Lars von Trier: Melancholia

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Bis vor gar nicht langer Zeit habe ich Lars von Triers Filme nicht sonderlich gemocht. Allein schon wegen ihrer Redundanz. Immer wieder drehte er den gleichen Film in neuem Gewand. Ein Frau wird geopfert: Als klassisches Autorenkino (Breaking the Waves), im Dogma-Stil (Idioten), als Musical (Dancer in the Dark), als Kino-Theater-Experiment (Dogville) – während dieser formalen Experimente, veränderte sich inhaltlich kaum etwas. Es folgten zwei dem hörensagen nach misslungene Ausbruchsversuche aus diesem Schema, die ich beide nicht gesehen habe. Und dann kam Antichrist.

In Antichrist spielt das formale experimentieren keine Rolle mehr. Die Frage nach einer realistischen Darstellung, nach einer Brechung des Illusorischen, wie es in dem Dogma-Manifest proklamiert wurde, und die in allen seinen formalen Experimenten durchschien, interessiert Lars von Trier nicht mehr. In überstilisierten Bildern wirft er Realismus und Experiment zugunsten einer opulenten symbolischen Bildsprache über Bord. Und im gleichen Zuge änderte sich der Inhalt und die Geschlechter-Rollenverteilung in der Geschichte. Endlich kein Opfer-Film mit einer dieser passiven, klischeehaften Frauenfiguren.

In meinen Augen war Antichrist mit seiner museumsreifen Ästhetik, der gekonnten und speziellen Art ein Thema aufzugreifen und seiner radikalen Umsetzung Lars von Triers bester Film bis dato. Entsprechend gespannt war ich auf den neuen Film Melancholia - und wurde nicht enttäuscht. Lars von Trier ist ein Meisterwerk gelungen. Er hat alles, was man von einem großen Erzähl-Kunstwerk erwarten darf. Ein Film über Depression, Angst und das Leben an sich…

Glaube, Macht, Befreiung

Nach einem bildgewaltigen und poetischen Prolog beginnt der Film mit einer Ankunft. Das Brautpaar erreicht das Hochzeitsfest auf einem edlen Herrenhaus mit Golfplatz zwei Stunden verspätet. Man fühlt sich an Das Fest erinnert: Die Familie, ihre Geheimnisse und ihre unausweichlichen Rollenzwänge. Doch immer mehr rückt die Hochzeitsfeier (und auch Vinterbergs Das Fest) in weite Ferne. Alles dreht sich um die Braut, Justine, und ihre Depression. Sie ist unfähig mitzuspielen und flieht immer wieder vom eigenen Hochzeitsfest – in die Badewanne, auf den Golfplatz, in den Alkohol. Und schließlich ergreift sie die Flucht nach vorn und wirft alles hin. Es ist kein Revolution wie bei Vinterberg. Aber es ist auch kein Untergang – wie in von Triers frühen Werken. Justine schafft es sich zu befreien.

Befreiung heißt im Falle von Justine, den Zweifel zuzulassen. Ihr Job, ihr Mann, das Geld, ein Stück Land, die Familie, diese Hochzeit – all das wird sie nicht glücklich machen. An all das kann sie nicht glauben, sie kann sich der Illusion nicht hingeben. Glauben hieße, in dem Spiel um Macht und Herrschaft mitzuspielen. Glauben, dass einen Geld und Ehe glücklich machen. Den unerträglichen Schwiegervater und Boss zu ertragen. Die naive Liebe seines Sohnes, des Ehemanns zu ertragen. Für den einen ist sie unersetzbares Talent, eigentlich verschwendet in der Werbebranche. Für den anderen ist sie Schönheit, ein Preis den es zu pflegen gilt mit Ländereien und einer Schaukel. Aber Justine will nicht Glauben, will nicht Schaukeln.


Schaukeln

Justine hat die Fähigkeit zur Befreiung. Es ist ein Wendepunkt in den Geschichten von Triers, die erste Frau, die sich tatsächlich befreit. Zunächst zerstört sie in ihrer Depression sämtliche Bande um sich herum, bis zum freien Fall. So weit kennen wir das Schema aus Antichrist. Aber Justine wird wieder auferstehen, als Retter und Beschützer in der letzten wichtigen Stunde. Denn ihre Distanz zum Diesseitigen hat ihr die Nähe zum Jenseitigen bewahrt. Sie weiß Dinge und unterhält ein inniges, wissendes Verhältnis zu dem zerstörerischen Planeten Melancholia.

