Gibt es ein richtiges New York im falschen?

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Jonathan Lethem erforscht in seinem Roman Chronic City Möglichkeiten, der Gentrifizierung und Befriedung Manhattans in der Post-Giuliani-Zeit zu entkommen. Gibt es in der Stadt noch Platz für Menschen, die sich nicht zu Robotern der Macht oder Clowns des New Yorker Geldadels machen? Ist von dem wilden Geist der 70iger und 80iger in dieser Stadt noch etwas übrig?

Die saubere Stadt

New York ist nicht mehr die Stadt, in der die Helden dieses Romans aufgewachsen sind. Durchgentrifiziert und gesäubert ist Manhattan zu einem Spielpatz der Superreichen geworden. Subkultur, Experiment und wucherndes Leben sind verschwunden. Selbst die New York Times löscht mit ihrer kriegsfreien Ausgabe jegliche Irritationen aus dem Bewusstsein der Bewohner. Talk of the town des Sommers ist somit die verlorene Beziehung einer im Weltraum gestrandeten Astronautin und des Romanheldens Chase Insteadman – eine virtuelle Beziehung die in den Zeitungen durch die Briefe der Verlobten stattfindet, auf die Chase nicht antworten kann.

Den Gegenpol zu dieser durchinszenierten Welt bildet der alternative Rockkritiker Perkus Tooth. Er hat sich in seiner Wohnung verschanzt, raucht Massen von Marihuana und erhält in kulturreferenzgespickten Verschwörungstheorien seine Version eines besseren New Yorks am Leben. Sein Appartment wird zum Zentrum einer agitatorischen Gegen-Geschichtsschreibung. Hier herrschen andere Mythen und er ist beständig auf der Suche nach Anhaltspunkten und Wegen, der großen Welt der “Gnuppets” (Handpuppen) da draußen die Wahrheit und Authenzität des Lebens aufzuzwingen. Der naive Chase Insteadman und der ehemalige Hausbesetzer und nun Regierungsberater Richard Abneg werden seine Jünger.

Es ist eine simpler Antagonismus zweier Fiktionen, den Lethem hier aufmacht: auf der einen Seite Geld, Macht, Ordnungswille und die geübte Langeweile einer gesättigten Welt, auf der anderen Seite Kultur, Rockmusik, Drogen, Experiment und Phantasie. Der Kampf kann beginnen.

Illusionen, Realitäten, Fiktionen

Was folgt ist die Geschichte eines gescheiterten (Sub-)Kulturkampfes. Zunächst soll Marlon Brando der Schlüssel sein, das riesige Theaterstück Manhattan umzuschreiben oder zu entlarven. In ihm sieht Perkus Tooth eine Wahrhaftigkeit, die jedes Schauspiel durchbricht. In ihrer kleinen Parallelwelt bauen die drei Helden immer neue illusorische alternative Realitäten auf. Schließlich haben sie tatsächlich eine Art Stein des Weisen gefunden, ein Artefakt dass die bessere, richtigere Welt repräsentiert.

Doch die Mythen der drei stellen sich nicht nur als zu schwach heraus, um der Disneyland-Kultur etwas entegegenzusetzen. Es zeigt sich auch, dass alle bemühten Elemente, Referenzen und Geschichten aus der gleichen großen Illusionsmaschine stammen, die sie bekämpfen wollen. Sie glaubten dem großen Theaterstück der Machthaber entkommen zu sein, aber sie waren alle drei zu jeder Zeit ein Teil von ihm und sind auf die Tricks und Machenschaften noch in viel größerem Maße aufgesessen, da sie glaubten frei und unabhängig zu sein. Die Botschaft ist klar: Es gibt keine Möglichkeit der kulturellen Teilhabe, ohne sich der hegemonialen Leitkultur zu unterwerfen.

