Taktung und Kontakt (in eigener und bloggosphärischer Sache)

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Nun schreibe auch ich noch einen Text zu Johnny Häuslers Blog-Diskussion. Mehr Schreiben 2013 ist ein toller Vorsatz! Ganz unabhängig wie man beurteilt, ob dieses mehr schreiben tatsächlich zu einer Rettung des Freien Netzes führen kann. Als Skeptiker ist solch Pathos mir natürlich verdächtig, aber natürlich auch sympathisch. Wie dem auch sei… Seit dem inzwischen berühmten Beitrag auf Spreeblick hat es ein paar Tage gedauert, bis ich meine Haltung zu der Sache gefunden habe. In der Zeit habe ich mich gefragt: Was würde “mehr schreiben” eigentlich für mich bedeuten? Was würde es für Zeichenlese bedeuten? Und was sagt diese Aufforderung über “dieses Internet”?

Mehr schreiben heißt auf Spreeblick vor allem: öfter schreiben. Weniger auf Facebook oder Twitter seine Gedanken und Meinungen verkünden, mehr auf Blogs und in den Kommentarfeldern von Blogs. Der Plan für Zeichenlese war schon immer, nur ca. einen Artikel pro Monat zu veröffentlichen. Ich glaube der tatsächliche Schnitt liegt noch etwas darunter. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen mache ich das hier nur zum Spaß und will mich nicht wegen eines Spaß-Projektes stressen. Zum anderen – und das ist wichtiger: Der Stil.

Stilfrage: Essays und Blogs

Der Ansatz von Zeichenlese ist essayistisch. Ich schreibe hier (mit einer Ausnahme) nie über Entdeckungen im Netz, einen Gedanken den ich letztens hatte oder schnell mal meine Meinung zum aktuellen Thema XY. Ein Gedanke oder eine Diskussion können immer Anlass für einen Artikel sein. Aber ein Gedanke ist nur der Anfang. Die Artikel hier haben den Anspruch einen Gedanken weiterzudenken, mit ihm zu spielen, ihn zu verfolgen, ihn ernst zu nehmen und zu schauen was dann passiert. Deswegen lagern im Backend stets 10-20 Artikel-Entwürfe, die in meinen Augen nicht veröffentlichbar sind, weil sie nur aus einem Gedanken bestehen, aber keinen Weg oder Verbindungslinien zeichnen. Irgendwann kommen mir dann vielleicht weitere Ideen und Gedanken und es entsteht ein typischer Zeichenlese-Artikel: lang und kompliziert. Deswegen ist mehr schreiben für mich schwierig, ohne den grundsätzlichen Stil der Artikel zu verändern. Aus einem Gedanken ein Essay zu entwickeln ist Arbeit. Und die kann ich leider nicht so oft hier rein stecken, wie das für eine schnelle Blog-Frequenz nötig wäre.

Aus diesem Grund habe ich schon in der Vergangenheit zu Leuten gesagt: Zeichenlese ist eigentlich gar kein Blog. Ich nutze ein Blog-CMS, aber inhaltlich und stilistisch bin ich viel zu lahm und der Anspruch zu akademisch für einen Blogger. Bei Themen hinke ich hinterher, die Texte sind zu lang und im schlimmsten Fall nicht verständlich genug. Wobei zumindest bei der Verständlichkeit ich immer bemüht bin, nicht in akademische Phrasendrescherei zu verfallen. Dennoch: Wer lange und vielschichtige Texte schreiben will, hat Mühe sie neben der Arbeit und der sonstigen Freizeit in hohem Rhythmus zu veröffentlichen. Kann es trotzdem gehen? Dazu später mehr…

Gedanken und Gedankengebäude

Aber ich mag Zeichenlese auch so wie es ist. Denn das Konzept ist auch aus dem Gefühl entstanden, dass viele Diskussionen und Gedanken im Netz viel zu schnell und oberflächlich verlaufen. Damit will ich nicht sagen dumm. Dummes wird überall geschrieben und in jeder Länge. Gerade um die schlauen und interessanten Gedanken ist es aber schade, wenn sie nur mal so schnell in den Raum gesetzt und morgen von neuen Themen überrollt werden. Der schnelle Takt macht es für Schreibende und Lesende schwierig, Gedankengebäude auszutauschen. Texte an die man sich erinnert, wie an einen Urlaub, eine Begegnung, einen Menschen oder eine Beziehung sind selten in Blogs.

