In Schichten denken: Unter dir die Stadt als Revolutionsfilm

| Keine Kommentare

Ein Vielschichtiger Film – so kündigte Isabella Rosselini Christoph Hochhäuslers “Unter dir die Stadt” bei der Fernsehpremiere auf Arte an. Filmgeschichtliche Referenzen, wie man sie von einem Film-Nerd wie Hochhäusler erwarten kann, politische Referenzen, aber auch eine Story, die ihre Spannung permanent aus dem Spiel mit Gesellschaftsschichten entfaltet. Im wahrsten Sinne eine Geschichte. 

Kein Wunder, dass langweilige deutsche Kritik Fragen stellt: Warum geht die junge Frau mit dem Alten ins Bett? Sie kennt nur noch den Film als Psychoanalyse. Aber Psychoanalyse ist immer affirmativ, sie bedroht nicht den Zustand, sie setzt ihn durch Narration ins Recht. Wer eine Revolution wirklich will, muss auf die Psychoanalyse verzichten.

Die Stadt

Schon der Titel weist auf eine Schichtung hin: Unter dir die Stadt. Spielen die Filme der (sogenannten) Berliner Schule in der Regel außerhalb, weit weg von der Stadt, oder beschreiben eine Fluchtbewegung auf das Land, so verharrt Hochhäuslers Film bis ins letzte Bild über der Stadt. Immer wieder der prüfende Blick aus dem Fenster herunter auf die Straße.

Die Schicht über der Stadt: Über dem Leben, über den Gefühlen. Es sind zwei Eiskalte, die hier, über der Stadt zusammenkommen. Die Stadt, ihr ferner Bezugs-Ort, liegt weit unten. Nur einmal verlaufen sie sich in das menschelnde Treiben am Boden – in einer Liebes-Verfolgungsjagd kurz vor Ende. Als sie sich ineinander und in ihren Gefühlen verlaufen haben, holt die Stadt sie ein. Man meint der Film endet hier, am Boden, im Gefühls-Desaster, aber dann folgt der Epilog – und sie sind wieder da, zurück über der Stadt.

Transparenz

Überall transparente Materialien: Glasfassaden, Fensterscheiben, Autofenster. Die Stadt ist weit weg, aber wir haben sie im Blick – aus dem schützenden Fenster. Eine der interessantestes Kameraeinstellungen: Blick aus dem Schaufenster eines Cafés auf eine drehende Glastür des Hochhauses. Reflektionen und Lichspiel, sonst erkennen wir nichts. Überall Glas, aber: kein Einblick möglich, denn draußen ist es hell, innen dunkel. Nur scheinbare Transparenz, eigentlich sehen wir nur Reflektionen, Blitze, Spiegelbilder.

Auch die beiden Liebhaber können wir nicht erkennen, obwohl wir ihnen so nahe kommen. Die Kamera ist immer bei ihnen, oft ganz nah bei ihnen, aber wir erfahren nichts. Glasmenschen, die in ihrem Inneren dunkel bleiben. Und auch gegenseitig zeigen sie sich nicht und versuchen in das Innere des anderen zu blicken, ohne sich selbst zu beleuchten. Wer als erster das Licht anschaltet, wird gesehen, hat verloren.

Verführung

Kann man das Glas zwischen den Schichten durchstoßen? Eigentlich nicht, sagt der Film, eigentlich. Denn eine Wanderung zwischen den Schichten ist eine verführerische Geschichte, eine aus der Filme gemacht sind. Roland setzt sie zur Verführung ein, erzählt die Geschichte von einer sozialen Wanderung: vom Arbeiterkind zum Bankenchef. Eine solche Geschichte kann die Wand zwischen den beiden einreißen. Roland weiß das und nutzt es aus.

Doch dann geht Svenja ein Licht auf und sie erkennt die Täuschung: Sie hat nicht Roland gesehen in der Wohnung in Mannheim, sondern sich selbst, ihren eigenen Traum. Die Dialektik der Glasscheiben: sie glaubt durchzusehen, aber in Wahrheit spiegelt sie sich. Sie glaubt den anderen zu lieben, aber sie ist hoffnungslos in sich selbst gefangen.

Film

Was kann der Film als Medium leisten? Kann er uns die Wahrheit zeigen, gibt es transparenten Film? Wie sähe der aus? Ist nicht gerade der erklärende und auserzählende Film die größte Täuschung? Als ob diese unerklärliche Welt im Film auf einmal Sinn ergäbe! Ist der Film nicht selbst eine solche Glasscheibe, die uns vortäuscht, einen Sinn zu offenbaren, aber uns nur selber spiegeln lässt? Die uns glauben lässt die Schichten wären durchlässig?

Revolution

Die Glaswände können also nicht durchstoßen werden: oben bleibt oben, unten bleibt unten, du bleibst du und ich bleibe ich. Und doch sagt Hochhäuslers Film: “Ich bin ein Film! Ich bin eine Geschichte! Ich darf alles!” Eigentlich ist er schon vorbei, die Protagonisten haben sich dorthin verlaufen, wo sie nie hinwollten: Auf die Straße, ins Gewühl der Menschen, vorbei an den spiegelnden Schaufenster-Passagen. Und dann der überraschende Epilog: Sie haben doch zueinander gefunden, das Wunder – das Wandern – ist möglich. Du und ich, gemeinsam, und unter uns: die Stadt in Bewegung. Wenn Liebe möglich ist, dann ist es auch die Revolution. “Es geht los.”

Leave a Reply

Pflichtfelder sind mit * markiert.