David Fincher: The Social Network

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The Social Network ist ein außergewöhnlicher Blockbuster. Der Film ist nicht das große Gefühlskino, das man bei einem Oscar-Anwärter erwartet. Es gibt wenige Momente, in denen sich eine hollywoodtypische Romantik einstellt, und man hinweggerissen wird. Einer davon spielt in Palo Alto. In der Villa der Facebook-Nerds geht leben, feiern und arbeiten Hand in Hand. Was für ein Leben! Und dann platzt Sean Parker (Justin Timberlake) rein und kommentiert begeistert: “Genau so muss es sein!“, und dann ist sie wieder da, die distanzierte Kühle und Emotionslosigkeit, mit der man als Zuschauer diesen Film erlebt.

Es ist die eiskalte Welt Mark Zuckerbergs (Jesse Eisenberg), die wir  auch emotional miterleben. Wir dürfen durch seine Augen schauen – stets distanziert, stets überlegt. Auf Dauer stellt sich ein eigenartiges Gefühl ein, das über das Ende hinaus andauert. Man sitzt auf den Abspann starrend da, und versucht vergeblich einen Begriff für das soeben Gesehene zu finden: fantastisch? Nein! Misslungen? Definitiv nicht! Genial? Nicht auf den ersten Blick.

Vielleicht auf den zweiten. Eigentlich erzählt der Film den Aufstieg eines jungen, genialen Programmierers und Geschäftsmann, der aus einer Idee in der Studierstube ein Weltunternehmen schafft. Ein amerikanischer Traum! Mit einer Idee, Passion, Geschäftssinn und dem Instinkt für die richtigen und falschen Berater setzt sich ein junger Mensch durch und wird zum jüngsten Milliardär unserer Zeit. Aber Hollywoods üblicher lobhudelnder Kommentar zum American Dream wird rigoros verweigert.

Fincher konzentriert sich auf das scheinbar Nebensächliche. Juristische Zankereien um Urheberschaft der Facebook-Idee, verletze Eitelkeiten und Eifersüchteleien zwischen erfolgsverwöhnten Eliteschülern. Kindisch wirken die Motive aller beteiligten Personen. Erfolg ist für sie nicht Selbstzweck und Heilsbringer einer protestantischen Ethik. Er ist dezidierter Ausdruck ihrer Eitelkeit. Er ist die einzige Waffe hilfloser Charaktere, und der erfolgreichste ist der hilfloseste. Finchers Zuckerberg kann sich nirgends gegen seine Mitmenschen behaupten. Dass sie alle seine Opfer werden liegt nicht an seinem Willen, seiner Durchsetzungskraft, seinen Ellbogen. Es ist die einzige Wahl die er hat.

David Fincher nimmt sich in einer bis dato ungesehenen Tonlage diesem Urthema des Hollywood-Kinos an. Seit American Beauty hat man nicht mehr einen so spitzfindigen und bereichernden Kommentar zur Konstitution der amerikanischen Erfolgsethik gesehen. Indem er einerseits ihre Gefühlswelt erkundet, andererseits die Nähe und Empathie zu seinen Figuren verweigert, setzt er einen Kontrapunkt zu Sam Mendes Meisterwerk. American Beauty erzählt überzeichnend emotionalisiert die Geschichte des im Mediokren erstickten amerikanischen Traums und wirkt somit als geniale Persiflage. In The Social Network schauen wir nüchtern wie ein Radiologe in die mediokren Gefühlswelten eines Erfolgsmenschen und werden zu Zeugen eine herausragenden Generations-Analyse.

Der klinisch kühle Operationstisch, auf dem Fincher seinen Protagonisten seziert, hat freilich einen großen Nachteil. Der Film wird wahrscheinlich nicht über Jahre als Referenz fortleben. Er gibt sich in seiner Nachahmung dem schnelllebigen Internet Zeitgeist hin. Ein unauffälliger Film, der seinem Thema genau deswegen herausragend gerecht wird.

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