Wissenschaft und Wirklichkeit

Justine entgegen gestellt ist ihre Schwester Claire. Sie ist eine Aufbauerein, keine Zerstörerin. Sie hat mit ihrem Mann die Party organisiert, sie hat einen Sohn, sie hat sich mit Vehemenz von dem kaputten Familienbild ihrer Eltern befreit.

In der Mitte des Films, Justine hat gerade ihren Schwiegervater und ihren Ehemann für immer davon gejagt, stehen dei beiden Schwestern gemeinsam vor dem Haus. “Sometimes I hate you so much”, sagt Claire zu Justine, weil sie mal wieder alles kaputt gemacht hat. Es war mehr ihre eigene Feier, als die der Schwester und Braut, sie ist die betrogene, die Braut die Spielverderberin. Sie geht an ihr vorbei ins Haus. Im Foyer steht der Wedding Planner und verkündet das Ergebnis der Bohnen-Lotterei. Keiner habe die richtige Bohnenzahl erraten, wundert er sich mehrfach und ausdrücklich.

Was ist das für eine Figur, dieser Wedding Planner? “I won’t look at her, she ruined my party”, hatte er die ständigen Alleingänge der Braut kommentiert. Und tatsächlich hält er sich jedesmal die Hände vor das Gesicht, wenn sie in seiner Nähe ist. Noch einer, der die Party mehr als seine eigen betrachtet als die Braut, denn er hat sie minutiös geplant und wacht nun streng über das pünktliche Voranschreiten der diversen Programmpunkte. Wenn nur nicht diese melancholische Frau da wäre, die alle Pläne durchkreuzt und am Ende alles zerstört.


Justine fehlt auf der Hochzeit

In der letzten Szene der Hochzeitsfeier, der Bohnenszene, bekommt er nun also noch mal einen großen Auftritt. Er kann es kaum fassen, dass niemand die richtige Zahl Bohnen erraten hat. Als ob man bei einem Ratespiel nicht immer mit diesem Fall rechnen müsste. Der Planner sieht das anders, denn er plant. Der Zufall spielt in seinem Kosmos keine Rolle und so steht er vor der natürlichsten Sache der Welt, nämlich dass es anders kommt als geplant, und wundert sich.

Doch vor dem Schicksal, wie es sich tatsächlich manifestiert, hilft keine Berechnung und Planung. Was unsere Pläne durchkreuzt wollen wir nicht sehen. So wie Claires Ehemann. Er beherrscht die Welt mit Instrumenten.
An die darf keiner ran. “Nicht an die Instrumente”, warnt er selbst den treuen und zuverlässigen Butler. Denn die Instrumente und seine Wissenschaft sind seine Macht. Daran glaubt er. So beobachtet er nicht nur, er herrscht über das Weltall.

Aber das ist natürlich nur eine Illusion. Er beherrscht höchstens den Dikurs über das Weltall und auch nur so lange, wie er widersprüchliche Informationen zensiert und von der ängstlichen Claire weghält. Er verbietet ihr das Internet, wo andere Theorien zu Melancholia existieren. Und er verbirgt die Notrationen im Stall. Die Macht über den Diskurs schenkt ihm Kraft und Vitalität, die den Frauen fehlt. Aber am Ende hat das Weltall recht, hat der Planet Melancholia recht. Am Ende geht es ihm wie dem Wedding Planner: er kann es nicht fassen, aber nun hilft kein wegschauen mehr.

Die Pointe ist nicht das überraschende Ende des Ehemannes. Dass er feige und klein ist, haben wir schon vorher vermutet. Der Witz ist, dass es Ende das naive Werkzeug aus Draht und einem Stock von seinem Sohn für den Nachweis reicht, dass er sich geirrt hat. Für die Wahrheit braucht es keine Wissenschaft und keine teuren Teleskope. Im Angesicht der Wirklichkeit ist die Wissenschaft lächerlich und immer schon längst widerlegt. Sie beherrscht nicht, sie schafft nur Machtpositionen im Diskurs und überdeckt die Angst vor dem Tod.

