“Geistiges Eigentum”? – eine Replik

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In einem von der Stoßrichtung her guten und richtigen Beitrag hat Thomas Stadler die Begrifflichkeit vom “geistigen Eigentum” auseinander genommen. Ich selbst habe keine Ambitionen, den Begriff zu verteidigen. Allerdings fielen mir beim Lesen des Beitrages einige Passagen etwas unangenehm auf, weil sie die richtige Idee zum Teil mit in meinen Augen falschen Mitteln rechtfertigen.  

1. Gleichsetzung von “Kopie” und Kopie

In meinem Verständnis gibt es einen Unterschied zwischen dem kopierten Exemplar eines Werkes – der echten Kopie – und einem Plagiat, Remix, Mash-Up 0der Sampling, eben jener diskreditierten “Kopie”, die Dirk von Gehlen rehabilitiert (ich habe das Buch nicht gelesen und beziehe mich auf die Zusammenfassung, die Stadler selbst in dem Artikel referiert). Das eine ist die Verteidigung einer Werktechnik (geniales Schaffen ganz und gar aus sich selbst heraus), die tatsächlich zu keinem Zeitpunkt in der Kulur-Geschichte reell war. Die Grenze zwischen “Inspiration” und “Plagiieren” ist künstlich und willkürlich gesetzt. Aber die digitale 1:1-Kopie eines Songs auf einer WG-Party ist eine gänzlich andere Sache. Hier handelt es sich doch um die komplette Reproduktion eines Songs, um diesen zu nutzen und nicht um einen kreativen Akt, die zu unrecht diskreditiert wird.

2. Urheberrecht und Allgemeinwohl

Ich bin mit Thomas Stadler einer Meinung, wenn er andeutet, dass das Urheberrecht einem Allgemeinwohl zuwider läuft und sogar häufig die Arbeit von Kreativen sabotiert, weil sie sich nicht an dem Material anderer bedienen können. Die Wahrheit ist allerdings viel weniger skandalös als man es vielleicht vermuten will: Das Urheberrecht ist ein Schutzrecht und dient den Urhebern. Es schützt sie vor der Ausbeutung durch die Allgemeinheit und setzt deswegen der Kulturpraxis des freien Kopierens geistiger Werke eine Grenze.

Der Aufschrei mag nun groß sein, dass die Verwerter ja die Urheber ausbeuten und die wahren Profiteure des Rechtes sind. Das ist sicherlich eine tendenziell richtige Feststellung: Die Verwerter profitieren mehr vom Urheberrecht, als die Urheber. Aber: Urheber profitieren auch vom Urheberrecht, wenn auch zu wenig. Zumindest was die Sicherung ihres Lebensunterhaltes angeht, geht es ihnen besser in einer Welt mit Urheberrecht als in einer Welt ohne. Dazu muss man sich nur das traurige Leben des Herrn Mozart anschauen, der bettelarm starb, weil er an dem Erfolg seiner (zum Teil plagiierten) Werke keinen Anteil hatte. Es wäre interessant ihn zu Fragen ob er auf die Kopien verzichtet hätte, wenn ihm Not und Hunger dafür erspart geblieben wären. Eigene Ideen hatte er ja genug…

3. Urheberrecht und Genie

Die Dekonstruktion des Genies durch die Kulturwissenschaft der letzten 40 Jahre hat einer ideellen Rechtfertigung des Urheberrechts möglicherweise die Grundlage entzogen, so Stadler. Aber es ist falsch anzunehmen, dass das Urheberrecht allein auf der ideellen Basis einer Genie-Ästhetik zu rechtfertigen ist. Pragmatisch geht es um den Lebensunterhalt der Künstler und das Recht auf die “moralischen” Interessen des Urhebers (Menschenrechte Art 27, Abs. 2 “Everyone has the right to the protection of the moral and material interests resulting from any scientific, literary or artistic production of which he is the author.“). Mit Genie hat das zunächst einmal nichts zu tun. Selbst der Begriff “geistiges Eigentum” impliziert keinen intakten Genie-Begriff. Die gesamte Diskussion um den Genie-Begriff ist in meinen Augen eine Scheindebatte, die es ähnlich wie die Begrifflichkeiten Eigentum, Enteignung und Raub zu hinterfragen gilt.

5 Kommentare

  1. Das Patentrecht kennt den Begriff Erfindungs- oder Neuerungshöhe. Schützenwertes muss nicht das Rad neu erfinden. Es kann durchaus auf Bekanntem aufgebaut sein; es muss aber eine gewisse zusätzliche originäre Zusatz (Eigen-)leistung gegeben sein. Insofern ist das Genie-Argument längst ausdiskutiert.

    Dass Urherberrecht dem Allgemeinwohl zuwiderläuft möchte ich nicht uneingeschränkt gelten lassen. Viele Leistungen werden ausschliesslich deshalb erbracht, weil sie geschützt sind und sich nur so “rentieren” (Pharma, Hollywood etc.etc). Soll auf den privatwirtschaftliche Impetus (so schädlich er auch bisweilen wirken kann) gänzlich verzichtet werden und die Kraetiv/Forschungs-Finanzierung total verstaatlicht werden?
    Meine Meinung: U-schutz ja, jedoch grundsätzliches Zugriffsrecht gegebenfall mit Entgeltminderungsrecht (das bis zur Enteignung gehen kann), wenn es das Allgemeinwohl gebietet.

    • Die Frage, in wie weit Privat-Eigentum dem Allgemeinwohl dient oder zuwider läuft ist ja die Kernfrage der politischen Philosophie. Marxisten nennen es Raub an der Allgemeinheit, Liberalisten sagen, es ist die Grundlage für die Produktivität und damit das Wohl der Gesamtgesellschaft.
      Unabhängig von dieser Frage ist aber die Intention des Urheberrechts erst einmal der Schutz eines schwachen Teilnehmers in einer liberalen Gesellschaft. Die Bedürftigkeit begründet sich zum einen in der Reproduzierbarkeit des Werkes, zum anderen in der besonderen Bedeutung von Kulturerschaffung in einer freien, säkularisierten Gesellschaft.

  2. Zu den ausbeuterischen Verwertern: Wenn die Leistung geschützt ist, muss dem Eigentümer auch freistehen, die Art der Verwertung frei zu wählen. Und wenn die Verwerter auch mitschneiden, so ist das Ergebnis doch in den allermeisten Fällen besser als bei Eigenverwertung. Klar gibt es auch Knebelverträge und unseriöse Langfristbindungen. Aber so ist eben das Wirtschaftsleben.

    Notabene: ME macht es das Allgemeininteresse nicht erforderlich downloads jeglicher Art von Musik und Filmen gebührenfrei zu stellen, was wohl der populistischer Hintergrund der Debatte ist. Die Smartphones sind ja auch – und unbestritten – nicht gratis, wieso die Songs darauf?

  3. Ergänzung.Nicht dass ich unseriöse Verwertungsverträge gut heiße. Da kann durchaus Bedarf für regelnde Eingriffe des Gesetzgebers gegeben sein. Ich meine nur, man sollte nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und im Hinblick auf unangemessen empfundene Gewinne von Verwertern gleich das Urheberrecht als Ganzes beseitigen wollen. Oder soll das etwa gar nur als Vorwand dienen, um populistisch Gratisdownloads jeglicher Art zu rechtfertigen

  4. Pingback: Zeichenlese

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