Konservativismus und Wahnsinn – Homeland S01

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Geheimdienste sind im Kern konservative Betriebe. Sie schaffen nicht, sie schützen. Und wenn der Konservatismus eine Vorteil hat, dann ist es die einfache Weltsicht. Da drüben das Neue, das Andere, das Böse – hier das Gute. So weit, so sortiert. Die Arbeit des Geheimdienstes konterkariert diese Weltsicht allerdings. Infiltration, Maskierung – Demaskierung, falsche und richtige Information. Um Klarheit zu bekommen, ist Unklarheit das beste Mittel. Homeland hat diese Mittel zu den Mitteln seines Erzählfadens gemacht. Der Zuschauer verfängt sich in den Unklarheiten einer unklar gewordenen Welt. Das Konservative erodiert zur Farce, angesichts der Herausforderungen einer multilateralen Moderne.

Agenten-Scharaden sind ein altes und beliebtes Filmthema. Und dennoch, Homeland weiß in der ersten Staffel über lange Strecken dem üblichen Katz-und-Maus-Spiel eine weitere Dimension zuzufügen. Der Zweifel ist in der Serie allgegenwärtig. Natürlich zwischen den Charakteren auf dem Handlungstableau (Wer ist gut? Wer ist böse?) – aber auch zwischen dem Zuschauer und der Heldin. Ist sie verrückt, verletzt, verwirrt? Dürfen wir sie mögen?

Von der Wahrheit zum Wahnsinn

Gegen Ende wird dem Zuschauer wenigstens Klarheit verschafft, wer auf welcher Seite steht. Aber das macht den Schmerz nur größer, denn nur so kann er das durcheinander der Welt in voller Klarheit erkennen. Tatsächlich ist der Zuschauer die einzige Person, die am Ende durchblickt. Alle Handlungspersonen tappen nach wie vor im Dunkel. Wahrheit und Sicherheit sind eine Imagination der Superposition auf der Couch. In der Welt finden sie nicht statt.

Man könnte es so lesen: Homeland ist die Kapitulation des Konservatismus vor der postmodernen Weltordnung. Das Nebeneinander von Wahrheiten ist zur Wahrheit geworden. Der ernsthafte Versuch der Aufklärung übersteigert das Menschenmögliche. Es treibt in den Wahnsinn und nimmt einem noch die letzte Glaubwürdigkeit. Ironie der Wahrheitssuchenden: Je näher man der Wahrheit kommt, desto wahnsinniger wird man. Man erinnert sich an Sarah Palin – man muss heute schon ein wenig verrückt sein, um noch wirklich konservativ arbeiten zu können.

Neuer Konservativismus

Carrie Mathison wird in dieser Lesart zum Palin-Double. Die letzte Warnerin, die letzte Wahrheitssuchende in einer verweichlichten Welt. Eine Erkenntnis, mit der die Begeisterung über den Riesenschwenk, den die Produzenten von 24 gemacht haben, zusammenbricht. Denn nur die neuen, konservativen Verrückten wissen um die wahre Verdorbenheit und Gefahr dieser Welt. Nur sie wissen, dass jede Sicherheit Fiktion ist, wenn wir unsere Aufklärer nicht da raus schicken.

Ja, Homeland löst sich von dem ein oder anderen Klischee, man könne Bedrohungen an der Oberfläche (Bedroher an ihrer Hautfarbe) erkennen. Es mag sich aber nicht von dem großen warnenden Finger lösen, mit dem konservative Argumentationen  arbeiten: Die Welt ist dem Untergang nahe! Wehret den Anfängen!

2 Kommentare

  1. Super Post, vielen Dank. Probleme sehe ich allein insoweit, als dass hier selektiv der Konservatismus als einzige von der Postmoderne zerstäubte Ideologie angenommen wird. Ging es irgendeiner anderen Ideologie anders?

    Konservatismus, Liberalismus und Sozialismus sind die drei großen politischen Ideen des westlichen 18. / 19. Jhdts.

    Bei genauerer Betrachtung war die Postmoderne gleich ungnädig zu allen dreien und hat sie alle überholt bzw. faktisch abgeschafft.

    Das alleinige Abstellen auf Konservatismus ist vielleicht daher nicht ganz fair, Carrie selbst ist auch weit weg von einem religiös bestimmten Eifer à la Palin, sie tut einfach ihren Job. Sie wird für ihre fellow Abtreibungsgegner tätig, genauso wie für Libertäre und Obamacare-”Sozialisten”, sie will einfach Bedrohungen unserer wie auch immer gearteten Entität (Staat? Gesellschaft?) ausschalten.

    Richtig ist, dass sie unterwegs erfährt, dass es alte Kategorien wie Innen und Außen, Richtig und Falsch etc nicht mehr gibt. Das ist indes nicht nur das Schicksal des Konservatismus. Ob Obama, Schröder oder Joschka Fischer – keiner von ihnen Konservatist: alle vertreten die Auffassung, dass unsere Gesellschaft sich mit Gewalt gegen Angriffe von “außen” verteidigen muss.

    Insofern müsste man richtiger feststellen: Homeland ist die Kapitulation des 20. Jahrhunderts vor der postmodernen Weltordnung.

    • Wie die Einleitung darlegt: Die Arbeit eines Geheimdienstes ist in sich bewahrend. Die Person und ihre politische Einstellung sind dafür in meiner Lesart erstmal egal. Deswegen konzentriert sich der Artikel auf den Konservativismus. Da ist auch nichts “unfaires” dran, was unterstellt, dass ich dem konservativismus etwas böses antun würde, dass ich dem Anderen, Nicht-Konservativen nicht antun würde, bzw. gewillt wäre anzutun.
      Das Name-Dropping von vordergründig nicht-konservativen Politikern ist dagegen ziemlich interessant. Dass auch Demokraten-, SPD- und Grünen-Politiker (gerade Grüne! Gibt es was konservativeres als die Erhaltung der Natur?) konservative Haltungen vertreten, ist hoffentlich nicht erklärungsbedürftig.

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