Schlaue schnell dahin geschriebene Gedanken sind natürlich auch interessant. Und sie haben auch ein Tiefe. Die Folge ist nicht eine Verflachung der Gedanken. Die Folge ist ein Mangel an Begegnung und Vernetzung der Gedanken. Dass ausgerechnet das Internet den Gedanken die gegenseitige Begegnung wegnimmt, klingt wahrscheinlich nach totalem Quatsch. Aber ich bestehe drauf: Das soziale Web – angefangen bei Blogs, aber noch viel mehr auf Facebook und Twitter – lässt Gedanken einsam werden. Sie wachsen nicht zu Gebäuden un Geflechten. Denn Vereinzelung ist eben keine Frage der Vernetzung und Nähe, sondern eine Frage der Taktung.

Takt und Kontakt

Soziologisch ist die Vereinzelung des Menschen ein modernes Großstadt-Phänomen. Gerade dort also, wo Infrastruktur und Menschendichte am höchsten sind, geraten Menschen in Einsamkeit. In der Ruhe und Abgeschiedenheit auf dem Land kennt man sich gegenseitig und ist allein deswegen schon in Kontakt (was nicht per se etwas Positives sein muss). Das Social Web ist die Großstadt der Gedanken. In der Masse der Gedanken und Ideen auf allen kommerziellen und freien Plattformen wird der einzelne Gedanke einsam wie ein trauriger Großstadtmensch.

Es gibt natürlich Strategien in der Großstadt nicht zu vereinsamen. Sport, Partys, Ausgehen zum Beispiel. Wenn man seine Freizeit in der richtigen Geschwindigkeit durchtaktet, kommt man in einen gemeinsamen Takt mit anderen, in Kontakt mit gleichgetakteten Einzelnen. Der Mangel an substanziellen Begegnungen wird einem durch den Kontakt mit anderen erleichtert.  Aber in Kontakt sein bedeutet, dass man immer mithalten muss, im Takt bleiben um den Kontakt zu bewahren. Freizeitstress nennen wir das.

Blogstress

Je granularer ein soziales Medium funktioniert, desto stressiger wirkt ist. Twitter (das ich sehr schätze) ist aktuell wohl der Höhepunkt der Stress-Skala. Die Kürze der Texte erlaubt eine Taktung wie kein anderes Medium. Aber schon Blogs haben die Tendenz zum Stress, denn schon sie bauen auf Kontakt. Auf Netzpolitik stellt man sich gerade einige Grundsatzfragen, und eine der inhaltlichen Kernfragen ist: Sollen wir über alles möglichst schnell informieren, oder wollen wir eher lange Geschichten recherchieren? Blogstress – und dadurch hohen Kontaktzahlen? Oder einen eigenen Rhythmus? Ein eigener Rhythmus, der immer die Gefahr bedeutet, dass man nicht Schritt hält und vereinzelt.

Für mich persönlich gilt auch weiterhin: Bloß keinen Stress! Kontaktzahlen können nicht der Maßstab für Zeichenlese sein, so lange ich es alleine und freizeitgetrieben betreibe. Ich schaue aber mit Neid nach Amerika, dem heiligen Land der Blogs, wo ein so großes Portal wie n+1 aufgebaut werden kann (na gut, es ist auch und in erster Linie ein Magazin). Das wäre ein persönlicher Traum, wenn meine Arbeit hier irgendwann in so etwas auf deutsch enden würde.

Zeichenlese – Gute Vorsätze

Für das Jahr 2013 nehme ich mir aber vor, nicht zu träumen, sondern mehr zu schreiben. Denn ich gebe Johnny Häusler bei aller Skepsis recht. Ich trenne ja auch den Müll, obwohl ich nicht glaube, dass das Signifikant zur Rettung der Welt beiträgt. Vielleicht hilft es ja doch. Und vielleicht rettet mehr schreiben tatsächlich das Freie Netz vor den großen amerikanischen Datenkraken. Also: Positiv bleiben, mehr schreiben. Und damit das ohne Stress läuft, brauche ich ein neues Blogkonzept, welches das alte nicht über den Haufen wirft, aber eine höhere Taktung dennoch erlaubt. Ein Hybrid zwischen Gedankenschleuder und Essay-Architekturbüro. Wie das im Detail aussieht, überlege ich mir ab sofort.

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