Logik der Diskriminierung

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Egal ob #Aufschrei oder die Entfernung rassistischen Vokabulars aus alten Kinderbüchern, die Diskussionen um Diskriminierung laufen nach den immergleichen Regeln ab. Wer sich emanzipieren will, sollte auf die Scheinargumente und Schattenkämpfe nicht reinfallen. Eine Regelkunde der Diskriminierung.

Regel 1: Sei widersprüchlich.

Argumentative Machterhaltung erreicht man selten, indem man eine schlüssige Linie vertritt. Die Sprache ich tückisch, jede Verteidigungslinie lässt sich argumentativ durchbrechen. Unangreifbarkeit erreicht man durch widersprüchliche Argumentationen. Wenn ich zwei Argumente nutze, die sich im logischen Kern widersprechen, aber auf der Oberfläche beide an den gesunden Menschenverstand appellieren, habe ich das Recht in jeder Situation auf meiner Seite.

Zum Beispiel: “Eine Frau muss sich auch wehren können.” Das klingt doch richtig. Es ist sogar richtig. Jeder Mensch kommt in Situationen der Grenzübertretung und Aggression und es ist für einen unabhängigen Erwachsenen Menschen sehr wichtig sich wehren zu können. Die #Aufschrei-Diskussion selbst ist ja ein Sich Wehren. Aber wenn sch jemand mit #Aufschrei wehr, dann gilt: “Stell Dich doch nicht so an!” Und auch dieses Argument ist richtig. In einer aufgeheizten Debatte ist immer auch viel Hysterie dabei. Irgendjemand übertreibt immer. Irgendjemand stellt sich immer an.

Die Antwort: Man kann diese Strategie nur durchbrechen, wenn man erkennt, dass hier Randfälle genutzt werden, um vom Kern des Problems abzulenken. Es gibt selbstverständlich Situationen, in denen eine Frau eine Mitschuld am empfundenen verbalen Übergriff eines Mannes trägt, weil sie sich nicht getraut hat entsprechende Signale zu setzen, obwohl die Situation es ihr erlaubt hätte. Es gibt selbstverständlich auch Situationen, in denen man nicht unbedingt zimperlich sein muss, und eine Äußerung als überzogene oder bescheuerte Anmache abtun sollte anstatt als verletzenden Übergriff. Aber das sind jeweils Randfälle, die in der Diskussion als solche zur Abgrenzung wichtig sind, jedoch von der Kernforderung nach mehr Aufmerksamkeit für Diskriminierung ablenken.

Regel 2: Berufe Dich auf die Freiheit

Wer die Freiheit anruft, der hat in einer westlichen Demokratie immer recht. Es gibt keine politische Bewegung, die nicht die Freiheit auf ihren Fahnen stehen hat. Und immer wenn einer “sich wehrt” (siehe Regel 1), dann will er die Freiheit des Täters eine Täter zu sein einschränken. Das gibt dem Diskriminierenden eine Prima Chance Sätze zu sagen wie: “Man wird doch noch sagen dürfen!”

Die Antwort: Was der Täter übersieht – auch das Opfer wird doch mal sagen dürfen! Und keiner von beiden soll der Richter in diesem Fall sein, denn genau darin besteht die Meinungsfreiheit, dass beide Meinungen gelten. Das ist natürlich für beide Seiten schwer zu ertragen. Denn es heißt auch, dass latente Rassisten weiter latente Rassisten sein dürfen. Im Kampf gegen sie, kann man sich ebenfalls nur auf die Meinungsfreiheit beziehen. Zu diesem Thema hat Noah Sow einen großartigen Text geschrieben:

Zur Beruhigung und Erinnerung: das Recht, Menschen rassistisch zu bezeichnen, besteht weiterhin. Es ist durch eine vernünftige Verlagsentscheidung nicht in Gefahr. Ebenso bestehen bleiben das Recht, rassistischen Müll zu Publizieren, das Recht, Kinder rassistisch zu erziehen, und das Recht darauf, white supremacy durch die nächsten Jahrhunderte zu tragen. Was neuerdings wegfällt, und für viele Rassisten anscheinend schon unerträglich ist, ist lediglich das Recht, sich als Rassist bei 100% der Mehrheitsbevölkerung beliebt zu machen. Es sind jetzt ein paar Prozent weniger. Ebenso mausetot: das Recht, auf rassistische Handlungen keine Widerrede zu bekommen.

Regel 3: Werde zum Opfer!

Den Unterdrückten geht es schlecht. Den Unterdrückern immer schlechter. Dass sie in ihrer Freiheit eingeschränkt sind (siehe Regel 2), ist nur der Anfang. Die ganze Verantwortung lastet auf ihren Schultern. Und wenn es ihnen mal schlecht geht, dann kommt keiner und hilft, dann gibt es keinen #Aufschrei. Aber über mich, den armen Herrscher, fallen sie her wie die Hunde.

