Skandinavische TV-Dramen (II): Terror

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These: Das Skandinavische Drama, kennt grundsätzlich vor allem zwei Formate: (1) Die Revolution des künstlerischen Außenseiters, der die Gesellschaft zum Besseren verändert, und (2) den Terror eines kriminellen Außenseiters, der die Gesellschaft aggressiv attackiert und durch die Ermittlung einer intelligenten und sanften Ermittler-Figur eingefangen werden muss. Es ist zweimal die gleiche Figur – ein Einzelner gegen die Gesellschaft als Ganzes, nur die Verteilung von “gut” und “böse” wird vertauscht. Mit der Einschränkung leichter Variationen lassen sich die folgenden internationalen Dramen aus Dänemark und Schweden in diesem Schema dem Typus “Terror” zuordnen. (… und hier geht’s zum Teil (I) “Revolution” der Serie.)

In den folgenden Filmen und Serien finden wir die Figur aus dem ersten Teil wiederholt, ein Einzelner bricht die Konventionen der Gesellschaft. Aber diesmal handelt es sich nicht um Künstlerfiguren mit der revolutionären Absicht die Gesellschaft zu einer besseren Ordnung zu führen. Die Einzelgänger dieser Geschichten sind bösartige, mordende Antagonisten, die die Gesellschaft mit Brutalität in Frage stellen. Es sind Männer, die häufig aus sexuellen oder rassistischen Motiven töten.

Ihnen entgegen steht eine Ermittlerin. Sie repräsentiert die Ordnung der Gesellschaft. Sobald jedoch die Ermittlungen an den Festen eines gesellschaftlichen Konsenses wackeln, wird sie selbst zur Außenseiterin. Auffällig ist die hohe Zahl weiblicher Figuren in dieser Rolle. Wir finden also auch hier (wie schon im ersten Teil) eine archaische Geschlechterrollen-Verteilung – ein hartes, strafendes und bösartig handelndes Männliches gegen ein weiches, verständnisvolles und verletzbares Weibliches.

Bemerkenswert ist auch die Tendenz, dass diese Geschichten in der Stadt spielen, während die “Revolutionsdramen” auf dem Land stattfinden. Damit spielen sie im zentrum der medialen Aufmerksamkeit, sind häufig mit politischen Themen verbunden und haben öffentliche Bedeutung, während die dogmatischen Revolutionen in abgeschlossenen Räumen spielen (meist Dorfgemeinschaften, aber auch Herrenhaus, Bohrinsel).

Allein schon diese gesellschaftliche Ausweitung macht die Revolutionsphantasie für jeden realistischen Film hinfällig. Nur radikale Utopien könnten wirklich eine komplette Revolution durchführen. Sie wird deswegen nur im symbolischen durchspielt, die Gesellschaft bleibt unangetastet und unverändert. Das Böse der Gesellschaft wird in dem Killer externalisiert und von der ebenfalls externalisierten weiblichen Kraft zu Fall gebracht. Die Gesellschaft ist am Ende eine bessere, weil dieser eine Killer nicht mehr existiert. Aber die Missstände, die eventuell im Laufe der Ermittlungen aufgedeckt wurden bestehen weiter.

In der dänischen Produktion The Killing beziehungsweise Komissarin Lund – Das Verbrechen, wie die Serie beim ZDF hieß, geht es in Staffel 1 um ein Sexualverbrechen, in der zweiten Staffel um einen Serienmörder. Es ermittelt die schöne und mit viel Gefühl und Intelligenz in ihre Fälle verwickelte Sara Lund. Wie in vielen amerikanischen Thrillern, fällt auch sie im Laufe der Ermittlung immer mehr aus der Gesellschaft heraus und wird somit selbst zum Außenseiter, der sich über einen gesellschaftlich-politischen Konsens hinwegsetzt.

In Fräulein Smillas Gespür für Schnee geht es um Gewalt gegen eine ethnische Minderheit. Interessant ist, wie der Film das territorium von der Stadt in die Provinz hin verlagert. Smillas Jagd nach dem Mörder führt aus der Stadt in das ewige Eis, jenem Ort an dem der dänische Täter sozusagen “die Minderheit” ist, und die Inuit Smilla ihre Stärke – das Gespür für Schnee – voll und ganz leben kann.

Eine andere interessante Variation stellt Lasermannen dar. Hier wird auf einen Protagonisten verzichtet, es existieren auch keine Frauen. Eine Meute stümperhafter gelangweilter und uninteressierter Ermittler zeigt, schafft es nicht, den Serien-Attentäter zu überführen. Bemerkenswert ist auch, dass die Opfer Migranten sind – also Außenseiter. In diesem realistischsten Thriller-Ansatz (die Mini-Serie beruht auf einer wahren Begebenheit) fehlt eine reine, weibliche Instanz, eine Revolution findet nicht im Ansatz statt und der implizite Terror-Wunsch der Gesellschaft wird im Handeln des externalisierten, bösen Killers ohne Gegenwehr umgesetzt.

Leider habe ich die Stieg-Larsson-Trilogie noch nicht ganz gesehen. Das wäre noch eine interessante Ergänzung…

Mir scheint anhand von folgenden Dichotomien ließe sich eine interessante Kategorisierung der besprochenen Dramen vornehmen:
Künstler / Gesellschaft
weiblich / männlich
Empathisch / Besitzergreifend
Vergebend / Strafend
Urban / Rural

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