Wilde Tiere

Auch die in die Stadt eindringenden wilden Tiere bieten keine Hoffnung auf Erlösung oder Zerstörung sondern handeln im Sinne des alten, müden New Yorker Geldes. Anstatt ihre Wildheit viral in die Stadt zu tragen, beschleunigen sie die Verdrängungsprozesse. Ein Adler nistet direkt am Fenster der Wohnung Richard Abnegs, der Zuflucht bei seiner reichen Geliebten sucht. Ein Kind kommt zur Welt und Richard im Familienglück ist für keine Abenteuer mehr zu haben. Dann kommt der Tiger (oder eine Bau-Maschine mit eigenem Willen?) und verschluckt gleich den ganzen Block um Perkus’ Wohnung und das Restaurant mit seiner Lieblings-Kellnerin. Alle Hoffnung und Rebellion versinkt in einem Loch.

Einzig ein putziger Eisbär auf einer Scholle im Hafen von New York, der in der Zeitung für Aufregung sorgt, gibt Hoffnung. Nicht auf Revolution oder Erlösung, aber immerhin ein gelungenes Symbol für die gestrandeten Seelen zu sein. Perkus erkennt in ihm unmittelbar einen Seelenverwandten. Allein auf einer kleinen schmelzenden Scholle, dem Untergang geweiht.

Amputation

Kulturelle Rebellion ist eine Illusion, so das traurige Resumé der Geschichte. Weder Sub- noch Gegenkultur und erst recht nicht die wilde Natur können der kapitalistischen Leitkultur etwas entgegensetzen. Widerstand ist dem Untergang geweiht. Und wer sich nicht assimilieren kann oder will, dem bleibt nur die Amputation. Nach der Zerstörung seines Appartments bleibt Perkus Tooth als letzer Zufluchtsort ein Hundeappartment für ausgestoßene Kläffer.

An diesem Ort für ausgestoßene, in ihre Wildheit zurückgeworfene Tiere lässt sich Perkus endlich domestizieren. Ein dreibeiniger Hund wird zum Lebenspartner und Symbol für das letzte Stadium seiner Geschichte. Ohne Wohnung, Video-, Musik- und Büchersammlung hat er selbst die Möglichkeit zur Illusion verloren, jenen Panzer, der ihn vor dem heutigen Manhattan schützte. Aber der Hund bringt ihm bei, dass es sich auch mit einer Amputation hervorragend Leben lässt. Und “Shattered” von den Stones wird zu seiner Hymne.

Vielleicht ist aber auch das eine Illusion. Vielleicht steckt die Wahrheit viel mehr in der Geschichte der virtuellen Weltraum-Verlobten Janice Trumbull. Ihr wird das Bein amputiert, um den wuchernden Krebs in Schach zu halten. Das Rettungsmanöver ist verzweifelt und sinnlos, befindet sich doch die gesamte Raumkapsel in einer ausweglosen, dem Untergang geweihten Situation. Die lebensrettende Maßnahme am Körper der Astronautin wird im Gesamt-Kontext zu einer Pseudo-Rettung. Auch ohne den zerstörerischen Feind bleibt sie dem Untergang geweiht.

Gentrifizierung, Virtualisierung, Krieg

Gentrifizierung als Virtualisierung des Realen – so könnte man das Lebensgefühl Lethems in Manhattan in in einer Kurzformel zusammenfassen. Es gehört gehörige Kraft oder Unfähigkeit dazu, diesem übermächtigen Simulacrum etwas entgegen zu setzen – und ein gehöriger Vorrat Marihuana-Döschen. Um diesen Vorrat in der Wohnung des halbverrückten halbgenialen Rockkritikers Perkus Tooth sammeln sich die drei Protagonisten dieses Gentrifizierungsdramas, bis sie bemerken, das auch der Dealer kein göttlicher Gesandter sondern ein schlichter Kapitalist und Marketing-Spezialist ist. Überall Theater, überall Krieg der Fiktionen, überall Hoffnungslosigkeit.

Es bleibt die Erkenntnis: Der Wandel der Welt wird uns töten oder assimilieren. Was kann ein Eisbär gegen den Klimawandel unternehmen? Er kann nur Aussterben.

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