La grande bellezza – Vom Wesen der Szene

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Gerne wird La Grande Bellezza von Paolo Sorrentino als Film über Rom verkauft. Dabei ragt sein Potenzial weit über Lokalkolorit hinaus. Er ist nicht nur ein Film über die Stadt, sondern auch über die soziale Mechanik einer Society-Szene. Seine Stellung im Zentrum der römischen Society enthebt den alternden Schriftsteller Jep aus der realen Welt und versetzt ihn in eine irreale Filter-Blase. Für die Sicherung dieses eingelullten Zustandes muss er die Gesetze der Szene perfekt beherrschen. So kann er es sich leisten nicht mit den wirklichen Problemen der Menschen und erst recht nicht mit seinen eigenen auseinandersetzen. Bis die Blase rissig wird und Jep in eine Krise fällt.

Zeitgeist

Für Jep Gambardella ist das Leben in der römischen Künstler-Szene ein Leben wie im Film. Seine Auftritte sind kalkulierte Darbietungen seiner Schauspielkunst. Wer ganz oben, ganz vorne beim Spiel der Society mitspielen will, muss der Beste darin sein, ihre Regeln zu interpretieren. Und das ist er.  Aber hinter jedem Charakter und hinter jeder Darstellung befindet sich irgendwo auch noch ein echter Mensch in all seiner unansehnlichen Profanität. Während Jep erfolgreich als Szene-Star Eindruck schindet, hat er diesen Menschen in sich verloren. Doch der Tod um ihn herum und die Krise seines fortschreitenden Alters lässt ihn erinnern. 

Mit seiner Geschichte trifft Sorrentino den Zeitgeits einer Generation im untergehenden Europa. Hedonismus, Narzismus, Ironie und Sarkasmus – bloße keine Politik! Das ganze Paket eines europäischen Hipster-Lebens findet sich in dem alternden Society-Hampelmann Jep wieder. Kein Wunder, dass der Film im hippen Neukölln Sonntagabends den Kinosaal füllt. Er ist dem jungen Berliner Szene-Publikum auf den Leib geschneidert. Im Kern armer Berliner Bohemian-Cliquen und reicher Römer Künstler steckt die gleiche Mechanik, ein kurzes Regelwerk dessen, was eine Szene ausmacht.

1. Bühne und Schauspiel

Eine Szene braucht eine soziale Bühne. La Grande Bellezza spielt nicht in Rom. Er spielt in einer durchstilisierten Postkarten-Welt, auf Partys und Balkon-Soireen. Das echte Rom, eine Stadt wie jede andere mit Licht und Schatten, findet im Film nicht statt. Nur selten bricht die dunkle Seite in das hell erleuchtete Rom Sorrentinos: Die durchschnittliche Armut, als Jep in einem ganz normalen Laden auf Toilette gehen will. Die Mafia, als sein Nachbar verhaftet wird.

Diese künstliche und stilisierte Welt bildet den Lebensraum eines Menschen, der auch sich selbst durch und durch künstlich und stilisiert inszeniert. Jep erklärt die Benimmregeln für einen Society-Papst auf einer Beerdigung wie eine Regieanweisung. Eines ist beim besten Willen nicht erlaubt: Weinen. Denn die Beerdigung ist einer Bühne, kein Ort der Gefühle und der Trauer. Jede öffentliche Veranstaltung wird zur Bühne, jeder Auftritt Jeps zum Schauspiel.

2. Hierarchie und Rollen

Eine Szene lebt nicht nur von ihren Stars, sie lebt auch von ihren Verlierern, ihren Gönnern, ihren Verbündeten, ihren Gegenparts. Die Menschen Reihen sich auf ein Tableau, jeder spielt seine Rolle, der Unglückliche Künstler, die hysterische Künstlerin, die mütterliche Verlegerin. Jede Szene teilt ihren Mitgliedern Rollen auf einem Tableau zu.

Kommt jemand von außen dazu, ruft das automatisch Unruhe auf den Plan, denn die Stabilität des Rollen-Systems wird bedroht. Verschiebt sich ein Element, müssen alle Elemente ein wenig rücken. Aber den angestammten Platz verlassen, das ist wie einem Bauern das Land wegnehmen. Deswegen die Eifersucht und der Neid auf der Kunst-Party gegen Jeps neue Freundin.

3. Filter-Blase und Realität

Jep Gambardella benötigt die Führungsrolle in seiner Szene nicht einfach nur, um sich etwas zu beweisen. Der Film entlarvt seine aktive Rolle in die Szene als Schutzhandlung vor dem, was das wirkliche Leben ausmacht. Schmerzen, Erinnerungen, Tod, Arbeit. Eine Szene ist in erster Linie eine Filter-Blase. Ästhetische und moralische Kategorien baut sie sich selbst auf, thematisch dreht sie sich nur um sich selbst. Symbolisch stehen dafür die spielenden Kinder. Die Moral der Szene besagt: ein Künstler-Kind ist anders zu behandeln als normale Kinder. So wird die Szene gesellschaftlich autark. Der Filter ist perfekt, nur Nachrichten und Urteile aus der Szene selbst haben in der Szene Relevanz.

Eine Szene ist ein unabhängiges soziales System, dass seine Attraktivität nach außen aus ihrem Glanz, nach innen aber aus ihrer Überschaubarkeit zieht. Was nach außen groß und stark wirkt wir nach innen provinziell und lächerlich. In diesem kleinen Rahmen mit seinen eigenen Gesetzen sind die Regeln der Welt klar. Insofern ist die Szene wie eine Dorfgemeinschaft in der Großstadt. Doch die Regeln haben keine Tradition, sie sind stets auf den Glanz auf das außen auf das Gerede gerichtet, nicht auf  Überlieferung und Verwurzelung. Im Kern der Szene sind keine Wurzeln sondern Leere –  innere Leere ist eben auch konstitutiver Teil der architektonischen Definition von “Blase”. Wenn es im Kern der Szene-Filter-Blase nur darum geht, nach außen zu scheinen ohne das außen zu spüren, ist die gesamte Konstruktion künstlich und leer. 

Echtes Leben und Wurzeln

Irgendwo außerhalb der Szene-Blase existiert möglicherweise ein echtes Leben. Dessen Definition wäre wie folgt: Zu Leben heißt, nicht zu spielen, sondern zu arbeiten. Nicht die Art von Arbeit, die sich in kapitalistischer Verwertbarkeit aufrechnen lässt. Arbeit, die sich in ihrem Wert für den Arbeitenden selbst und dessen Unterordnung unter die Regeln seiner selbstgewählten Arbeit ausdrückt.

Santa, die Heilige, lebt dieses Leben vor. Sie ist mit der Armut verheiratet. Nichts, was ihrer Sache nicht dient, ist ihr eine Investition von Kraft wert. Nicht mal die Teilnahme am Tischgespräch. Aber sie geht die heilige Treppe auf den Knien hoch. Ohne Chi-Chi, ohne Zerstreuung, ohne all das, was das Leben der Römer Szene auszumachen scheint – so sieht diese echte Arbeit aus. Verzicht auf das Drumherum und Konzentration auf das Wesentliche, Rückbesinnung auf die Wurzeln. Denn “Wurzeln sind wichtig”.

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