Angst und Wissen

Diese Angst lebt Claire. Der Planet beunruhigt sie, weil er existiert. Er lässt sie nicht los, raubt ihr den Schlaf, lässt sie fliehen, weinen, verzweifeln. Keine Wissenschaft hilft ihr, kein Ehemann, der vor der Erkenntnis seiner Lächerlichkeit die letzte Konsequenz gezogen hat. Ihr bleibt nur Justine, die mit einem Mal wieder Kraft hat, die aufersteht am letzten aller Tage und das Ruder übernimmt. Woher nimmt sie diese Kraft? Weil sie längst schon wusste. Weil sie die Lächerlichkeit und Verzweiflung in allem Handeln schon kannte. Und so folgt sie Justine, deren Verbindung mit Natur und dem Planeten längst mythische Ausmaße angenommen hat.


Claire folgt Justine

Aber was ist zu tun, wenn in ein paar Stunden die Welt untergeht? “Pom Poko” – Überlebensstrategien in einer untergehenden Welt. Lars von Trier kennt drei: (1) Kontrollieren und Macht erhalten bis der Trug zerbricht und einen mitreißt. (2) Angesichts mangelnder Kontrolle in Angst und Verzweiflung verfallen. (3) Den Untergang verstehen und annehmen als die einzige zwangsläufige Möglichkeit des Daseins. In dem einzigen magischen Moment des Filmes verbinden sich noch einmal die beiden Geschichten – die Zerstörung der Hochzeit und die Zerstörung der Welt. Justine kennt die Zahl der Bohnen in dem Glas, obwohl sie sie bei der Verkündung nicht anwesend war. Sie weiß Dinge. Deswegen fürchtet sie sich nicht. Wahres Wissen ist nicht Berechnung und nicht Wissenschaft. Wahres Wissen ist nicht Glaube. Es existiert in uns oder kommt über uns.  So könnte man Lars von Triers mystische Theologie vielleicht zusammenfassen.


Die Erde ist böse / I know things

2 Kommentare

  1. Äußerst gelungene Review, wie ich finde. Mir gefällt die positive Lesart, die die Unausweichlichkeit des Untergangs, hier dargestellt in Form unserer Konfrontation mit und evtl. Zerstörung durch Melancholie, das dergestalt Sinnlose unseres menschlichen Treibens, aber auch die morbid-perverse Antizipation der Apokalypse beim Betrachter ausklammert. Letztlich ist wie Du richtig ausführst der individuelle Umgang entscheidend und die vordergründig amoralische Anarchistin Justine wird als strahlende Heilige (die Wahrhaftige) wiedergeboren. Hier wird wieder einmal in Grundzügen an taoistisches Denken erinnert:

    “Heimkehren zum Wurzelgrund heißt: Stille finden.
    Und dieses nennt man: sich zum Schicksal kehren.
    Sich zum Schicksal kehren heißt: ewig sein.
    Das Ewige kennen heißt: erleuchtet sein.

    Wer nicht das Ewige kennt,
    schafft sinnlos Unheil;
    Wer das Ewige kennt, ist duldsam;
    Duldsam ist aber: unbefangen;
    Unbefangen ist aber: allumfassend;
    Allumfassend ist aber: himmlisch;
    Himmlisch ist aber: der WEG;
    Der mit dem WEG aber dauert.
    Sinkt hin sein Leib, ist er ohne Gefahr.”

    Lao-tse: Tao-Tê-King, Kap. 16, S. 40

    • Mir sagen die Zeilen von Lao-tse nicht so viel. Aber das bringt mich auf einen anderen Gedanken: Byung Chul Han, seines Zeichens Experte für asiatische Philosophie/Religion, hat in seinem Bändchen “Agonie des Eros” eine ähnliche (im Grunde gleiche) Analyse von Melancholia vorgelegt. Bei ihm geht es insgesamt um die “Integration von Negativität” -Tod, Leid, Geheimnis, Unebenheit, usw. Dem gegenüber wird im Christentum der Tod symbolisiert (aus dem Opfer wird das Symbol – die Hostie – für das Opfer) und damit domestiziert.
      Interessant auch: der Werdegang der von Trierschen Frauenfiguren. In den alten Filmen sind die Frauen noch Jesus-Figuren. “Vater vergib Ihnen, sie wissen nicht was sie tun”, schwebt über den Filmen. Die Versöhnung in Melancholia hat dagegen diese Welt (zugunsten des Taoismus?) überwunden.

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