zieht sich von der protestantischen Kritik an der Kirche über die Aufklärung bis zur heutigen Kritik des Privatfernsehens. Den Menschen nicht sagen, was wirklich ist, bedeutet ihnen die Freiheit zu nehmen. Die Freiheit entscheiden zu können und zu dürfen. Und die Freiheit mehr zu lernen und zu verstehen.

In dieser Denktradition argumentiert auch Didier in The Broken Circle. Es ist falsch, Vogel-Silhouetten auf das Glas der Veranda zu kleben. Denn so werden es die Vögel auch in Generationen nicht gelernt haben, nicht gegen das Glas zu fliegen. Seine Argumentation ist ungewöhnlich und bringt die Zuschauer zum Lachen, weil sie überraschenderweise auch sehr wahr ist: Die Fiktion entmündigt die Vögel und nimmt ihnen die Chance zur Entwicklung.

Fiktion als Traum

Elise kann nicht einer Meinung sein mit Didier. Sie identifiziert sich mit den freiheitsliebenden Vögeln. Sie weiß wie schwer es ist, im vollen Flug auf die Fensterscheiben zu achten. So ein Vogel braucht Hilfe in Form von Fiktionen. Deswegen beklebt sie die Fensterscheiben mit Raubvogel-Attrappen. Deswegen sticht sie Tattoos. Alles wird mit Geschichten überschrieben. Und wenn sich die Geschichten als ungünstig herausstellen, dann wird einfach neu drübergemalt.

Fiktion als Erzählung über die Welt. Im wörtlichen Sinne, denn diese Erzählungen legen sich über das Reale, die eigentliche Welt verschwindet hinter ihnen. Es ist zweifelhaft, ob Elise überhaupt an eine solche eigentliche Welt glauben kann. Der postmoderne Träumer weiß heimlich: Es gibt sie nicht. Also mache sie Dir, wie sie Dir gefällt. Weil man träumen kann. Weil man nichts anderes als träumen kann.

Vollendung und Zusammenbruch

Zwei Weltsichten prallen hier wie in einer Laborsituation aufeinander. Die Geschlechterverteilung ist archaisch: die träumende Frau, der realistische Mann. Aber darüber lässt sich hinwegsehen, wenn man bedenkt, wie konsequent Felix van Groeningen diese Konstellation zu ihrem Ende führt. “Will the circle be unbroken?”, fragt der Refrain des Titelsongs, der über dem Film und über der Beziehung des Paares schwebt. Das Leben ist schmerzhaft unvollendet, ein gebrochener Kreis, aber es bleibt die Hoffnung, die Liebe könne diesen Kreis vollenden.

Und ja, es scheint zu funktionieren! Elise und Didier bilden ein Traum-Duo, zu Hause und auf der Bühne. Aber das Problem mit Geschichten: Sie überdecken zwar das Leben, aber es bricht immer wieder aus den engen Rahmen unserer Erzählungen heraus. Das Leben ist anders, als Geschichten von ganzen und gebrochenen Kreisen. Und wenn es zuschlägt und dem glücklichen Paar das Kind nimmt, muss eine neue Geschichte geschrieben werden. Broken Circle Breakdown heißt der Film im Original. Der Zusammenbruch als Steigerung des Bruches. (Wieso hat der Pandora Verleih den Titel gekürzt?)

Rationalität und Traum in Krisenzeiten

Die Krise des Paares wird auf übergeordneter Sicht zum Kampf der Weltsichten. Didier kämpft für Rationalität und Aufklärung. Elise für ihr Recht zu Glauben und zu Träumen. Aber ihre Träume sind der Ignoranz und dem Zorn des aufklärerischen Didiers nicht gewachsen. Er treibt sie in den Untergang. Wer mit der Realität argumentiert, hat recht, ist der Impetus der Rationalität.

Elise dagegen verfällt in Depressionen. Alle Träume sind geplatzt, ihr bleibt nur eine Geschichte: “Die Welt ist hart und ungerecht.” Aber auch diese Geschichte ist nur temporär und kann überschrieben werden. Die mangelnde Produktivität ihrer Depression scheint zunächst unüberwindbar, aber schon ein glücklicher Vogel auf dem Haus kann Heilung bringen. Sie lernt wieder fliegen und nimmt ihr Leben in die Hand.

Der finale Kampf

Mangelnde Produktivität auf der einen, Überproduktion von Sinn und Rechtfertigung auf der anderen Seite. Das Unerklärliche des Todes schafft in den zwei Charakteren konträre Reaktionen. Postmoderne Schicksalsergebenheit steht modernem Aktionismus gegenüber. Politikverdrossenheit trifft auf Kriegstreiberei. Es dürfte klar sein, welche Stellung ein Künstler in diesem Spiel am Ende beziehen will.

Der finale Sieg der Rationalität, der Zusammenbruch der letzten Träume bei Elise, wird zum Pyrrhus-Sieg. Am Ende steht Didier, der Aufklärer, geläutert da. Die Realität hat ihm bewiesen, dass er falsch liegt. Ein freier Vogel kann nicht ohne die Fiktion leben. Ihm bleibt nur, die Macht der Fiktionen anzuerkennen und einen Gruß an seine Tochter im Himmel zu schicken. Er ist zum Gläubigen geworden.

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