Jonathan Franzen: Freiheit

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Ist es einfach nur ein politisch “verkrüppelter” Begriff der Freiheit, den Jonathan Franzen in seinem bislang programmatischsten Roman behandelt? Selbstverständlich ist der Roman ganz offensichtlich politisch, ein Kommentar auf das Amerika nach 9/11 unter Bushs Führung. Aber Freiheit auch noch viel mehr.

Interessanter weil substanzieller als der politische Kommentar ist die Dialektik der Freiheit, die Jonathan Franzen in seinem Roman auf psychologischer und philosophischer Ebene erörtert. Freiheit ist etwas, das wir vermissen, wenn es uns fehlt. Aber wenn wir wirklich absolute Freiheit erreichen, wenn wir “wirklich” frei sind und nichts zwingendes zu tun haben, können wir dann eigentlich mit ihr umgehen? Franzens Antwort: Nein. Seine Charaktere fallen alle früher oder später in Depressionen, und zwar genau in jenen Momenten, in denen sie ihre Freiheit erkämpft haben. Die maximale Freiheit, die der Mensch verträgt ist es, seine Gefangenschaft selbst zu wählen.

Depression oder selbst gewählte Gefangenschaft sind die beiden einzigen Optionen für die Menschen in dem Roman. Immer wenn sie sich an ein Projekt ketten, sei es eine Rock-CD, eine Umweltinitiative oder ein fragwürdiger Millionen-Deal im Kriegsausrüstungs-Geschäft, geht es ihnen gut. Doch die Projekte sind nur mit einem gewissen Selbstbetrug aufrecht zu halten. Mit der Einbildung, sie dienten einem höheren Sinn: Ein guter Krieg im Irak, eine wichtige Initiative für den Artenschutz. Und schließlich fällt der Betrug auf die Projizierenden zurück. Die Fahlheit ihres Handelns wirft sie aus der Bahn und in die Depression.

So geht es aber nicht nur den Individuen. Es ist auch ein Psychogramm der amerikanischen Gesellschaft. Herausragend die Szene, in der Protagonist Walter seinen Bruder besucht. Ein echter White-Trash Typ, der in einem Wohnwagen lebt, seine Familie verlassen hat und säuft. Die Dollar für den Winter lagert er in seinem Werkzeugkasten. Es ist offensichtlich, dass er nichts hat im Leben, keine Freunde, keine Freuden, keine Perspektive. Ein paar mickrige Jobs um über die Runden zu kommen. Walter fragt ihn schließlich nach seinen Kindern:

“Machst Du Dir Sorgen wegen Deiner Kinder?”
“Jaa, manchmal schon. Aber die haben gute Mütter, die wissen, wie sie mit ihnen klarkommen. Ich bin da keine Hilfe. Da hab ich endlich spitzgekriegt. Ich komm bloß allein gut zurecht”
“Du bist ein freier Mann.”
“Allerdings”
(S. 655)

Der Vorfahre von Walter und seinem Bruder war aus Norwegen ausgewandert, weil er nicht mit den Nachbarn zurecht gekommen ist. Nicht die Religion, nicht die Verfolgung, soziale Deformation wird in dieser Perspektive zum Ausgangspunkt der Vereinigten Staaten. Und Jonathan Franzen fügt dem Mythos der Freiheit noch eine weitere interessante Note. Der Katzenstreit, der sich zwischen Walter, und einer Nachbarin entfaltet, ist eine klassische amerikanische Siedlungs- und Nachbarschaftsgeschichte:

Der Vogel- und Katzenstreit

Inzwischen lebt auch der Vogelliebhaber Walter als Einsiedler in einem einsamen Haus in einem Wald, den er als Vogelschutzgebiet beaufsichtigt. Allerdings bekommt das Anwesen durch eine Neubausiedlung neue Nachbarn. Und die neuen Nachbarn bringen Katzen mit, die sich an den Vögeln in Walters Wald vergehen. Die Appelle Walters, sie mögen die Katzen doch bitte im Haus behalten, verhallen unbeachtet. Es ist jawohl jedermanns Freiheit mit seiner Katze zu verfahren, wie man es selbst für richtig halte. Der Wilde Westen ruft aus der Seele der kleingeistigen Hausbesitzer.

Walter lässt sogar die Katze der widerspenstigsten Nachbarin verschwinden, die sich aus Rache direkt mehrere neue Tiere anschafft. Am Ende wird Walter eine große hässliche Mauer bauen und wegziehen. Seine Kontrahentin bleibt traurig zurück. Mit dem Wegzug des Feindes und der neuen Mauer hat ihr Projekt den Sinn verloren. Freiheit und Gefangenschaft von Walter, den Nachbarn, den Katzen und Vögeln wechseln in der Geschichte mehrfach ihre Standpunkte. Und am Ende ist die Freiheit der Vögel nur mit der Einzäunung zu retten. Schöner kann man Dialektik nicht in Geschichten verpacken.

Why We Build The Wall – Anais Mitchell:

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