Denis Scheck fühlt sich an nicht weniger als die totalitäre Diktatur in Orwells 1980 erinnert, wenn in einem Kinderbuch (!) Vokabular ausgetauscht wird. Unter Demagogie, Zensur und Diktatur geht nichts, wenn es darum geht, die eigene Machtposition als Opferposition auszuschmücken. Die These unterstreicht man am besten durch eine Inszenierung, die es garantiert, dass die Opfer-Position kurz darauf auch Wirklichkeit wird. Zum Beispiel indem man sich das Gesicht schwarz anmalt.

Es ist kein Zufall, das gerade die Intelligenten und Gebildeten auf diese Taktik zurückgreifen. Sie ist am schwersten zu durchbrechen. Im Fall Scheck konzentrieren sich die Kritiker fast ausschließlich auf den Faux-Pas. Seine seltsamen Argumente, in denen die Literatur, die Freiheit und das Abendland vor ihrem Ende stehen, kommen in der Diskussion gar nicht mehr vor. Die sz schreibt zum Beispiel: “Nun wäre das Plädoyer des Literaturkritikers kein Grund zum Aufschrei, eher ein ironisch-kritischer Beitrag zur weiteren Diskussion. Hätte sich Scheck nur nicht das Gesicht schwarz angemalt und weiße Glaceehandschuhe übergezogen.”

Die Antwort: Provokationen ignorieren! Die Frage ist, wer hier Stier ist und wer Torrero. Wer lässt sich als erstes von seinen Emotionen verleiten, in die Schein-Argumente und Provokationen des anderen zu stürmen? Besser auf der Sachebene antworten: Was genau leistet das Wort “Neger” als ausgezeichnetes Sprachgeschichts-Erziehungs-Werkzeug, was andere, weniger diskriminierende Worte nicht leisten?

Oder man geht einen Schritt zurück und fragt: Warum fühlt sich jemand Gebildetes zu solchen Äußerungen genötigt? Die Antwort ist immer: Weil er Angst hat! Er ist tatsächlich ein Opfer, das Opfer seiner Existenz-Ängste. Und er ist schon längst ein Stier in der Manege und kämpft um sein Überleben. Geben wir dem Stier also ein rotes Tuch und Fragen: Welcher dunkelhäutige Literaturkritiker hat in der ARD eigentlich die Chance, seine Meinung in der Debatte zu äußern? Ach… es gibt gar keinen? Dann wird es aber mal Zeit!

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  1. Punkt 1 zeigt die Schwächen der neuen #hashtag-Diskussionskultur. Chaotisches, kasuistisches Argumentieren verlangt nach chaotischen, kasuistischen Reaktionen. Gezwitscher. Wer eine Millionen Flanken aufmacht, muss mit einer Millionen Gegenangriffen rechnen. Es werden hier Stärke und Schwäche von Twitter gleichzeitig sichtbar: Die Fähigkeit in kürzester Zeit, Aufruhr zu schaffen. Die Unfähigkeit eine diskursive Stromlinie zu erzeugen. #Aufschrei ist klasse, nach dem Dampfablassen muss allerdings eine Diskussion folgen, die sich nicht auf exemplarische Bewertung von Situationen beschränkt. Sexismus ist real, er ist überall, er ist unerträglich, Frauen leiden darunter und auch die Männer, denen es im Leben um mehr geht als Machtakkumulation und -erhalt, sind durch ihn beschädigt. Dies kann in einem Diskurs aufgearbeitet werden. Hyperventilierende “Shitstorms” (was für ein widerliches Wort das alleine ist!) können ernste Debatten nicht ersetzen.

    Das in Punkt 2 verwendete Zitat verstehe ich nicht (gerade keine Zeit, den ganzen Beitrag von Snow zu lesen). Richtig ist, dass die “Man wird ja wohl noch sagen dürfen”-Rhetorik niederste Instinkte anspricht, weil sie in einem Schritt Feindbilder erst künstlich erzeugt und dann bekriegt. Meinungsfreiheit allerdings hat Grenzen. Meinen darf man alles. Publizieren nicht. Einschränkungen wie der Tatbestand der Beleidigung oder der § 130 StGB sind richtig – ich habe zu wenig Vertrauen darin, diese Kräfte stets politisch zu besiegen. Man darf auch auf das Gesetz zurückgreifen, das der Meinungsfreiheit seine Grenze aufweist.

    Punkt 3: Es ist mir unerklärlich, wie Scheck, FAZ etc ernsthaft um den Erhalt des ekligen Schimpfwortes “Neger” kämpfen. Das dürfen sie gerne tun, aber sie offenbaren damit ein unsensibles Geschichts- und ein schrecklich verstaubtes Literaturverständnis.

    • Punkt 2 und 3 stimme ich voll zu. Bei Punkt 1 aber nicht. Denn ich habe hier tatsächlich beim Schreiben nicht an Twitter gedacht, sondern an die schreckliche Jauch-Sendung. Dort war es vor allem der Moderator, der durch das Einbringen von Randthemen und seltsamen Beispielen Nebelkerzen statt Aufklärung und Eingrenzung verbeitete. Ich denke es ist ein Phänomen jeder Diskussionskultur, ob alt ob neu.

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