The Master – vom Herrscher und Beherrschten

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The Master ist in seiner Gesamtheit ein etwas wilder, ungeschliffener Film. Sprünge, fehlende Informationen und symbolische Szenen machen es schwer ihn zu fassen. Und genau das macht seinen Reiz aus. Der Zuschauer des Films kennt diese Konstellation. Ein sprunghafter und lückenhafter Geist löst den unwiderstehlichen Reiz auf einen “writer, doctor, and theoretical philosopher” aus, ihn zu beherrschen. Wer herrscht hier über wen?

Mittel der Macht

Ein perfektes Paar: Freddie Quell ist ein Soziopath, ein Wilder, ein Tier. Lancaster Dodd ist ein Dompteur, der von sich sagt, einen Drachen an der Leine führen zu können. Zwischen den beiden gibt es eine tiefe Verbindung, die an einen Satz aus einer anderen Rolle Seymour-Hofmanns erinnert. In Capote sagt er über sein Verhältnis zum Mörder Perry Smith: “It’s as if Perry and I grew up in the same house. And one day he stood up and went out the back door, while I went out the front.”

Das gemeinsame Mittel Quells und Dodd ist die Willkür. Der Pseudowissenschaftler Dodd entdeckt seine Wahrheiten nach willkürlichen Methoden, der Schläger Quell setzt sich willkürlich über soziale Normen hinweg. Zusammen bilden sie die beiden Arme eines Machtapparates: Produktion von Sinn und Regeln auf der einen Seite, physische Gewalt gegen Angriffe auf den philosophisch-politischen Überbau auf der anderen Seite.

Die Macht, die diese Kombination entfaltet erklärt die Anziehungskraft, die die beiden Hauptfiguren aufeinander haben. Ein Boot – ein Ort der unausweichlichen Gemeinschaft – dient als Ort der Vereinigung. Eine symbolische Fahrt auf dem Motorrad – einem Gefährt des unausweichlichen Allein-Seins – zeigt die Trennung auf. Dieser Weg von der gemeinschaftlichen Boot auf den einsamen Sattel weist den Weg in die Richtung von P.T. Andersons Lieblingsthema, dem Kern der amerikanischen Seele.

Theater des Aggression

Willkür, Gewalt, Paranoia. So sieht das Paket aus, das Andersons Amerikaner als Preis der Freiheit mit sich herumtragen muss. Man kennt es aus There Will Be Blood oder Scorceses Gangs Of New York. Und hat Quell als Kriegsveteran diesen Preis tatsächlich noch durch traumatische Erlebnisse auf dem Schlachtfeld bezahlen müssen, liegt die Herkunft der Aggressionen Dodds im Dunkeln. Der Meister gleicht dem Tier, weiß aber seine Gewalt und damit auch ihre Ursprünge zu sublimieren.

Der asoziale Aggressor Quell und die hypersoziale Führungsfigur Dodd. So gegensätzlich ihr Verhältnis zur Gesellschaft ist, im Kern repräsentieren beide zwei Seiten der gleichen Medaille. Der geistige Revolutionär Dodd braucht die Aggressionen Quells als Motor. Sein Kopf wird produktiv, in dem Maße, in dem die Muskeln des Schlägers Quell produktiv werden. Diese Abhängigkeit vom Tier gefällt dem Dompteur, aber der Familie wird es zunehmend unangenehm, wie der wilde Quell den Meister an der Nase rumführt:

I don’t think Freddie is as committed to the cause as the cause is committed to him.

Und so folgt das Erziehungsprogramm, dessen Ziel es ist, Freddie Quells Aggressionen ebenfalls zu sublimieren. Die gesamte Dodd-Familie entlädt sich in den Übungen an Quell. Sein soziopathischer Charakter wird zum Magnet für soziopathische Handlungen der Familie, der Film wird zu einem wortlosen Theater der Aggressionen. Die Familie greift Quell an. Quell greift Dodd an, der Staat greift Dodd an.

Nach Hause, nach Europa

Das Programm bildet Schritt zwei eines dreischrittigen Domestizierungsprozesses des Wilden Freddie Quell. Es ist eine Reise vom wilden Westen in den Osten. Von Kalifornien an die Ostküste, und schließlich nach Europa. Aus der streunenden Einsamkeit in die Arme einer haltgebenden, strafenden Familie in die geordnete Freiheit, in der Quell sein eigener Herr sein kann.

Freddie Quell erkämpft sich diese Freiheit gegen die Vaterfigur Dodd. Dieser setzt seinen Bestrebungen in der Mitte des Films eine klare Grenze:

“If you figure a way to live without serving a master, any master, then let the rest of us know, will you? For you’d be the first person in the history of the world.”

Der neue Meister

Tatsächlich findet Quell in der Abschlussszene zwar die Freiheit in der Liebe zu einer Französin, aber sein Meister, Dodd, ist bei ihm. Es sind Dodds Methoden, mit denen er den Kontakt zu dem Mädchen aufnimmt, der Meister lebt in ihm weiter. Dann kommt ein Cut und wir sehen eine Neuschreibung von Quells Vergangenheit. In einer Wiederholung einer der ersten Szenen des Films legt sich Freddie an die Seite der Frau aus Sand, die er in vergangenen Szenen lediglich als Sexualobjekt genutzt hat. Das wilde Tier ist zur Ruhe gekommen, indem es sich Glauben und Philosophie des Masters zu eigen gemacht hat.

Der Meister Lancaster Dodd muss in dieser  Konstellation unglücklich zurückbleiben. Es ist ein klassischer Freudscher Vatermord. Die Macht geht auf Quell über, dem geistigen Vater bleiben nur hilflose Drohungen, er wird zurückgelassen. Und so schreitet Macht fort: Indem sich ihre Logik von einem Geist zum nächsten pflanzt. The Master ist keine Person. The Master ist dieses Prinzip des Herrschens und der gegenseitigen Abhängigkeit von Herrscher und Beherrschtem.

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